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"Eine mythische Naturüberhöhung“

Das Gespräch führte Martin Tauss

Eine neue Ausstellung der Sammlung Essl im Schömer-Haus in Klosterneuburg präsentiert Malerei, die sich der Erkundung verschiedener Natur-Räume verschrieben hat. Titelgebend ist ein Werk des zeitgenössischen dänischen Malers Per Kirkeby: "Der Himmel im Garten“. Kirkeby war Geologe und ließ sich mit Hilfe natürlicher Strukturen wie Erdformationen und Gesteinsschichtungen zu abstrakten Bildern inspirieren. Der US-amerikanische Pop-Art-Künstler Alex Katz hingegen führte einzelne Naturerscheinungen wie die Spiegelung eines Baumes in seinem Garten in eine emblematische, von Lichteffekten bestimmte Malerei.

Die Leipziger Künstlerin und ausgebildnete Gärtnerin Rosa Loy wiederum widmet sich in ihrem Werk einer romantisch-rätselhaften, weiblich dominierten Bildwelt. Zu den in der Ausstellung gezeigten Künstlern zählen unter anderem auch Karel Appel, Arik Brauer, Herbert Brandl, Rudolf Hausner, Anton Lehmden, Peter Pongratz und Max Weiler.

Interesse für die alltägliche Natur

Während etwa in der romantischen Landschaftsmalerei oft wilde, urwüchsige Naturlandschaften im Vordergrund standen, zeigte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch ein Interesse an den alltäglichen Erscheinungsformen der Natur, beispielsweise dem bürgerlichen Garten. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wird das Thema Natur dann zunehmend in abstrahierter Form behandelt.

Die Sammlerin Prof. Agnes Essl kuratiert mit Andreas Hoffer, seit 1999 Kurator im Essl Museum, die aktuelle Ausstellung. Die FURCHE traf ihn zum Gespräch über den Stellenwert der Farbe Grün in der Kunst.

DIE FURCHE: Welche Wirkung kann die Farbe Grün in der Malerei entfalten?

Andreas Hoffer: Grün ist oft eine sehr beruhigende Farbe, die mit Harmonie, Sicherheit oder Großzügigkeit assoziiert wird; man denke an die Darstellungen weiter Landschaften im Sinne eines freien Naturerlebnisses. Der russische Maler Wassily Kandinsky hingegen schrieb der Farbe Grün missachtend eine "passive Wirkung“ zu: Grün sei "wie eine dicke, unbeweglich liegende Kuh, die, nur zum Wiederkäuen fähig, mit blöden, stumpfen Augen die Welt betrachtet“. Bestimmte Schattierungen von Grün werden zuweilen auch mit dem Giftigen, dem Unreifen und Verdorbenen assoziiert; ein leuchtendes Giftgrün oder Gelbgrün kann richtig hart erscheinen und sehr energiegeladen sein. Im Expressionismus dient Grün oft, mit Rot kombiniert, als Komplementärkontrast einer starken Emotionalisierung und wird wie alle Farben dieser Künstler als Bedeutungsträger für subjektive Empfindungen verwendet. Als historische Malerfarbe war Grün tatsächlich eine giftige Farbe, denn das schönste Grün wurde aus in Arsen gelöstem Kupfergrünspan hergestellt.

DIE FURCHE: Welche Rolle spielt das Grün in der aktuellen Ausstellung?

Hoffer: Grün dominiert die älteren Landschaftsdarstellungen wie jene von Anton Mahringer aus dem Nötscher Kreis, der hauptsächlich Kärntner Landschaften gemalt hat. Aber auch beim zeitgenössischen österreichischen Maler Herbert Brandl hat das Grün als Ausdruck eines zu erahnenden Naturbezugs einen wesentlichen Stellenwert. Aus Brandls abstrakten Grün- und Blau-Kompositionen können vor dem inneren Auge des Betrachters eindrucksvolle Landschaftsbilder entstehen. Brandl ließ sich in seiner abstrakten Malerei von der Natur inspirieren und hat nach der Jahrtausendwende geradezu einen Tabubruch begangen, indem er Natur wie Berg- und Waldmotive gegenständlich malt. Max Weiler wiederum hat sich von der gegenständlichen hin zur abstrakten Malerei entwickelt, um seinen spirituellen Zugang zur Natur und ihrer Schöpfungskraft besser zum Ausdruck bringen zu können.

DIE FURCHE: Die Farbe Grün hat auch eine religiöse Dimension - wie zeigt sich das in der Kunst?

Hoffer: Im christlichen Kontext symbolisierte Grün das Reich Gottes, die Hoffnung und die Liebe: So malten manche Künstler des Mittelalters das Kreuz Christi grün oder stellten Heilige in grünen Gewändern dar. In mittelalterlichen Tafelbildern war Grün typischerweise die Symbolfarbe des Heiligen Geistes. Die explizit religiöse Dimension der Farbe Grün wird in der modernen Kunst beispielsweise vom Wiener Aktionskünstler Hermann Nitsch wieder aufgegriffen, der mit seinem Orgien Mysterien Theater eine Form von mythisch fundierter Naturüberhöhung betreibt. Die Verwendung der Farbe Grün symbolisiert in Nitsch’ Schüttbildern die religiös konnotierte Erneuerung und Wiederkehr des Lebens.

Der Himmel im Garten.

Natur - Landschaften.

Sammlung Essl im Schömer-Haus

Aufeldstraße 17-23, Klosterneuburg

17.4.2013 - Frühjahr 2014

Eröffnung: Dienstag, 16.4.2013, 19.30 Uhr

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