Insel - © Foto: Pixabay

„Mein Gotland“: Geschichten von der Ostsee-Insel

1945 1960 1980 2000 2020

Mit „Mein Gotland“ würdigt die Schriftstellerin Anne von Canal schwedische Ostsee-Insel, die sie zu ihrer „Winterinsel“ erkoren hat. Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit.

1945 1960 1980 2000 2020

Mit „Mein Gotland“ würdigt die Schriftstellerin Anne von Canal schwedische Ostsee-Insel, die sie zu ihrer „Winterinsel“ erkoren hat. Erzählungen von Wind, Zeit und Einsamkeit.

Anne von Canal, Skandinavistin und Übersetzerin, liebt unterkühlte Zonen der Leere. Ihr Buch „White out“ (2017) entrückte in die Eiswüsten der Antarktis. Mit „Mein Gotland“ würdigt sie nun eine schwedische Ostsee-Insel, die den meisten Lesern wohl nur als Schauplatz zweier TV-Krimiserien bekannt ist. Die deutsche Autorin hat Gotland zu ihrer „Winterinsel“ erkoren. „Sie ist wild und seltsam, verschwiegen und oft undurchsichtig, aber auch freundlich und großzügig, wie eine kluge Dame, die alles gesehen und nichts versäumt hat, nicht gefallen will und keine Erwartungen erfüllen muss.“

Anne von Canal fühlt sich „aufgehoben“ in dieser Einsamkeit. Das Ausblenden alles Gegenwärtigen gelingt freilich nicht: „Mit jedem Tag, der vergeht, bröckelt der Putz von der Fassade des hübschen insularen Schriftstellerdaseins in Abgeschiedenheit und legt ein lebenswichtiges Adergeflecht aus Beziehungen, Verbindungen und Bedeutungen frei.“ Gotland ist reich an Geschichte und Geschichten. Sie handeln von Künstlern und Lebenskünstlern, von Magnaten, Soldaten und von Schiffbrüchigen. Die Autorin setzt sie in Szene, fügt sie zu einem eindrucksvollen Kaleidoskop zusammen. Da wäre einmal Ingmar Bergman. Er drehte auf Gotlands Schwesterinsel Fårö seine Filme „Persona“ und „Szenen einer Ehe“. Und er „wurde ein Teil dieser Landschaft. Erst lebte er sich in sie hinein, und dann ist er in sie hineingestorben.“

Zum Verhängnis wurde Gotland indes vielen baltischen und deutschen Soldaten, die vor der Roten Armee auf die Insel flohen, letztlich aber an Russland ausgeliefert wurden – „[...] und die alten Bilder verschwimmen mit den jüngsten“. Unselig auch der Inselkrösus Jacob Dubbe, ein Großunternehmer des frühen 19. Jahrhunderts, über dessen Lebensruinen sich nach und nach das Schweigen des Waldes breitet.

Die „Winterinsel“ hat natürlich nicht nur Düsternis zu bieten. Für kindliche Aufhellung sorgt etwa Pippi Lang strumpfs Villa Kunterbunt, die nun in einem Freizeitpark steht. Sie erweist sich als hübsche „Illusion der Illusion“, zumal das Interieur zwar filmgetreu arrangiert ist, alle Innenszenen jedoch im Studio gedreht wurden. Die Kraft der Fantasie erschafft sonnige Wunschwelten, nicht selten auch im wirklichen Leben. Davon zeugen die Musikkneipe eines Althippies oder der Vorzeigebetrieb eines Autodidakten, der als Gotlands Weinbaupionier reüssierte. Sich hier, in solch karger, rauer Natur, einen Möglichkeitsraum zu schaffen, erfordert Leidenschaft und Demut. Diese neuromantische Sehnsucht nach Freiheit, Einsamkeit und zugleich Geborgenheit – wäre sie im Grunde gar keine Orts-, sondern Selbstsuche? Anne von Canal durchwirkt ihre Streifzüge mit autobiographischen Splittern und mit Reflexionen zur „westlichen Islomanie“: „Vielleicht stimmt es, dass die Landschaft, in der die Identität Halt finden soll, keineswegs solide ist. Sie besteht […] aus Erinnerungen und Sehnsucht.“

Anne von Canal erzählt einfühlsam und synästhetisch. Ihre Bilder sind Seelen- und Zeitenspiegel, oszillierend zwischen Melancholie und der Hoffnung, aus dem heillosen Durcheinander dieser Welt „richtungsweisende Momente“ der Zuversicht erretten zu können. Den virtuosen Schluss bildet ein großes Glockenkonzert. Auch das ein Inseltraum, verwirklicht 2013 von dem Ethnologen und Musiker Owe Ronström. Er ließ alle 200 Kirchenglocken Gotlands läuten, erst nacheinander, dann gemeinsam: „Es scheint wie das Wüten, Dröhnen, Rufen der ganzen Welt, wie die Endzeit, aber es ist vielmehr eine Wiedergeburt oder ein Sicherheben.“ Ein Zusammenklang, der auch an eines gemahnt: Niemand ist eine Insel.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau