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Flirren, Nebel, pulsierende Kraft

Wie Herbert Brandl die tot gesagte Malerei schillernd feiert, zeigt das Bank Austria Kunstforum mit der ersten umfassenden Schau zum Werk des Künstlers in Wien. Dabei stehen nicht nur die bekannten Bergbilder im Vordergrund, sondern auch Brandls Sicht auf Klassiker.

Sie schillern, sie ziehen ins Bild, sie überwältigen förmlich: Herbert Brandls Gemälde sind auf die Leinwand gebrachte Naturgewalt. Das Bank Austria Kunstforum bietet nun als erstes Museum Wiens eine umfassende Brandl-Retrospektive, die mit sechzig Werken das Malwerk des Grazer Künstlers zeigt, seine Zeichnungen und Aquarelle wurden beiseite gelassen, ein paar wenige Skulpturen runden das Bild ab. Eine neue Perspektive auf seine Arbeit nennt Brandl selbst die von Florian Steininger und Kunstforum-Direktorin Ingried Brugger kuratierte Schau.

Sie ist ein eindrückliches Manifest für die Malerei: Zu einer Zeit, als die Kunstwelt von dieser weg strebte, engagierte sich Brandl für sie. Seine Werke sind teils abstrakt, teils gegenständlich, prächtige Farbfeldmalerei steht neben förmlich dreidimensional wirkenden, realistischen Gebirgsbildern. Aber um diese Unterscheidung geht es Brandl, der auf der documenta Kassel 1992 und auf der Biennale di Venezia 2007 für Aufsehen sorgte, nicht. Es geht ihm um Trance, um Abenteuer. "Was ich mit meinen Bildern vermittle, konnte ich nie so genau sagen. Ich konnte mich nur an ihnen hinaufhanteln wie an einer Felswand.“ Die Berge sind ihm wichtiges Motiv, aber auch Metapher, sein Malvorgang ein "gespieltes alpines Erlebnis“. Die Gefahr bestehe, dass das Bild einen abwerfe. Und gegen diese Kraft seiner Werke kämpft Brandl an, gegen sie will er siegen - in zwanzig Minuten. Gerade so viel Zeit gibt er sich für seine Arbeiten, heißt es.

Durchlässiger Schleier

Die Berge, die seit der Jahrtausendwende zu seinen Lieblingsmotiven gehören, und für deren Namen sich der "Bergseher, nicht Berggeher“ weniger interessiert als für deren Wesen an sich, wirken trotz ihrer kurzen Entstehungszeit plastisch. Hier spielt eine gekonnte Ausstellungsbeleuchtung mit hinein, die auch abseits der Berge viele der Bilder in speziell leuchtenden Farben wirken lässt. Brandls Malerei erscheint oft wie ein durchlässiger Schleier, da er dünnflüssige Ölfarbe verwendet, die er mit Terpentin anreichert. Er lässt die Farbe die Leinwände hinabrinnen, was ein Flirren erzeugt. Sfumato à la Brandl kann durch diese Arbeitsweise entstehen, Nebel, auch pulsierende Kraft.

Nicht nur dass Brandl sich den Moden seiner Zeit widersetzte, ihnen entgegen arbeitete, nicht nur dass er sich für die Malerei als jene Kunst einsetzte, die die Jahrhunderte überdauert, Brandl fühlt sich auch den Alten Meistern verbunden, wiewohl er sie eigenwillig zur Inspiration heranzieht. Bei ihm wird aus Velázquez’ Kreuzigung ein wasserfallartiges Gebilde. An Rubens "Erzherzog Albrecht“ interessiert ihn vor allem der rote Hintergrund, er beschränkt sich auf diesen und meint kokett: "Nur die Figur habe ich vergessen.“ Es sind keine Zitate von Van Gogh, Velázquez, El Greco und Rubens, sondern Bilder, die die Atmosphäre der Alten Meister einfangen, Brandl nennt dies "Gefundenes“.

Tod, Unfall, Lebensprobleme

Menschenleerer Naturalismus beherrscht die Schau des ehemaligen Jungen Wilden, dazu grellbunte, aber auch dunkle Farbfeldmalerei aus den 1980ern. Seine Themen sind nach Eigendefinition Tod, Unfall und problematische Situationen des Lebens: "Das sieht nicht jeder in meinen Bildern. Natürlich zeigen sie auch Natur, Blumen, Landschaften und Berge, aber sie sind gleichzeitig auch eine Auseinandersetzung mit bestehenden und negativen Ereignissen“, erklärt Brandl selbst. Abgesehen von wenigen Bildern von Hyänen, die er angesichts der aktuellen Situation von Politik und Wirtschaft neu interpretiert, wisse er oft selbst nicht genau, was seine Bilder zeigen. "Ich versuche Ereignissen zu folgen“, sagt er in einem Video der Ausstellung, das ihn im Atelier zeigt, wie er in kürzester Zeit ein monumentales Bild malt.

"Mir ist wichtig, dass ein Betrachter, der vor einem meiner Werke steht, durch die Größe direkt im Farbraum stehen kann“, wird Brandl in der Schau zitiert - und es gelingt. Man fühlt sich förmlich umfangen von dem Braun, von dem Neonrosa, vom schimmernden Grün oder Rot.

Zusätzlich zur Herbert-Brandl-Werkschau hat das Bank Austria Kunstforum die Exposition "Body.Action: Collected 2“ eröffnet, bei freiem Eintritt werden im tresor des Museums Werke von Gironcoli, Lassnig, Nitsch, Rainer und EXPORT gezeigt.

Herbert Brandl

Bank Austria Kunstforum, Freyung 8, 1010 Wien

bis 15. April, täglich 10-19 Uhr

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