Hundegger - © Foto: imago images / gezett

Eigenwillig und herausfordernd

1945 1960 1980 2000 2020

700 Jahre und die Aufklärung trennen Dante Alighieri und Barbara Hundegger und doch haben sie Gemeinsames.

1945 1960 1980 2000 2020

700 Jahre und die Aufklärung trennen Dante Alighieri und Barbara Hundegger und doch haben sie Gemeinsames.

Dante verfügte über ein festes Weltbild, das von religiösen Vorstellungen ummauert und durch philosophische Begründungen stabilisiert wurde. Für den Menschen war gesorgt, wenn er nach seinem Tod das Diesseits zu verlassen gezwungen war. Je nachdem, wie er sich zeitlebens aufgeführt hatte, wurde er in die Hölle, das Paradies oder das Purgatorium eingewiesen. In seiner "Göttlichen Komödie" machte Dante anschaulich, was der jeweilige Ort für den Einzelnen bedeutet.

Barbara Hundegger, durch sieben Jahrhunderte und die Aufklärung von Dantes Überzeugungen getrennt, schafft es nicht, sich Rückversicherung bei einer göttlichen oder irdischen Instanz zu holen, der sie sich bedenkenlos anvertraut. Bedenkenlos, was für ein Wort für eine Autorin, deren gesamtes lyrisches Werk geradezu getragen ist von dem Vorbehalt, mit der Sprache einer Wirklichkeit gerecht zu werden, die sich in ihrer Vielschichtigkeit, Widersprüchlichkeit und Unabsehbarkeit der Darstellbarkeit geradezu entzieht. Deshalb passt ja die Lyrik so gut zu Hundegger, weil sie hier nicht Klarheit um jeden Preis schaffen muss. Ihre Gedichte bleiben offen, bilden keine scharf umrissenen Denkterritorien, sind Text gewordener Einspruch gegen die Handhabbarkeit unserer Welt. Dennoch hat sie an Dantes opus magnum Feuer gefangen. Nicht, dass ihr seine Deutung menschlichen Daseins im Diesseits wie im Jenseits einleuchten würde, aber sie nimmt ihn beim Wort und beim Bild. Sie zeigt sich fasziniert davon, welche Sprachkraft und Imaginationsfähigkeit er entwickelt und wie Überzeugung unversehens zu Literatur wird.

Hundegger glaubt Dante nichts

Und doch weisen Dante wie Hundegger gemeinsame Interessen auf, nimmt in ihrem Selbstverständnis Politik doch einen besonderen Stellenwert ein. Dantes Werk ist ohne den Konflikt der Ghibellinen mit den Guelfen nicht zu haben, Hundegger nimmt einen von Feminismus geprägten emanzipatorischen, Autoritäten angreifenden Standpunkt ein. Für Spannung ist gesorgt, und die entlädt sich in Hundeggers jüngstem Buch in sehr eigenständigen Gedichten, die die "Göttliche Komödie" als Materialberg benützen. Sie reagiert auf die Vorlage, deutet sie um, holt Gegenwartsbezüge herein. Sie glaubt Dante nichts, wie es mit ihrem Glauben überhaupt so eine Sache ist. Die beiden sind Welten voneinander getrennt, durch ihre Sprachleidenschaft aber aneinander gebunden. Hundegger sucht Widerworte, ohne deshalb Dante unbedingt widersprechen zu wollen. Im Widerspruch erst findet sie zu sich selbst und ihrem Ort in der Welt. Sie braucht keinen Sparring-Partner, mit dem sie schnell an ein Ende kommt, sich misst sich an einem der Größten. So geht sie nicht als Siegerin hervor, aber als eine, die sich nicht einschüchtern lässt.

"wie ein mensch der umdreht geht", das kann bedeuten, dass etwas aussieht oder sich jemand verhält wie ein Mensch, der umgedreht, also verkehrt geht oder wie einer, der umdreht und geht. Schon der Titel hat mit Eindeutigkeit nichts im Sinn. Ihre Gedichte, die sich gern an Rhythmus, Assoziationen und Wortklängen entlang arbeiten, lösen jede Eindimensionalität vollends auf. Dante arbeitet sich mit sicherem Schritt empor. Nachdem er in die Tiefen der Hölle abgestiegen war, bewegt er sich den Läuterungsberg hinauf, den man sich als umgekehrten Trichter vorstellen darf. Je höher es geht, desto lichter wird es und Zuversicht kehrt zurück. So weit will Hundegger nicht gehen. Ihre Begleiterin bleibt die Skepsis, denn dass in unserer Welt Reinheit durch Läuterung möglich ist, scheint sie nicht so recht glauben zu wollen. Zeichen für ihre Zweifel bilden die jähen Satzabbrüche, Gedanken, die unterwegs unvermutet eine neue Richtung einschlagen, Textblöcke, die wie aus einem größeren Zusammenhang geschnitten den Eindruck des Unfertigen vermitteln.

In beiden Fällen wimmelt es von Leuten, die vom rechten Weg abgekommen sind. Sünder, wohin man sieht, Betrüger und Lügner, Eiferer und Wichtigtuer, Skandalritter aus Gegenwart und Vergangenheit. Bei Dante sind sie Verdammte auf Zeit, die sich ihren Platz am Licht durch Buße erst mühsam erleiden müssen. Hundegger stellt sie jetzt bloß, gibt sie der Peinlichkeit preis und verrät, wie wir die Täter mit den sauberen Händen erkennen: "die gesten zeigen ihre / eigentliche haltung so /gut wie ihr gerede sie /verbirgt / ".

Aus Sprache gemacht

Lyrik von Barbara Hundegger verhehlt nie, dass sie aus Sprache gemacht ist und deshalb nicht auf die Produktion von Botschaften festgelegt werden will. Erstaunlich, dass dennoch bisweilen ganz einfache politische Antworten in mahnendem Ton vorgetragen werden: Eine "sehnsucht nach gerechtigkeit" ist uns "quasi von wo" mitgegeben worden, eine Ahnung von "gut und böse" gewissermaßen als Naturgut. Und das alles arbeitet in uns "wie in der biene der eifer des honigs"? Das Bild wirkt gar nicht stimmig. Nicht die Biene ist eifrig, sondern der Honig? Und dann hält uns das Gedicht auch noch vor, dass wir statt Toleranz zu üben ("uns zu beachten und zu lassen") gewalttätig werden: "klären mit gewehren ob / es leichtfällt solche wesen zu sein". Sobald die Moral nach Aufmerksamkeit heischt, verlieren die Gedichte an Reiz wie an Durchschlagskraft. Dante nannte Übeltäter beim Namen und sah, wie sich ihr mieser Lebenswandel auf das Ausmaß der Strafe auswirkte. Hundegger bleibt zurückhaltender, und dennoch weiß jeder, wer in folgendem Fall gemeint ist. Ihr Blick reicht "bis zur landstraße hinunter: die ein vw- / phaeton nicht recht zu befahren verstand".

Ein geringer Teil der Gedichte wird so direkt und forsch belehrend. Was Barbara Hundegger mit ihrem Dante-Projekt unternimmt, ist eigenwillig und eine herausfordernd anstrengende Lektüre. Diese Autorin, Jahrgang 1963, in Innsbruck lebend, bleibt ein Singulär in der österreichischen Literaturlandschaft, eine harte Spracharbeiterin und unermüdlich Suchende nach der eigenen Form. Wir sollten uns Zeit nehmen für sie.

Dante verfügte über ein festes Weltbild, das von religiösen Vorstellungen ummauert und durch philosophische Begründungen stabilisiert wurde. Für den Menschen war gesorgt, wenn er nach seinem Tod das Diesseits zu verlassen gezwungen war. Je nachdem, wie er sich zeitlebens aufgeführt hatte, wurde er in die Hölle, das Paradies oder das Purgatorium eingewiesen. In seiner "Göttlichen Komödie" machte Dante anschaulich, was der jeweilige Ort für den Einzelnen bedeutet.

Barbara Hundegger, durch sieben Jahrhunderte und die Aufklärung von Dantes Überzeugungen getrennt, schafft es nicht, sich Rückversicherung bei einer göttlichen oder irdischen Instanz zu holen, der sie sich bedenkenlos anvertraut. Bedenkenlos, was für ein Wort für eine Autorin, deren gesamtes lyrisches Werk geradezu getragen ist von dem Vorbehalt, mit der Sprache einer Wirklichkeit gerecht zu werden, die sich in ihrer Vielschichtigkeit, Widersprüchlichkeit und Unabsehbarkeit der Darstellbarkeit geradezu entzieht. Deshalb passt ja die Lyrik so gut zu Hundegger, weil sie hier nicht Klarheit um jeden Preis schaffen muss. Ihre Gedichte bleiben offen, bilden keine scharf umrissenen Denkterritorien, sind Text gewordener Einspruch gegen die Handhabbarkeit unserer Welt. Dennoch hat sie an Dantes opus magnum Feuer gefangen. Nicht, dass ihr seine Deutung menschlichen Daseins im Diesseits wie im Jenseits einleuchten würde, aber sie nimmt ihn beim Wort und beim Bild. Sie zeigt sich fasziniert davon, welche Sprachkraft und Imaginationsfähigkeit er entwickelt und wie Überzeugung unversehens zu Literatur wird.

Hundegger glaubt Dante nichts

Und doch weisen Dante wie Hundegger gemeinsame Interessen auf, nimmt in ihrem Selbstverständnis Politik doch einen besonderen Stellenwert ein. Dantes Werk ist ohne den Konflikt der Ghibellinen mit den Guelfen nicht zu haben, Hundegger nimmt einen von Feminismus geprägten emanzipatorischen, Autoritäten angreifenden Standpunkt ein. Für Spannung ist gesorgt, und die entlädt sich in Hundeggers jüngstem Buch in sehr eigenständigen Gedichten, die die "Göttliche Komödie" als Materialberg benützen. Sie reagiert auf die Vorlage, deutet sie um, holt Gegenwartsbezüge herein. Sie glaubt Dante nichts, wie es mit ihrem Glauben überhaupt so eine Sache ist. Die beiden sind Welten voneinander getrennt, durch ihre Sprachleidenschaft aber aneinander gebunden. Hundegger sucht Widerworte, ohne deshalb Dante unbedingt widersprechen zu wollen. Im Widerspruch erst findet sie zu sich selbst und ihrem Ort in der Welt. Sie braucht keinen Sparring-Partner, mit dem sie schnell an ein Ende kommt, sich misst sich an einem der Größten. So geht sie nicht als Siegerin hervor, aber als eine, die sich nicht einschüchtern lässt.

"wie ein mensch der umdreht geht", das kann bedeuten, dass etwas aussieht oder sich jemand verhält wie ein Mensch, der umgedreht, also verkehrt geht oder wie einer, der umdreht und geht. Schon der Titel hat mit Eindeutigkeit nichts im Sinn. Ihre Gedichte, die sich gern an Rhythmus, Assoziationen und Wortklängen entlang arbeiten, lösen jede Eindimensionalität vollends auf. Dante arbeitet sich mit sicherem Schritt empor. Nachdem er in die Tiefen der Hölle abgestiegen war, bewegt er sich den Läuterungsberg hinauf, den man sich als umgekehrten Trichter vorstellen darf. Je höher es geht, desto lichter wird es und Zuversicht kehrt zurück. So weit will Hundegger nicht gehen. Ihre Begleiterin bleibt die Skepsis, denn dass in unserer Welt Reinheit durch Läuterung möglich ist, scheint sie nicht so recht glauben zu wollen. Zeichen für ihre Zweifel bilden die jähen Satzabbrüche, Gedanken, die unterwegs unvermutet eine neue Richtung einschlagen, Textblöcke, die wie aus einem größeren Zusammenhang geschnitten den Eindruck des Unfertigen vermitteln.

In beiden Fällen wimmelt es von Leuten, die vom rechten Weg abgekommen sind. Sünder, wohin man sieht, Betrüger und Lügner, Eiferer und Wichtigtuer, Skandalritter aus Gegenwart und Vergangenheit. Bei Dante sind sie Verdammte auf Zeit, die sich ihren Platz am Licht durch Buße erst mühsam erleiden müssen. Hundegger stellt sie jetzt bloß, gibt sie der Peinlichkeit preis und verrät, wie wir die Täter mit den sauberen Händen erkennen: "die gesten zeigen ihre / eigentliche haltung so /gut wie ihr gerede sie /verbirgt / ".

Aus Sprache gemacht

Lyrik von Barbara Hundegger verhehlt nie, dass sie aus Sprache gemacht ist und deshalb nicht auf die Produktion von Botschaften festgelegt werden will. Erstaunlich, dass dennoch bisweilen ganz einfache politische Antworten in mahnendem Ton vorgetragen werden: Eine "sehnsucht nach gerechtigkeit" ist uns "quasi von wo" mitgegeben worden, eine Ahnung von "gut und böse" gewissermaßen als Naturgut. Und das alles arbeitet in uns "wie in der biene der eifer des honigs"? Das Bild wirkt gar nicht stimmig. Nicht die Biene ist eifrig, sondern der Honig? Und dann hält uns das Gedicht auch noch vor, dass wir statt Toleranz zu üben ("uns zu beachten und zu lassen") gewalttätig werden: "klären mit gewehren ob / es leichtfällt solche wesen zu sein". Sobald die Moral nach Aufmerksamkeit heischt, verlieren die Gedichte an Reiz wie an Durchschlagskraft. Dante nannte Übeltäter beim Namen und sah, wie sich ihr mieser Lebenswandel auf das Ausmaß der Strafe auswirkte. Hundegger bleibt zurückhaltender, und dennoch weiß jeder, wer in folgendem Fall gemeint ist. Ihr Blick reicht "bis zur landstraße hinunter: die ein vw- / phaeton nicht recht zu befahren verstand".

Ein geringer Teil der Gedichte wird so direkt und forsch belehrend. Was Barbara Hundegger mit ihrem Dante-Projekt unternimmt, ist eigenwillig und eine herausfordernd anstrengende Lektüre. Diese Autorin, Jahrgang 1963, in Innsbruck lebend, bleibt ein Singulär in der österreichischen Literaturlandschaft, eine harte Spracharbeiterin und unermüdlich Suchende nach der eigenen Form. Wir sollten uns Zeit nehmen für sie.

Literatur

wie ein mensch der umdreht geht

dantes läuterungen reloaded

Gedichte von Barbara Hundegger

Haymon 2014

119 S., geb., € 17,90

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