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Drehscheibe in der Blauen Banane

Ann Lukowiak spricht über die steigende Zahl festgenommener Transitmigranten, die Anfälligkeit von Industriegebieten und Parkplätzen europäischer Autobahnen für Menschenschmuggel und erklärt, was die "Blaue Banane" ist.

DIE FURCHE: Wie hat sich die Transitmigration in Belgien in den letzten Jahren entwickelt?

Ann Lukowiak: Zwischen 2015 und 2017 stieg die Anzahl festgenommener Transitmigranten deutlich an. 2015 waren es noch 3916, im Jahr 2017 schon 9347. Die häufigsten Nationalitäten sind, in dieser Reihenfolge, Eritrea, Sudan, Irak, Syrien und Afghanistan. Seit 2017 steigt die Anzahl von Personen, die sich unbegleitete Minderjährige nennen, deutlich an.

DIE FURCHE: Trifft der Eindruck zu, dass Belgien eine Drehscheibe organisierten Menschenschmuggels nach England geworden ist?

Lukowiak: Das ist schon seit einigen Jahren so. Diese Tatsache kam schmerzhaft ans Licht, als in der irischen Hafenstadt Wexford 2001 in einem Container acht Kurden angetroffen wurden, die während der Überfahrt gestorben waren, darunter drei Kinder. Sie waren von einer kriminellen Organisation, die in Belgien aktiv war, auf dem Rastplatz Groot-Bijgaarden in einen Container geladen worden. Medien widmen dem Phänomen jetzt mehr Aufmerksamkeit, während es vor einigen Jahren niemanden interessierte, und ein aufgedecktes Netzwerk von Menschenschmugglern kaum in die Nachrichten kam. Die Zahl festgestellter Fälle von Menschenschmuggel hat sich zwischen 2013 und 2017 verdoppelt. 2013 waren es 219,2017 463 und in der ersten Hälfte von 2018 schon 246. DIE FURCHE: Was macht Belgien eigentlich so interessant für Schleuser?

Lukowiak: Belgien liegt an einem entscheidenden Punkt der "Blauen Banane", ein Korridor, der wichtige westeuropäische Metropolen verbindet. Sie beginnt bei Mailand und Turin und endet in den britischen Midlands. Dazwischen liegt die "flämische Raute", das urbane Kerngebiet zwischen den Großstädten Brüssel, Gent, Antwerpen und Leuven. Durch diesen Korridor erreichen Transmigranten über die E40 Großbritannien. DIE FURCHE: Welche Rolle spielt diese Autobahn?

Lukowiak: Sie ist die längste der europäischen Fernstraßen und reicht von Kasachstan bis Calais. Nur die letzten ihrer 8000 Kilometer verlaufen durch Belgien. Was unser Land angeht, findet man dort die meisten LKWs, die mit einiger Sicherheit in Richtung Großbritannien fahren. Das macht Parkplätze und Industriegebiete entlang dieser Route anfällig für Menschenschmuggel. Durch die Schließung von Parkplätzen in Nord-Frankreich versuchen mehr Transitmigranten, von Belgien aus ins Vereinigte Königreich zu gelangen. In den letzten beiden Jahren wurden Maßnahmen ergriffen, die anfälligen Parkplätze zu sichern. Darum organisieren sich Schleusernetzwerke jetzt entlang der E413 bis nach Luxemburg und der E17. Mit der Folge, dass in ganz Belgien geschmuggelt wird.

DIE FURCHE: Welche Netzwerke sind hier aktiv? Lukowiak: Die bedeutendsten sind iranisch-oder irakisch-kurdische, die oft von Nord-Frankreich aus operieren, albanische Netzwerke, die Transporte aus dem Inland organisieren und oft zusammenarbeiten mit osteuropäischen LKW-Fahrern. In zunehmendem Maß gibt es auch afrikanische Netzwerke, vor allem Sudanesen, Eritreer und Ägypter. In kleinerem Umfang, aber schon lange aktiv sind indische Netzwerke, die von Brüssel und Paris aus arbeiten. Sie werden oft aus dem Herkunftsland oder aus Großbritannien geleitet. Innerhalb der Schleusernetzwerke gibt es solche, die sich auf Menschenschmuggel beschränken, und polykriminelle, die auch im Drogenhandel aktiv sind.

DIE FURCHE: Man hört, dass Schleuser mit Garantien arbeiten, früher oder später England zu erreichen?

Lukowiak: Es gibt zwei Sorten von Transporten: normale und solche mit Garantie. Bei letzteren wird ein Full-Service-Paket angeboten, das bis zu 15.000 Euro kosten kann. Bezahlt wird erst, wenn das Zielland erreicht ist. Seit kurzem sehen wir auch, dass manche Transmigranten, die in Belgien oder Nord- Frankreich gestrandet sind, von Schleusern für allerlei eingesetzt werden, um damit ihre Überfahrt zu bezahlen. Durch Teilnehmen am Schmuggeln bekommen sie die Garantie, trotzdem noch ins gelobte Land zu gelangen.

DIE FURCHE: In den letzten Monaten wurden bei Kontrollen viele Menschen festgenommen, aber kaum Schleuser. Stimmt dieser Eindruck?

Lukowiak: Aus der Erfahrung der letzten Jahre geht hervor, dass Orte, an denen Transitmigranten zusammenkommen (improvisierte Camps, Asylzentren, Orte, an denen Essen verteilt wird, Anm.), anfällig sind für die Infiltration von Menschenschmugglern. Diese Konzentrationen machen es den Schleusernetzwerken leicht, Kunden anzuwerben. Der Sinn der intensivierten Kontrollen ist es, den Netzwerken das Anwerben von Kundschaft schwerer zu machen. Ich denke, dass die Wahrnehmung, wonach kaum Schmuggler festgenommen würden, nicht korrekt ist. Allerdings ist es so, dass bei den Kontrollen von Transmigranten oftmals keine Schmuggler erwischt werden. Denn sie haben inzwischen gelernt, ihren Ansatz zu ändern und den Migranten Anweisungen zu geben, wie sie bei einem bestimmten Fahrzeug oder bestimmten LKW nach Innen gelangen, ohne dass sie selbst die gesamte Route begleiten. Die Chance, festgenommen zu werden, ist zu hoch geworden.

Innerhalb der Schleusernetzwerke gibt es solche, die sich auf den Menschenschmuggel beschränken. Und es gibt polykriminelle Netzwerke, die auch im Drogenhandel aktiv sind.

Ann Lukowiak

ist bei der belgischen Föderalen Staatsanwaltschaft für Menschenschmuggel und Menschenhandel zuständig.

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