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Abschied vom Charmeur aus Wien

Mit seinem Tod hat man seit langem rechnen müssen. Seit er 2003 in einer Burgvorstellung von Nestroys "Zerrissenem" zusammengebrochen war und ein Gehirntumor entfernt werden musste, lebte Karlheinz Hackl mit dem Schatten eines möglichen Rückfalls. Umso zuversichtlicher, ja freudesprühend wirkte er in diesem Jahrzehnt: aus dem Lebemann war ein Lebensgenießer geworden. Spielen wollte er, im Kreis seiner jungen Familie geborgen sein, das Hiersein in vollen Zügen genießen. Er hat viel geleistet in seinem Künstlerleben. Sein Aufstieg in die erste Reihe der Schauspieler in Wien gelang kometenhaft. Vom Vater ins Studium der Betriebswirtschaft gedrängt, erwarb er sich erst den Magistertitel und dann das Darstellerwissen auf der Schauspielschule Krauss, ehe er 1972 an Stella Kadmons "Theater der Courage" debütierte. Am Volkstheater feierte er erste Erfolge, ging dann kurz zu Boy Gobert ans Hamburger Thalia-Theater. In Achim Bennings legendärem Nestroy-Ensemble am Burgtheater wurde er ab 1978 eine unverzichtbare Größe. Die Domäne des Wiener Charmeurs war die österreichische Dramatik, von Raimund und Nestroy über Schnitzler und Hofmannsthal bis Horváth. Dafür konnte er alle Register ziehen, von burlesk-komödiantischer Ausgelassenheit über trockene Lakonie bis zu tief berührender Tragik. Unvergesslich sein zynischer Bonvivant Anatol, sein proletarisch-verlorener Liliom, der kühle Rationalist Hofreiter in Schnitzlers "Weitem Land". Erschütternd sein aus dem Krieg heimgekehrter Horváth'scher Don Juan, den am Grab der Geliebten die Kälte des Todes frösteln macht. Als es für ihn unter Peymann weniger zu spielen gab, führte er erfolgreich Regie: Neil Simons "Brooklyn Memoiren" und Ibsens "Nora" am Volkstheater, Schnitzlers "Liebelei" oder Horváths "Geschichten aus dem Wiener Wald" in der Josefstadt, wo er vergeblich das Direktorenamt anstrebte. Seine unbändige Spiellust ließ ihn als Drag-Queen Zaza im "Käfig voller Narren" in der Volksoper brillieren und führte ihn bereits 2005 zurück auf die Burgtheaterbühne, wo er als "Zerrissener" Herr von Lips ein triumphales Comeback feierte. Für Karin Bergmann war Hackl "der Inbegriff der österreichischen Schauspielkunst." Das sah auch Axel Corti so, bei dem er 1976 als "Der junge Freud" sein Filmdebüt gab und später auch in "Der Ehrentag","Welcome to Vienna" und "Radetzkymarsch" mitspielte. Mimische Klugheit, Kühle, Komödiantenschmäh zeichneten ihn aus. Am 1. Juni ist er gestorben.

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