Streiten mit heiligem Ernst

Worum geht es eigentlich: Um menschliche Embryonen oder embryonale Menschen? Zellhaufen ist jedenfalls kein neutraler Begriff. Und schauen Sie sich die angeblich so unspektakulären Bilder dieser "Zellen" an. Die verschleiern doch vieles. Schließlich handelt es sich hier um potenzielle Menschen. So klein und unscheinbar waren wir doch alle einmal, oder? Aber warum sollte ein potenzieller Mensch die gleichen Rechte haben wie ein erwachsener Mensch. Ein Kronprinz genießt schließlich auch nicht die (Vor-)Rechte eines Königs - so argumentiert die Gegenseite.

Obwohl die Debatte um den wirklichen moralischen Status des Embryos nun schon seit Jahren andauert, sich schon Bücherschränke mit Doktorarbeiten und Habilitationen zum Thema füllen lassen, ein Ende des Streits ist nicht in Sicht.

Auch die neueste Entdeckung in der Stammzellforschung hat daran nichts geändert. Es gibt zwar weitere Argumente, aber keine leichte (technische) Lösung dieses ethischen Dilemmas - auch das konnte man auf der Stammzell-Tagung lernen.

Dabei war es bewundernswert, wie hautnah das Thema manchem Teilnehmer noch ging (ohne Ironie!). Einer entrüstete sich etwa lauthals darüber, dass er seine Gegen-Meinung zur katholischen Sichtweise nicht mehr loswerden konnte; die Diskussionszeit war zu weit vorangeschritten. Am Mittagstisch sah man dann den Theologen Günter Virt und den embryonalen Stammzellforscher Erwin Wagner wie selbstverständlich beisammensitzen - und intensiv weiterdiskutieren.

Wissenschaft und Religion, aber auch die Religionen untereinander pflegen ja nur allzu oft einen fried-höflich netten Austausch oder meiden sich einfach ganz. Selten beobachtet man echte Emotionen oder gar einen heiligen Ernst im Umgang miteinander - hier freilich ohne die geringste Chance, den jeweils andern zu bekehren. Aber soll das das einzige Ziel sein?

thomas.muendle@furche.at

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