Badewanne_Klimwandel-dunkel - © Rainer Messerklinger
International

„Wollen wir in einer Badewanne wohnen?”

1945 1960 1980 2000 2020

Michiel Helsen, Gletscherwissenschaftler und Klimawandel-Dozent an der Hogeschool Rotterdam, über das Schmelzen der Eiskappen und die Auswirkungen in den Niederlanden.

1945 1960 1980 2000 2020

Michiel Helsen, Gletscherwissenschaftler und Klimawandel-Dozent an der Hogeschool Rotterdam, über das Schmelzen der Eiskappen und die Auswirkungen in den Niederlanden.

Der Klimawandel wird die Lebensumstände dramatisch ändern – vor allem in den Küstenregionen, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Für die Niederlande ist das besonders bedrohlich. Dort hat der Alarmruf des Klimaforschers Michiel Helsen für heftige Debatten gesorgt. Ein Gespräch.

DIE FURCHE: Spätestens seit ihrem Auftritt vergangene Woche vor der UNO ist Greta Thunberg das Symbol der Klimabewegung, aber auch das Hassobjekt der Gegner. Wie schätzen Sie ihre Rolle ein?
Michiel Helsen: Ich stehe natürlich hinter ihrer Botschaft. Sie sagt, dass die Welt auf die Wissenschaft hören sollte. Es ist selbstverständlich, dass ich das unterstütze. Es ist allerdings tragisch, dass bezüglich dieser Botschaft so viele Zweifel gesät werden, die eigentlich nicht zur Diskussion stehen sollten. Die IPCC-Berichte sollten für sich sprechen.

DIE FURCHE: Sie sagen, dass wir die westlichen Niederlande nicht halten können und eine Diskussion zu führen wäre, welche Teile des Landes wir verteidigen wollen. Woher diese Dringlichkeit?
Helsen: Daher, dass es keinen Plan B gibt. Wir reden viel über Maßnahmen gegen Klimawandel, weil die Niederlande sehr niedrig liegen und darum ein Meeresspiegelanstieg gefährlich ist. Doch eigentlich nie wird darüber gesprochen, dass es auch nicht gelingen kann, die Absprachen von Paris einzuhalten. Wenn die Erde sich weiter so aufwärmt, kann das auch einen Anstieg von zehn Metern oder mehr bedeuten. In diesem Fall bleibt von den Niederlanden nicht viel übrig, vor allem vom niedrig gelegenen westlichen Teil, wo die meisten Menschen wohnen und der Motor der Wirtschaft sich befindet.
DIE FURCHE: Könnten Sie das aus Ihrer Sicht als Gletscherexperte noch näher erläutern?
Helsen: Früher dachten wir, es sei eine Frage von Tausenden von Jahren, ehe sich die großen Eismassen verändern würden. In den letzten Jahrzehnten gelangten wir zu der Einsicht, dass dort bereits alles am Verändern ist. Von der Erkenntnis, wie schnell das gehen kann, sind wir eingeholt worden. Durch die Zunahme der Treibhausgase geht die Erderwärmung weiter, sodass wir die großen Eiskappen in Grönland und der Antarktis verlieren können. Nun ja, vielleicht nicht die ganze Antarktis, aber so gut wie alles Eis auf Grönland und einen großen Teil des Eises in der West- Antarktis.

Der Klimawandel wird die Lebensumstände dramatisch ändern – vor allem in den Küstenregionen, die vom steigenden Meeresspiegel bedroht sind. Für die Niederlande ist das besonders bedrohlich. Dort hat der Alarmruf des Klimaforschers Michiel Helsen für heftige Debatten gesorgt. Ein Gespräch.

DIE FURCHE: Spätestens seit ihrem Auftritt vergangene Woche vor der UNO ist Greta Thunberg das Symbol der Klimabewegung, aber auch das Hassobjekt der Gegner. Wie schätzen Sie ihre Rolle ein?
Michiel Helsen: Ich stehe natürlich hinter ihrer Botschaft. Sie sagt, dass die Welt auf die Wissenschaft hören sollte. Es ist selbstverständlich, dass ich das unterstütze. Es ist allerdings tragisch, dass bezüglich dieser Botschaft so viele Zweifel gesät werden, die eigentlich nicht zur Diskussion stehen sollten. Die IPCC-Berichte sollten für sich sprechen.

DIE FURCHE: Sie sagen, dass wir die westlichen Niederlande nicht halten können und eine Diskussion zu führen wäre, welche Teile des Landes wir verteidigen wollen. Woher diese Dringlichkeit?
Helsen: Daher, dass es keinen Plan B gibt. Wir reden viel über Maßnahmen gegen Klimawandel, weil die Niederlande sehr niedrig liegen und darum ein Meeresspiegelanstieg gefährlich ist. Doch eigentlich nie wird darüber gesprochen, dass es auch nicht gelingen kann, die Absprachen von Paris einzuhalten. Wenn die Erde sich weiter so aufwärmt, kann das auch einen Anstieg von zehn Metern oder mehr bedeuten. In diesem Fall bleibt von den Niederlanden nicht viel übrig, vor allem vom niedrig gelegenen westlichen Teil, wo die meisten Menschen wohnen und der Motor der Wirtschaft sich befindet.
DIE FURCHE: Könnten Sie das aus Ihrer Sicht als Gletscherexperte noch näher erläutern?
Helsen: Früher dachten wir, es sei eine Frage von Tausenden von Jahren, ehe sich die großen Eismassen verändern würden. In den letzten Jahrzehnten gelangten wir zu der Einsicht, dass dort bereits alles am Verändern ist. Von der Erkenntnis, wie schnell das gehen kann, sind wir eingeholt worden. Durch die Zunahme der Treibhausgase geht die Erderwärmung weiter, sodass wir die großen Eiskappen in Grönland und der Antarktis verlieren können. Nun ja, vielleicht nicht die ganze Antarktis, aber so gut wie alles Eis auf Grönland und einen großen Teil des Eises in der West- Antarktis.

Es ist vielleicht technisch möglich, einen Deich von zehn Metern Höhe zu bauen. Aber dann müssen die Flüsse aus dem Hinterland 15 Meter hochgepumpt werden.

DIE FURCHE: Was passiert denn da eigentlich genau, wenn das Eis schmilzt?
Helsen: Das hat mit speziellen Eis-Dynamiken zu tun. Schnee führt zu Eisbildung, das an den Rändern wiederum leichter schmilzt. Die Geschwindigkeit, mit der das geschieht, hängt vom Untergrund ab. Eine Eisdecke ist also nicht einfach ein Block Eis, der da still liegt, sondern in Bewegung. An den Rändern, die niedriger sind und sich im Sommer relativ mehr erwärmen, läuft das Schmelzwasser der Eiskappe ab. Wenn das die einzigen beiden Prozesse wären, würde der mittlere Teil immer höher und die Ränder immer niedriger.

DIE FURCHE: Also gibt es noch eine andere Dynamik?
Helsen: Es gibt einen dritten Prozess, denn das Eis kann sich bewegen. Und gerade an Orten, an denen Eis ins Meer ausströmt, kann die Geschwindigkeit dieser Bewegung sehr viel höher sein, weil die Bodenreibung gegen Null geht. Wir wissen inzwischen, dass beim Kontakt mit dem Meerwasser viele Prozesse eine Rolle spielen. In der Antarktis ist der Anteil des Eises, der zur See strömt, sehr groß. Das treibende Eis, das zur antarktischen Eiskappe gehört, schmilzt derzeit durch das wärmere Meerwasser ziemlich schnell. Und je schneller es schmilzt, desto schneller bewegt sich dieses Eis auch in Richtung See. Das ist im Schnelldurchgang, was passiert.

DIE FURCHE: In den Niederlanden geht man davon aus, sich mit sogenanntem ‚Adaptivem Deltamanagement‘ an die verändernden Bedingungen anpassen zu können.
Helsen: Wir hören in diesem Zusammenhang oft die Jahreszahl 2100. Der Meeresspiegel könnte dann einen halben oder einen Meter höher sein. Die Ingenieure sagen, technisch ist das alles prima machbar. Wahrscheinlich haben sie damit auch Recht, aber es gibt ein paar Fallgruben in dieser Annahme: Von meinem eigenen Fachgebiet aus kann ich sagen, dass unsere Vorhersagen des Anstiegs bisher sehr konservativ waren. Weil wir die Mechanismen, die diese Veränderungen bewirken, noch nicht richtig begreifen. Eine naturgetreue Simulation in Computermodellen ist darum schwierig, wodurch die Vorhersagen unsicher werden.

DIE FURCHE: Was bedeutet das konkret?
Helsen: Nun, es gibt einige Studien, die sehen ein Stück katastrophaler aus, als wir vorher dachten, weil die Steigung schneller verläuft als angenommen. Wobei es bis 2100 noch ganz okay erscheint. Aber die Welt hört 2100 nicht auf zu bestehen, jedenfalls hoffe ich das von Herzen. In den folgenden Jahrhunderte werden die Veränderungen noch viel größer. Das bedeutet eine Dimension von mehreren Metern. Und obwohl wir sehr hohe und gute Deiche bauen könnten, haben wir zumindest jetzt technisch gesehen zumindest dafür keine gute Lösung. Was bedeuten würde, dass wir den Westen der Niederlande verlassen müssten.

DIE FURCHE: Die IPCC-Berichte bestätigen diese Einschätzung.
Helsen: Ja. 1990 gab es den ersten dieser Berichte. Inzwischen sind es fünf. Und auch da sehen wir eigentlich immer: Die Vorhersagen werden angepasst, weil sie das letzte Mal doch etwas konservativ waren. Und das sage ich für den nächsten Report auch voraus. Es ist ein beängstigender Trend, dass jedes Mal, wenn es mehr Informationen gibt, die Lage schlimmer scheint, als zuvor erwartet. Oft werden diese Studien dann von Klimaskeptikern in die aktivis­tische Ecke gerückt oder als übertrieben abgetan. Das Gegenteil ist der Fall.

DIE FURCHE: Wann wurden Sie sich eigentlich selbst dieser Gefahr bewusst?
Helsen: Das kam langsam. In den 1990ern, als ich studierte, war es für die meisten Dozenten an der Uni noch nichts selbstverständlich, dass der Mensch das Klima messbar verändert hat. In dieser Zeit kam dann der Umschlag, wodurch das für die meisten Menschen feststeht. Als ich in die Forschung kam, haben wir auch die Eiskappen noch für stabiler gehalten. Irgendwann in der ersten Hälfte der Nuller-Jahre, war ich bei einem Kongress in Wien. Dort sprachen eine Reihe von Wissenschaftlern, die vor allem mit Hilfe von Satelliten Gletscher anschauten. Dort sah ich zum ers­ten Mal Daten darüber, dass die sehr gro­ßen Gletscher auf Grönland und in der Antarktis sich doppelt so schnell bewegten. Da dachte ich: Das ist nicht eine kleine Veränderung, sondern eine sehr große.

DIE FURCHE: Man trifft in diesem Land häufig auf ein Paradox: Gerade weil die Gefahr allgegenwärtig ist, tritt Gewöhnung ein. Dazu geben die Deiche die Idee, technisch sei allem beizukommen.
Helsen: Es ist vielleicht technisch möglich einen Deich zu bauen, der zehn Metern Meeresspiegelsteigung widerstehen kann, plus fünf Meter dazu wegen der Stürme. Aber dann folgt ein Problem mit den Flüssen aus dem Hinterland, die auf einmal 15 Meter hochgepumpt werden müssen. Auch das kann ich mir technisch noch vorstellen. Die Frage ist: Wollen wir in so einer enormen Badewanne wohnen? Ein solches Leben sicherzustellen, kostet viel Geld. Das ist eine der Fragen, die wir besprechen müssen.

DIE FURCHE: Liegt in der Expertise also auch die Gefahr, sich zu sicher zu wähnen?
Helsen: Es ist eine Scheinsicherheit. Je länger es keine Katastrophe gibt, desto weniger fühlt man, dass wirklich etwas passieren kann. Ich wünsche es diesem Land absolut nicht, dass etwas schiefgeht, aber das wäre eine Art Wake-Up-Call. In der Vergangenheit war das auch so: Die Deltawerke wären nie realisiert worden ohne die Überschwemmungskatastrophe von 1953. Und das könnte wieder passieren, denn mit jedem Millimeter Anstieg ist die Chance auf einen Supersturm ein bisschen größer.

DIE FURCHE: Sie kommen aus dem Osten des Landes. Schon mal dran gedacht, dorthin zurückzukehren?
Helsen: Das habe ich nicht geplant. Ich wohne in Utrecht, das ist in etwa auf Meeresspiegelhöhe. Das ist das Wunderliche an der menschlichen Psyche: Ich habe trotz allem kein Gefühl von Dringlichkeit, dass ich selbst in Kürze umziehen muss. Auch als der Artikel mit meiner Warnung erschien, gab es Menschen, die nicht sagten: „Gut, dass du Alarm schlägst, Michiel“, sondern: „Verdammt, ich wohne ein paar Meter unter Normal-Null, durch diesen Artikel kann mein Haus weniger wert sein!“