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Versuch über Maria

Am Ende des Maienmonats und nach Ina Prätorius schöner Kolumne zur "weiblichen Autorität“ eine katholische Resonanz mit Blick auf Maria.

"In meiner Oberschulzeit war Maria ein Knüppel, den man intelligenten Mädchen über den Kopf haute. Ihr Beispiel wurde uns ständig vor Augen gehalten: ein Bespiel von Schweigen, Unterordnung und der Lust, den letzten Platz einzunehmen“ - so die amerikanische Schriftstellerin Mary Gordon. Dabei sagen Schrift und Dogma etwas ganz anderes: Maria steht für die Umwertung der Werte von stark und schwach, reich und arm im Magnifikat, für die ursprüngliche Reinheit aller Menschen vor aller Schuld im Dogma von der Unbefleckten Empfängnis und für die Vorwegnahme erfüllter Hoffnung von Mensch und Welt in der Sehnsucht nach einem Himmel in der Lehre von Marias Aufnahme in den Himmel.

Der Jungfrauentitel für Maria schließlich legitimiert nicht das Patriarchat, sondern markiert seine religiöse Verwerflichkeit. Denn er hebt die Unabhängigkeit der Frauen von den Männern hervor, unterstreicht die Herkunft Jesu von einer Frau und ersetzt den Mann, nicht aber die Frau durch den Heiligen Geist.

Maria steht, wie die vielen Frauen um Jesus, für das Volk Gottes insgesamt in seinem mühsamen, aber gesegneten Weg zu Gott. Maria steht für die Menschheit in ihrer Armseligkeit, aber auch in ihrer Schönheit und Größe vor Gott. Maria ist der exemplarische Mensch: Sie ist es als Frau, als Jüdin, als Opfer einer immer wieder Frauen und Juden verachtenden Christentumsgeschichte. Man kann nicht gleichzeitig Maria lieben und Frauen verachten und diskriminieren. Man kann nicht Maria als Mutter der Schmerzen und der Barmherzigkeit besingen und zugleich guten Gewissens unbarmherzig und unsensibel für die Leiden anderer, gerade der Frauen, sein.

Der Autor ist katholischer Pastoraltheologe an der Universität Graz

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