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Gar nicht provinzielles Theater in der böhmischen Provinz

Eine Uraufführung im tschechischen Mladá Boleslav (Jungbunzlau) widmet sich einem brisanten Thema: Das Stück „Schutzengel“ handelt von der Beziehung einer tschechischen Pflegerin zu einem Österreicher.

Der alte Mann und die junge Frau“, „Vor Sonnenuntergang“: Johann Nestroy behandelt das zeitlose Thema als Posse, Gerhart Hauptmann als Trauerspiel. Vlastimil Venclík hingegen legt seinen „Schutzengel“ (StráÇzn´y andÇel) als Tragikomödie an. Und er stellt die Geschichte in einen ganz konkreten und aktuellen Kontext: „Die Entwicklung der Beziehung zwischen einer jungen tschechischen Pflegerin und einem österreichischen Alten wird nicht nur etwas über die Beziehung zweier unterschiedlicher Generationen aussagen, sondern auch über die kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede zweier Nachbarländer“, so die Vorankündigung.

Das Programmheft ziert ein Aquarell des Stephansdoms, und auf der Bühne deuten Bilder von Riesenrad und Belvedere den Schauplatz an. Mozart ist nicht nur als Medaillon, sondern auch in Tonkonserven präsent, und wenn sich der Vorhang hebt und senkt, markieren die Schauspieler den Donauwalzer. Bei der Zeichnung der Charaktere durch Autor wie auch Regie und Schauspieler werden die Klischees aber rasch aufgelöst und Direktor FrantiÇsek SkÇrípek meint im Gespräch, dass sich Tschechen und Österreicher charakterlich kaum unterschieden; verschieden seien nur die gesellschaftlich-geschichtlichen Bedingungen, unter denen sich ihre Anlagen entfaltet haben.

1968 in Wien hängen geblieben …

Im gegenständlichen Fall bedeutet dies, dass eine 33-jährige Tschechin im Jahr 2008 auf ihrer Arbeitssuche auf einen Tschechen trifft, der 1968 auf der Heimkehr von einem Jugoslawienurlaub in Wien hängen geblieben ist und hier, anstatt zu Hause am „Aufbau einer besseren Zukunft“ mitzuwirken, Karriere als Parfumfabrikant macht. Zunächst stehen die Zeichen auf Sturm, denn die „Helden“ sprechen zwar beide Tschechisch, aber ihre Lebenserfahrungen scheinen inkompatibel zu sein. Doch dann zeigt sich, dass das Verbindende – gescheiterte Ehen und der Wunsch, dem Leben doch noch einen Sinn zu geben – überwiegt.

Die sich anbahnende Liebesbeziehung scheitert allerdings an Tochter und Schwiegersohn des alten Herrn. Die Tochter fürchtet, enterbt zu werden, und der Schwiegersohn kann es kaum erwarten, endlich den Betrieb zu übernehmen. Heinrich Nowotny bzw. Jindrich Novotny wird in ein Irrenhaus gesperrt und für tot erklärt, die „Gans aus Böhmen“ wird entlassen. Die letzte Szene zeigt die Tochter des Fabrikanten beim fast gleichlautenden Aufnahmegespräch mit Hanas Nachfolgerin – die soll aber nicht mehr dem alten Herrn Gesellschaft leisten, sondern dessen Schwiegersohn …

Ausverkauftes Haus

Vlastimil Venclík, der in seinem Leben die Armut eines dissidenten Filmregisseurs ebenso wie, nach 1989, den Reichtum eines erfolgreichen Unternehmers kennengelernt hat, hat die Rollen den Jungbunzlauer Schauspielern auf den Leib geschrieben, und es ist ein vorzügliches, hoch motiviertes Ensemble, das fast jeden Abend für ein ausverkauftes Haus sorgt. Allmonatliche Gastspiele der eigenen Truppe in anderen Städten und anderer Kompanien, nicht zuletzt aus Prag, im Stammhaus sorgen für ein hohes Qualitätsbewusstsein. Der Spielplan reicht von Shakespeares „Sommernachtstraum“ über Josef Kajetán Tyls tschechischen Klassiker „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ bis zu Peter Shaffers „Equus“; bloß die deutschen und österreichischen Gegenwartsdramatiker erscheinen Direktor SkÇrípek für sein Publikum denn doch als „zu schwer“.

Im November feiert man in Mladá Boleslav den 100. Jahrestag der Eröffnung des ungewöhnlichen Theaterbaus – innen ein intimes Spätwerk der k. u. k. Theaterarchitekten Fellner und Helmer, außen ein bombastisches Zeugnis des tschechischen Jugendstils. Und da der Jahrestag mit einem Meilenstein in der Geschichte der hier ansässigen ÇSkoda-Werke zusammenfällt, wird man Adolf Branalds „Großvater Automobil“ aufführen – auch dies vitales Theater in der gar nicht provinziellen tschechischen Provinz.

Städtisches Theater Mladá Boleslav

www.mdmb.cz

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