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The Look of Andy Warhol

Jeder weiß, wer Andy Warhol ist. Natürlich. Der Kerl mit den Suppendosen. Jener, der die Campbell-Konservendosen akribisch gemalt hat statt Porträts oder Landschaften. Kann schon sein, daß es heute gescheiter ist, Menschen mit der Kamera zu porträtieren statt mit dem Pinsel. Oder mit dem Airbrush, der pneumatischen Farbspritze. Hat Warhol eigentlich einen Pinsel benützt? Aber wenn gemalte Porträts und gemalte Landschaften out sind - wer braucht dann eine gemalte Konservendose?

Warhol hat sie jedenfalls gemalt. Und die Seifenkissenschachtel von Brillo. Brillo, das sind doch Seifenkissen? Ob Heinz und Brillo für die Werbung bezahlt haben? Warhols Thema war der amerikanische Alltag. Der Konsumalltag. Je mehr von dem, was er in den fünfziger und sechziger Jahren gemalt hat, später im Original von der Bildfläche verschwand, desto mehr wurden seine Bilder zu Kunst. Beziehungsweise als solche ernst genommen. Und damit das, worum es ihm ging. Aber natürlich hat er die Versatzstücke des amerikanischen Konsumalltags, bei allem Photorealismus, nicht nur einfach eins zu eins gemalt und damit zu Ikonen der Kunst und des Kunsthandels stilisiert, sondern vielfältig umgeformt und verarbeitet. Dasselbe machte er auch mit sich selbst. Sein größtes Kunstwerk hieß Andy Warhol. Auch dieses Kunstwerk wurde wiederholt und umgemodelt und ging in den amerikanischen Alltag ein.

Ganz Amerika wußte, was Andy Warhol trug. Mark Francis und Margery King schreiben in dem neuen Buch "The Warhol Look - Glamour, Style, Fashion": "Der Stil, in dem sich Warhol kleidete, wandelte sich von der absichtlichen, heruntergekommenen Schäbigkeit der frühen 50er Jahre, die ,Raggedy Andy' in der kommerziellen Kunstszene und der Werbebranche in der Madison Avenue Beifall und Sympathie einbrachte, hin zum vornehmeren, gut geschnittenen Anzug, den Warhol auf seiner ersten Auslandsreise 1956 in Hongkong erwarb. Er war der großenteils homosexuellen, kosmopolitischen Szene im Cafe Serendipity angemessener. Sein Stil änderte sich weiter. Ungefähr ab 1963 trug er gestreifte Matrosen-T-Shirts, Jeans und schwarze Lederjacken; ab 1968 bevorzugte er nüchterner geschnittene Jacken und Hemden von Brooks Brothers oder schwarze Kaschmir-Rollkragenpullover zu Jeans. In all diesen und anderen Outfits wurde er in seinen späteren Jahren photographiert ..."

Er war ein Meister der Selbststilisierung und des Selbstmarketings. Er erfand seine unverwechselbare äußere Aufmachung in einer Zeit, in der Selbststilisierung durch Outfit, Kleidung, Frisur und so fort, auch in der Politik mächtig um sich zu greifen begann. Von den Hemden eines halbvergessenen ÖVP-Obmannes bis zu Jörg Haider mit seiner peinlich genau abgezirkelten Sorgfalt, mit der er stets signalisiert, hasch mich, wie bin ich sportlich und locker, ob auf dem Stephansplatz, wenn er vor der Fernsehkamera sommerlich zur Sache kommt, oder vor seinen Anhängern. So mancher Politiker könnte dies Andy Warhol abgeschaut haben, doch meist haben sie es nur Politikern abgeschaut, die es Politikern abgeschaut haben, die es Politikern oder Fernsehstars abgeschaut haben. Warhol war eines der spärlichen Originale, von der Fraktion der Naturburschen war er freilich nicht.

Seine Kunst und seine Selbststilisierung waren eng miteinander verbunden, und er stand lebenslang in einem produktiven Dialog mit der Mode. Zehn Jahre nach seinem Tod läßt Warhols Einfluß auf die Mode - im weitesten Sinn - auch offensichtlich noch keineswegs nach, vielmehr wurde seine Ästhetik Allgemeingut. Wie sehr, macht das Buch "The Warhol Look" bewußt. Es wurde zwar ins Deutsche übersetzt, aber vom Schirmer/Mosel-Verlag nicht neu gedruckt. Vielmehr wurde die Übersetzung der von mehreren Autoren stammenden Essays über das Phänomen Warhol als schön aufgemachtes Heft der Originalausgabe beigelegt. Einige besonders kluge Sätze stammen vom Vorwort-Autor Thomas Sokolowski. Sie eröffnen den Reigen und geben die Tonart an: "Um das Bild der legendär schönen Helena von Troja zu schaffen, nahm sich der griechische Maler Zeuxis die Töchter von König Heraion zum Vorbild und setzte aus ihren ansprechendsten körperlichen Eigenschaften die vollkommene Schönheit zusammen. In gewisser Hinsicht ging Andy Warhol genauso vor. Was ihn betrifft, ließe sich dieser Prozeß des Selektierens als ,Shopping' bezeichnen - und wo könnte man besser ,shoppen' als in der Welt der Mode? Dieses eklektische Zusammenstellen war der Grundstein seiner lebenslangen Mission als Künstler."

Die Ausstellung, die das Buch begleitet, ist von September bis November in Marseille und dann in Sidney und Pittsburgh zu sehen.

THE WARHOL LOOK Herausgeber: Mark Francis, Margery King Andy Warhol Museum, New York; Schirmer/Mosel, München 1997 304 Seiten, 1.205 Farb- und Schwarzweiß-Bilder, Ln., öS 934,- 150 SW Abbildungen, öS 690,

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