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Feuilleton

Braveheart's Verirrungen

1945 1960 1980 2000 2020
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Es sind schon die unglaublichsten Geschichten in Reimen angelegt gewesen. Man denke nur an den Zauberlehrling, der das menschliche Drama mit der Technik bis heute auf den Punkt bringt: "Herr, die Not ist groß! Die ich rief, die Geister werd' ich nun nicht los." Das Gleiche gilt auch für die Politik. Da hat beispielsweise ein nicht ganz so wie Goethe begabter Dichter 1970 dem schottischen Volk eine Hymne auf die Leiber komponiert, die einen einzigen Inhalt hat: Den ewigen Feind England und den Traum von der Freiheit: "Wann werden wir euresgleichen wieder sehen, die ihr getrotzt habt dem Heer des stolzen Edward und ihn heimschicktet, damit er sich's überlegt?"

Nun ist's genug überlegt, aber nicht in London, sondern in Edinburgh. Nicola Sturgeon, die schottische Erste Ministerin, will in einem Referendum die Unabhängigkeit anstreben. Als Antwort auf den britischen Brexit soll nun Schottland seinen Scoxit haben. Tatsächlich hatten die Schotten in der Brexit-Abstimmung mit überwältigender Mehrheit für den Verbleib bei Europa gestimmt.

Die Frage ist nun, ob eine Abspaltung den Schotten hilft, den Briten oder Europa? Und die einzige Antwort darauf ist ein banges: Nun ja. Eher aber: Vermutlich keinem. Zunächst bewegen sich die Schotten auf ein äußerst gefährliches Terrain, weil sie mit den Briten wirtschaftlich engstens verbunden sind. Der Handel mit dem Königreich macht zwei Drittel der schottischen Exporte aus. Man stelle sich vor, alle schottischen Produkte würden mit Zöllen belastet.

Trennungen und Nationalismen

Und die Briten? Sie würden einen wichtigen Teil ihres Marktes verlieren. Noch mehr also könnten die globalen Handelspartner des neuen Kleinbritanniens den Briten ihre Bedingungen diktieren. Ex-Kolonien wie Indien haben schon angedeutet, dass Handel keine Dankbarkeit kennt (wofür sollte Indien den Briten auch danken?).

Doch auch die EU steht vor einem Szenario, das untertrieben formuliert, etwas ungelenk einherschreitet. Da kehren sich plötzlich die Qualitäten der EU um. Es würde keine sich erweiternde Gemeinschaft von Staaten, sondern eine Gemeinschaft, die spaltet und trennt. Das ist wieder so gar nicht dem Götterfunken angemessen, der in der Hymne der Union besungen wird. Vor allem die folgende Zeile würde einem im Halse stecken bleiben: "Deine Zauber binden wieder, was die Mode streng getrennt, alle Menschen werden Brüder" und so fort. Und wenn es nicht schon eine offene Perversion des europäischen Gedankens ist (da es ja nur mittelbar trennt), so hinterlässt das Ganze doch einen mehr als galligen Geschmack des Nationalismus, ähnlich wie die dritte Stophe von "Flower of Scotland":"und doch können wir uns wieder erheben, um wieder jene Nation zu werden, die getrotzt hat dem Heer des stolzen Edward."

In diesem Sinne sollte ein jeder in diesem Handel zusehen, dass er sich nicht in einer Phantasie verrennt, in dem es zwar vor Braveheart-Pathos nur so trieft, wo am Ende aber nichts steht als politische und wirtschaftliche Stagnation. Man sollte sich's also überlegen - aber wirklich.