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Sorgenkind Wissenschaft

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Es bleibt dabei: Trotz aller Schwächen und Mängel waren die sieben Bitten des Papstes um Vergebung historischer Schuld ein singuläres Ereignis, an dem sich weltliche Herrscher ein Beispiel nehmen könnten. Am schwächsten fiel die pontifikale Reue gegenüber der Wissenschaft aus: Versäumnis, Zufall oder Erkenntnis, daß hier noch schwere Herausforderungen auf eine Kirche zukommen, die auf der Höhe der Zeit argumentieren will?

Für die Demütigung Galileo Galileis hat sich der Vatikan nach 350 Jahren entschuldigt. Für die Verbrennung Giordano Brunos ein bißchen. Für die Verteufelung Charles Darwins nie. Kein Sterbenswörtchen bis heute über die entwürdigende Behandlung von Teilhard de Chardin. Zu klarer Anerkennung der Evolutionstheorie hat sich erst Johannes Paul II. durchgerungen. Sie stellt freilich Anfragen an die Theologie, denen sich diese bisher nur verschämt gestellt hat.

Wenn die Menschheit nicht im Menschenpaar, sondern gleichzeitig auftrat, dann ist die biblische Erzählung von Adam und Eva wie viele andere ein mythisches Bild, aber kein historischer Befund. Wenn es Adam und Eva so, wie wir sie kennen, nicht gab, gab es auch keine Ursünde, so wie wir diese kennen. Was wäscht dann die Taufe ab? Wovon hat Jesus Christus dann erlöst?

Kritische Publikationen über die "Erbsünde" nehmen zu. Manche Autoren sehen das ganze Glaubensgebäude zerfallen: sicher ein Fehlurteil! Ursünde als Schuldverstrickung aller Menschen, Taufwasser als Symbol nicht der Reinwaschung, sondern der Lebensspendung, Erlösung nicht als Versöhnung eines blutgierigen Gottes, sondern als irdische Selbstmitteilung der Liebe des Schöpfers zu Schöpfung und Geschöpfen sind vielen Theologen gewohnt geworden.

Aber auf Kanzeln und in Religionsstunden wird kaum davon geredet. Im Weltkatechismus kommt das Wort "Evolution" überhaupt nicht vor. Wenn die Verantwortlichen nicht bald aus ihrer kleingläubigen Ängstlichkeit aufbrechen, wird es eines Tages wieder viel Entschuldigen geben müssen.

Hubert Feichtlbauer ist freier Publizist und Vorsitzender der Plattform "Wir sind Kirche".