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NIEMANDEM ZU GEFALLEN

1945 1960 1980 2000 2020

IN SEINEN BRIEFEN ZEIGT SICH HERMANN HESSE ALS KRITISCHER BEOBACHTER.

1945 1960 1980 2000 2020

IN SEINEN BRIEFEN ZEIGT SICH HERMANN HESSE ALS KRITISCHER BEOBACHTER.

Der um drei Jahre ältere Richard von Schaukal preist in einer Rezension aus dem Jahr 1902 Hermann Hesse als einen Dichter, von dem er "sehr viel" erhofft, "mehr als von irgendeinem unserer Tage". Schaukal lässt Hesse zwei seiner eigenen Bücher zukommen, und Hesse reagiert weder dankbar noch wie jemand, der auf einen Verbündeten im Literaturbetrieb hofft. Den Gedichtband "Sehnsucht" schätzt er, die dramatischen Szenen aber qualifiziert er ungewöhnlich schroff ab, zu keinem diplomatischen Kompromiss bereit. Er interessiere sich dafür "eigentlich lediglich als Kulturhistoriker", denn "mit dem Wesen der Dichtung" hätten diese Arbeiten nichts zu tun.

Wem das literarische Werk Hesses als Selbstfindungslektüre für Pubertierende zu leichtgewichtig vorkommt, der findet in den Briefen, die jetzt in einem ersten von zehn geplanten Bänden vorliegen, einen kritischen Beobachter seiner selbst und seiner Umgebung. Es lässt sich verfolgen, wie sich einer auf dem Sprung befindet, eine Schriftstellerkarriere zu wagen und davon vertrauten Personen Bericht erstattet. Zu beobachten ist ein junger Mann, der nicht gewillt ist, sich biegen zu lassen, der niemandem zu Gefallen ist. Die geistige Atmosphäre der Jahrhundertwende, als die Moderne mit überkommenen Autoritäten bricht und ein frischer Wind des Unerprobten für Aufregung sorgt, übersetzt der junge Hesse in eine von Faszination durchdrungene und dennoch besonnene Sprache.

Enormes Pensum

Ein Drittel seiner Arbeitskraft soll Hesse auf das Verfassen von Briefen verwendet haben. Das Pensum muss man sich enorm vorstellen. 40.000 an ihn gerichtete Schreiben sind überliefert, das lässt Schlüsse auf die Mindestzahl seiner Antwortbriefe zu. Diese sind nicht als Nebenwerk abzutun, zumal Hesse große Sorgfalt auf stilistische Feinarbeit verwendet. Er setzt sich mit einem Briefpartner intensiv auseinander, speist niemanden mit Verlegenheitsantworten ab. Er verstellt sich nicht, lässt je nach Bedarf Charme spielen oder Schroffheit aufblitzen. Im ersten Brief, den der Vierjährige seiner Mutter diktiert, haben wir schon den eigensinnigen Charakter, der sich Brief für Brief verfestigt. "Der Doktor wollte meine Zunge sehen, aber ich habe sie ihm durchaus nicht gezeigt, und den bitteren Tee habe ich auch nicht getrunken."

"Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!"

Hermann Hesse: Die Briefe 1881-1904 Hg. v. Volker Michels Suhrkamp 2012.661 S., geb., € 41,10

Der um drei Jahre ältere Richard von Schaukal preist in einer Rezension aus dem Jahr 1902 Hermann Hesse als einen Dichter, von dem er "sehr viel" erhofft, "mehr als von irgendeinem unserer Tage". Schaukal lässt Hesse zwei seiner eigenen Bücher zukommen, und Hesse reagiert weder dankbar noch wie jemand, der auf einen Verbündeten im Literaturbetrieb hofft. Den Gedichtband "Sehnsucht" schätzt er, die dramatischen Szenen aber qualifiziert er ungewöhnlich schroff ab, zu keinem diplomatischen Kompromiss bereit. Er interessiere sich dafür "eigentlich lediglich als Kulturhistoriker", denn "mit dem Wesen der Dichtung" hätten diese Arbeiten nichts zu tun.

Wem das literarische Werk Hesses als Selbstfindungslektüre für Pubertierende zu leichtgewichtig vorkommt, der findet in den Briefen, die jetzt in einem ersten von zehn geplanten Bänden vorliegen, einen kritischen Beobachter seiner selbst und seiner Umgebung. Es lässt sich verfolgen, wie sich einer auf dem Sprung befindet, eine Schriftstellerkarriere zu wagen und davon vertrauten Personen Bericht erstattet. Zu beobachten ist ein junger Mann, der nicht gewillt ist, sich biegen zu lassen, der niemandem zu Gefallen ist. Die geistige Atmosphäre der Jahrhundertwende, als die Moderne mit überkommenen Autoritäten bricht und ein frischer Wind des Unerprobten für Aufregung sorgt, übersetzt der junge Hesse in eine von Faszination durchdrungene und dennoch besonnene Sprache.

Enormes Pensum

Ein Drittel seiner Arbeitskraft soll Hesse auf das Verfassen von Briefen verwendet haben. Das Pensum muss man sich enorm vorstellen. 40.000 an ihn gerichtete Schreiben sind überliefert, das lässt Schlüsse auf die Mindestzahl seiner Antwortbriefe zu. Diese sind nicht als Nebenwerk abzutun, zumal Hesse große Sorgfalt auf stilistische Feinarbeit verwendet. Er setzt sich mit einem Briefpartner intensiv auseinander, speist niemanden mit Verlegenheitsantworten ab. Er verstellt sich nicht, lässt je nach Bedarf Charme spielen oder Schroffheit aufblitzen. Im ersten Brief, den der Vierjährige seiner Mutter diktiert, haben wir schon den eigensinnigen Charakter, der sich Brief für Brief verfestigt. "Der Doktor wollte meine Zunge sehen, aber ich habe sie ihm durchaus nicht gezeigt, und den bitteren Tee habe ich auch nicht getrunken."

"Ich gehorche nicht und werde nicht gehorchen!"

Hermann Hesse: Die Briefe 1881-1904 Hg. v. Volker Michels Suhrkamp 2012.661 S., geb., € 41,10