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Feuilleton

Beckett und Mayröcker in Salzburg

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Als mit Samuel Beckett der Existenzialismus absurd wurde, stand die Politik in der Krise. Jederzeit musste man damit rechnen, dass der finale Todesschlag gegen die Menschheit geführt würde. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, der Schock von Auschwitz und Hiroshima saß den Menschen tief in den Knochen. In dieser Zeit der latenten Bedrohung und weggeschobenen Ängste, die für die Fünfzigerjahre so charakteristisch sind, schrieb Beckett das heute unvermindert beklemmend wirkende Drama "Endspiel", das nun bei den Salzburger Festspielen zu sehen ist.

Vier Menschen warten - nicht auf Godot, von außen erhoffen sie sich schon lange nichts mehr, sondern auf das große Aus. Vier, mehr gibt es nicht mehr. Sind auch sie verschwunden, war's das dann mit dem Planeten Erde. Alles ist gesagt, der Rest ist Wiederholung. So kommen die vier über den rhetorischen Notstand auch nicht hinaus. Was funktioniert, sind die alten Sprechmuster von Befehl und Klage. Und wenn der blinde Hamm einmal zu einem längeren Monolog ausholt, möchte man kurz glauben, dass das Einzige, was überhaupt einen Rest von Menschlichkeit retten könnte, das Erzählen ist. Dieter Dorn bleibt in seiner Inszenierung wunderbar nahe am Text Becketts, spart sich Regieeinfälle, die das alte Stück an ein angeblich kribbeliges, vom Zeitgeist verwüstetes Publikum heranführen sollen. Und dieses dankt ihm seine intensive Arbeit mit ausgiebigem Applaus.

Das Schlimme ins Heitere gedreht

Es gibt keinen Fortschritt mehr, nur noch das Gleichmaß des Elends. Tragisch, doch Dorn nimmt Beckett beim komischen Wort und kippt die Unausweichlichkeit menschlichen Untergangs ins Groteske, wo alles Schlimme noch eine Drehung ins Heitere nimmt. Nicholas Ofczarek und Michael Maertens ergeben ein wunderbares, jeweils voneinander abhängiges Herr-Knecht-Gespann, gefangen in Rohheit und ungeschickter Sensibilität. Joachim Bißmeier und Barbara Petritsch ergeben sich in ihre Existenz im Mistkübel, manchmal greinend, feixend, ganz im Sinn einer auf Aussichtslosigkeit eingestellten Avantgarde.

Nirgends Versöhnlichkeit, damit will Friederike Mayröcker, eine Beckett-Leserin, nicht mitmachen. Mit dem Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl begann ihr persönliches Endspiel. Im "Requiem für Ernst Jandl" wird sie, deren Lyrik sich als zunehmend privater und recht zugänglich gestaltet, vollends intim. Sie wirbt um ihren "Herz-und Handgefährten", um ihn in ihr eigenes Leben einzubauen. Sie sucht postum literarisch jene Harmonie zurückzuholen, die in die Erinnerung abgesunken ist. Der Musiker Lesch Schmidt stellt unter dramaturgischer Beihilfe von Hermann Beil den Text auf die Festpiel-Bühne. Mayröckers Stimme aus dem Off, eine Band, die zwischen Jazz und Varieté laviert, eine Sprecherin als Verstärkerin der Mayröcker'schen Verzweiflung und Hoffnung: ein Melodram als Widerstand gegen die Endgültigkeit, die der Tod für sich in Anspruch nimmt.

Endspiel

Salzburger Landestheater, 7., 8. Aug.

Als mit Samuel Beckett der Existenzialismus absurd wurde, stand die Politik in der Krise. Jederzeit musste man damit rechnen, dass der finale Todesschlag gegen die Menschheit geführt würde. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, der Schock von Auschwitz und Hiroshima saß den Menschen tief in den Knochen. In dieser Zeit der latenten Bedrohung und weggeschobenen Ängste, die für die Fünfzigerjahre so charakteristisch sind, schrieb Beckett das heute unvermindert beklemmend wirkende Drama "Endspiel", das nun bei den Salzburger Festspielen zu sehen ist.

Vier Menschen warten - nicht auf Godot, von außen erhoffen sie sich schon lange nichts mehr, sondern auf das große Aus. Vier, mehr gibt es nicht mehr. Sind auch sie verschwunden, war's das dann mit dem Planeten Erde. Alles ist gesagt, der Rest ist Wiederholung. So kommen die vier über den rhetorischen Notstand auch nicht hinaus. Was funktioniert, sind die alten Sprechmuster von Befehl und Klage. Und wenn der blinde Hamm einmal zu einem längeren Monolog ausholt, möchte man kurz glauben, dass das Einzige, was überhaupt einen Rest von Menschlichkeit retten könnte, das Erzählen ist. Dieter Dorn bleibt in seiner Inszenierung wunderbar nahe am Text Becketts, spart sich Regieeinfälle, die das alte Stück an ein angeblich kribbeliges, vom Zeitgeist verwüstetes Publikum heranführen sollen. Und dieses dankt ihm seine intensive Arbeit mit ausgiebigem Applaus.

Das Schlimme ins Heitere gedreht

Es gibt keinen Fortschritt mehr, nur noch das Gleichmaß des Elends. Tragisch, doch Dorn nimmt Beckett beim komischen Wort und kippt die Unausweichlichkeit menschlichen Untergangs ins Groteske, wo alles Schlimme noch eine Drehung ins Heitere nimmt. Nicholas Ofczarek und Michael Maertens ergeben ein wunderbares, jeweils voneinander abhängiges Herr-Knecht-Gespann, gefangen in Rohheit und ungeschickter Sensibilität. Joachim Bißmeier und Barbara Petritsch ergeben sich in ihre Existenz im Mistkübel, manchmal greinend, feixend, ganz im Sinn einer auf Aussichtslosigkeit eingestellten Avantgarde.

Nirgends Versöhnlichkeit, damit will Friederike Mayröcker, eine Beckett-Leserin, nicht mitmachen. Mit dem Tod ihres Lebensgefährten Ernst Jandl begann ihr persönliches Endspiel. Im "Requiem für Ernst Jandl" wird sie, deren Lyrik sich als zunehmend privater und recht zugänglich gestaltet, vollends intim. Sie wirbt um ihren "Herz-und Handgefährten", um ihn in ihr eigenes Leben einzubauen. Sie sucht postum literarisch jene Harmonie zurückzuholen, die in die Erinnerung abgesunken ist. Der Musiker Lesch Schmidt stellt unter dramaturgischer Beihilfe von Hermann Beil den Text auf die Festpiel-Bühne. Mayröckers Stimme aus dem Off, eine Band, die zwischen Jazz und Varieté laviert, eine Sprecherin als Verstärkerin der Mayröcker'schen Verzweiflung und Hoffnung: ein Melodram als Widerstand gegen die Endgültigkeit, die der Tod für sich in Anspruch nimmt.

Endspiel

Salzburger Landestheater, 7., 8. Aug.