Digital In Arbeit
Feuilleton

Schritte zur Wahrheit

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Eineinhalb Monate nach Start der Klasnic-Kommission wird der Ruf nach staatlicher Mithilfe zur Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen immer lauter.

Udo Jesionek gesteht: Er musste es sich schon überlegen, bei der Kommission unter Waltraud Klasnic zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche mitzumachen. Was den Präsidenten der Verbrechensopfereinrichtung „Weißer Ring“ und Protestanten letztlich dazu bewogen hat, teilzunehmen, war laut Jesionek die Zusage, dass alles, was die Kommission „verantwortungsvoll beschließt, von der Kirche auch gezahlt wird. Das war für mich ein großer Anreiz mitzumachen, weil es sehr viele Fälle gibt, die bereits verjährt sind, wo die Durchsetzung von Ansprüchen schwierig wäre“, sagt Jesionek im Gespräch mit der FURCHE.

Jesionek, der frühere Präsident des Jugendgerichtshofes, hat seine Teilnahme an der nicht unumstrittenen Kommission bisher nicht bereut. Er zeigt sich „sehr zufrieden“ mit der Arbeit der achtköpfigen Gruppe, die unter der Führung der ehemaligen steirischen ÖVP-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic die Opferschutzanwaltschaft bildet. Diese wurde vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn Ende März eingesetzt, nachdem immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch und Gewalt in kirchlichen Einrichtungen an die Öffentlichkeit kamen.

Für den Opferschutzexperten sind zunächst Therapien für Opfer wichtig. Es gibt laut Jesionek die Vereinbarung, dass jedem, der sich an die Kommission wendet, zunächst zehn Stunden für therapeutische Gespräche bezahlt werden. Das gehe ganz formlos, so Udo Jesionek. „Bei manchen Leuten genügt ein Gespräch, andere brauchen eine lange Therapie.“

„Wildwuchs an Einrichtungen“

Doch wo Opfer sind, gibt es auch immer mehr, die helfen wollen. Nicht immer zum Vorteil der Opfer. „Es gibt eine Reihe von Einrichtungen, es ist ein Wildwuchs entstanden“, sagt Jesionek. Es brauche daher eine staatliche Stelle, die zumindest die Fälle koordiniert, nicht nur jene, die die katholische Kirche, sondern auch jene, die etwa staatliche Einrichtungen betreffen, macht Jesionek klar. Man sollte aber auch überlegen, ob nicht der Staat einen Fonds einrichtet, um jenen, die etwa in staatlichen Einrichtungen missbraucht wurden, rasch zu helfen. Wobei Jesionek anmerkt, dass Heime großteils Länder-Sache seien und daher für so einen Fonds mit den Ländern verhandelt werden müsste.

Einige Kollegen Jesioneks in der Kommission wollen genau eine solche staatliche Stelle, die sich um Vorfälle etwa in pädagogischen Einrichtungen des Bundes kümmern sollte. Dies regten etwa der frühere Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz und Werner Leixnering, Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie der Landes-Nervenklinik Linz, an. Scholz ist sich gar sicher, dass es eine solche Stelle „über kurz oder lang“ geben wird.

Für Franz-Jakob Purkarthofer – er organisiert die Medienarbeit für die „Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt“ – wäre eine solche Stelle viel zu wenig. Er bekräftigt im FURCHE-Gespräch die fundamentale Kritik der Plattform an der Klasnic-Kommission. „Die katholische Kirche kommt aus dieser Sache nur raus, wenn so wie in Irland oder den USA eine unabhängige Stelle die Fälle aufklärt. Eine unabhängige Stelle wäre für jeden besser, auch für die Kirche. Man stelle sich nur vor, es hätte bei den Zeugen Jehovas so viele Fälle von sexuellen Missbrauch gegeben. Es wäre doch unvorstellbar, dass diese selber die Vorkommnisse aufklären dürften!“ Auch die SPÖ und die Grünen befürworten eine unabhängige staatliche Kommission zur Aufklärung der kirchlichen Missbrauchsfälle.

„Letztlich Vertreter der Täter“

Selbst die acht Persönlichkeiten der Kommission, zu der auch Kirchenkritiker wie Kurt Scholz oder Protestanten wie Udo Jesionek gehören, konnten die Plattform-Mitglieder nicht überzeugen, weil sie „letztlich in einer Tätervertretung unter Kardinal Schönborn arbeiten. Zugegeben, eine gelungene PR-Aktion“, sagt Purkarthofer.

Jesionek sagt zu dieser Kritik: „Wir können unsere Glaubwürdigkeit nur beweisen. Aber manche Menschen werden uns nie glauben“. Jesionek verweist darauf, dass er als Protestant der katholischen Kirche immer kritisch gegenüber gestanden sei, und weitere Kommissionsmitglieder teilweise kirchenfremd und kirchenkritisch seien.

Jesionek gesteht aber auch ein, dass „Aufklären nicht unsere Aufgabe ist, wir sind keine Kriminalpolizei“. Es gehe um rasche Hilfe für die Opfer, also zunächst um Therapien. Unabhängig von den Therapiekosten soll es auch Entschädigungszahlungen geben. Darüber wird zurzeit in der Kommission beraten. Es sollte laut Jesionek eine Pauschale sein, der Betrag sollte kein marginaler sein. In der nächsten Sitzung der Kommission am 25. Juni wird dazu ein Vorschlag ausgearbeitet, sagt die Vorsitzende Waltraud Klasnic der FURCHE. Auf einen Betrag habe man sich aber noch nicht festgelegt. Die Kommission will noch im Juli einen Zwischenbericht vorlegen. Erst kürzlich wurden bereits erste Zahlen bekanntgegeben. Bisher haben sich 193 Menschen bei der Kommission gemeldet. Fünf Fälle konnten bereits abgeschlossen werden. Von den 193 Menschen sind etwa zwei Drittel Männer. Fast alle Menschen sind älter als 45 Jahre, informiert Klasnic, die ältesten sind über 90 Jahre alt. „Die Menschen wollen zwei Dinge: Endlich darüber reden dürfen. Und dann kommt die Frage, was jetzt? Manche möchten eine Entschuldigung, eine Gegenüberstellung mit dem Täter, oder eine finanzielle Entschädigung.“ Anklagen seien auch im Laufen, aber auch schon vor Einsetzung der Oberschutzanwaltschaft, sagt Klasnic.

Mit Blick auf ihre Kritiker, etwa in der „Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt“, meint Klasnic: Sie lade alle ein, mitzuarbeiten. Dass irgendein Täter geschont werden würde, schließe sie aus.

Die genannte Plattform bereitet indes eigene Schritte vor. 131 Betroffene von Gewalt in katholischen Einrichtungen planen rechtliche Schritte gegen die Kirche. Mehr Details wollte Purkarthofer gegenüber der FURCHE nicht sagen. Jesionek, ehemaliger Richter, merkt dazu an, dass die Beteiligten hoffentlich von Anwälten aufgeklärt worden seien, dass sie dabei auch Risiken tragen. Das Gericht setze absolute Beweise voraus, dazu komme, dass Fälle oft verjährt seien. Jedem sei unbenommen, sich hier anzuschließen, aber man dürfe Opfern nicht vorgaukeln, dass kein Risiko bestehe.

Purkarthofer erwidert, dass die Klasnic-Kommission angekündigt habe, die Verjährungsfrist auszusetzen. Dies könne die Kirche bei zivilrechtlichen Verfahren – also wenn es um Schadenersatz geht – auch tun.

Jesionek ist ein weiterer Punkt wichtig: Er möchte, dass die Arbeit der Opferschutzanwaltschaft wissenschaftlich begleitet wird, so wie in Deutschland durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen im Auftrag der Katholischen Bischofskonferenz.

Das wäre die Basis, um Konsequenzen abzuleiten und Empfehlungen an die Kirchenführung zu formulieren. Man müsse bei dieser Frage sehr vorsichtig sein, betont Klasnic. Das Wichtigste sei, dass die Anonymität und Verschwiegenheit gewahrt bleiben würde.

Eineinhalb Monate nach Start der Klasnic-Kommission wird der Ruf nach staatlicher Mithilfe zur Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs in Einrichtungen immer lauter.

Udo Jesionek gesteht: Er musste es sich schon überlegen, bei der Kommission unter Waltraud Klasnic zur Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche mitzumachen. Was den Präsidenten der Verbrechensopfereinrichtung „Weißer Ring“ und Protestanten letztlich dazu bewogen hat, teilzunehmen, war laut Jesionek die Zusage, dass alles, was die Kommission „verantwortungsvoll beschließt, von der Kirche auch gezahlt wird. Das war für mich ein großer Anreiz mitzumachen, weil es sehr viele Fälle gibt, die bereits verjährt sind, wo die Durchsetzung von Ansprüchen schwierig wäre“, sagt Jesionek im Gespräch mit der FURCHE.

Jesionek, der frühere Präsident des Jugendgerichtshofes, hat seine Teilnahme an der nicht unumstrittenen Kommission bisher nicht bereut. Er zeigt sich „sehr zufrieden“ mit der Arbeit der achtköpfigen Gruppe, die unter der Führung der ehemaligen steirischen ÖVP-Landeshauptfrau Waltraud Klasnic die Opferschutzanwaltschaft bildet. Diese wurde vom Wiener Kardinal Christoph Schönborn Ende März eingesetzt, nachdem immer mehr Fälle von sexuellem Missbrauch und Gewalt in kirchlichen Einrichtungen an die Öffentlichkeit kamen.

Für den Opferschutzexperten sind zunächst Therapien für Opfer wichtig. Es gibt laut Jesionek die Vereinbarung, dass jedem, der sich an die Kommission wendet, zunächst zehn Stunden für therapeutische Gespräche bezahlt werden. Das gehe ganz formlos, so Udo Jesionek. „Bei manchen Leuten genügt ein Gespräch, andere brauchen eine lange Therapie.“

„Wildwuchs an Einrichtungen“

Doch wo Opfer sind, gibt es auch immer mehr, die helfen wollen. Nicht immer zum Vorteil der Opfer. „Es gibt eine Reihe von Einrichtungen, es ist ein Wildwuchs entstanden“, sagt Jesionek. Es brauche daher eine staatliche Stelle, die zumindest die Fälle koordiniert, nicht nur jene, die die katholische Kirche, sondern auch jene, die etwa staatliche Einrichtungen betreffen, macht Jesionek klar. Man sollte aber auch überlegen, ob nicht der Staat einen Fonds einrichtet, um jenen, die etwa in staatlichen Einrichtungen missbraucht wurden, rasch zu helfen. Wobei Jesionek anmerkt, dass Heime großteils Länder-Sache seien und daher für so einen Fonds mit den Ländern verhandelt werden müsste.

Einige Kollegen Jesioneks in der Kommission wollen genau eine solche staatliche Stelle, die sich um Vorfälle etwa in pädagogischen Einrichtungen des Bundes kümmern sollte. Dies regten etwa der frühere Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz und Werner Leixnering, Leiter der Abteilung für Jugendpsychiatrie der Landes-Nervenklinik Linz, an. Scholz ist sich gar sicher, dass es eine solche Stelle „über kurz oder lang“ geben wird.

Für Franz-Jakob Purkarthofer – er organisiert die Medienarbeit für die „Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt“ – wäre eine solche Stelle viel zu wenig. Er bekräftigt im FURCHE-Gespräch die fundamentale Kritik der Plattform an der Klasnic-Kommission. „Die katholische Kirche kommt aus dieser Sache nur raus, wenn so wie in Irland oder den USA eine unabhängige Stelle die Fälle aufklärt. Eine unabhängige Stelle wäre für jeden besser, auch für die Kirche. Man stelle sich nur vor, es hätte bei den Zeugen Jehovas so viele Fälle von sexuellen Missbrauch gegeben. Es wäre doch unvorstellbar, dass diese selber die Vorkommnisse aufklären dürften!“ Auch die SPÖ und die Grünen befürworten eine unabhängige staatliche Kommission zur Aufklärung der kirchlichen Missbrauchsfälle.

„Letztlich Vertreter der Täter“

Selbst die acht Persönlichkeiten der Kommission, zu der auch Kirchenkritiker wie Kurt Scholz oder Protestanten wie Udo Jesionek gehören, konnten die Plattform-Mitglieder nicht überzeugen, weil sie „letztlich in einer Tätervertretung unter Kardinal Schönborn arbeiten. Zugegeben, eine gelungene PR-Aktion“, sagt Purkarthofer.

Jesionek sagt zu dieser Kritik: „Wir können unsere Glaubwürdigkeit nur beweisen. Aber manche Menschen werden uns nie glauben“. Jesionek verweist darauf, dass er als Protestant der katholischen Kirche immer kritisch gegenüber gestanden sei, und weitere Kommissionsmitglieder teilweise kirchenfremd und kirchenkritisch seien.

Jesionek gesteht aber auch ein, dass „Aufklären nicht unsere Aufgabe ist, wir sind keine Kriminalpolizei“. Es gehe um rasche Hilfe für die Opfer, also zunächst um Therapien. Unabhängig von den Therapiekosten soll es auch Entschädigungszahlungen geben. Darüber wird zurzeit in der Kommission beraten. Es sollte laut Jesionek eine Pauschale sein, der Betrag sollte kein marginaler sein. In der nächsten Sitzung der Kommission am 25. Juni wird dazu ein Vorschlag ausgearbeitet, sagt die Vorsitzende Waltraud Klasnic der FURCHE. Auf einen Betrag habe man sich aber noch nicht festgelegt. Die Kommission will noch im Juli einen Zwischenbericht vorlegen. Erst kürzlich wurden bereits erste Zahlen bekanntgegeben. Bisher haben sich 193 Menschen bei der Kommission gemeldet. Fünf Fälle konnten bereits abgeschlossen werden. Von den 193 Menschen sind etwa zwei Drittel Männer. Fast alle Menschen sind älter als 45 Jahre, informiert Klasnic, die ältesten sind über 90 Jahre alt. „Die Menschen wollen zwei Dinge: Endlich darüber reden dürfen. Und dann kommt die Frage, was jetzt? Manche möchten eine Entschuldigung, eine Gegenüberstellung mit dem Täter, oder eine finanzielle Entschädigung.“ Anklagen seien auch im Laufen, aber auch schon vor Einsetzung der Oberschutzanwaltschaft, sagt Klasnic.

Mit Blick auf ihre Kritiker, etwa in der „Plattform Betroffener Kirchlicher Gewalt“, meint Klasnic: Sie lade alle ein, mitzuarbeiten. Dass irgendein Täter geschont werden würde, schließe sie aus.

Die genannte Plattform bereitet indes eigene Schritte vor. 131 Betroffene von Gewalt in katholischen Einrichtungen planen rechtliche Schritte gegen die Kirche. Mehr Details wollte Purkarthofer gegenüber der FURCHE nicht sagen. Jesionek, ehemaliger Richter, merkt dazu an, dass die Beteiligten hoffentlich von Anwälten aufgeklärt worden seien, dass sie dabei auch Risiken tragen. Das Gericht setze absolute Beweise voraus, dazu komme, dass Fälle oft verjährt seien. Jedem sei unbenommen, sich hier anzuschließen, aber man dürfe Opfern nicht vorgaukeln, dass kein Risiko bestehe.

Purkarthofer erwidert, dass die Klasnic-Kommission angekündigt habe, die Verjährungsfrist auszusetzen. Dies könne die Kirche bei zivilrechtlichen Verfahren – also wenn es um Schadenersatz geht – auch tun.

Jesionek ist ein weiterer Punkt wichtig: Er möchte, dass die Arbeit der Opferschutzanwaltschaft wissenschaftlich begleitet wird, so wie in Deutschland durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen im Auftrag der Katholischen Bischofskonferenz.

Das wäre die Basis, um Konsequenzen abzuleiten und Empfehlungen an die Kirchenführung zu formulieren. Man müsse bei dieser Frage sehr vorsichtig sein, betont Klasnic. Das Wichtigste sei, dass die Anonymität und Verschwiegenheit gewahrt bleiben würde.