Der andere Herr Karl

1945 1960 1980 2000 2020

Über die Verlogenheit, sich heute als "Gutmensch" aufzuspielen - und die Notwendigkeit aufklärender Worte.

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Über die Verlogenheit, sich heute als "Gutmensch" aufzuspielen - und die Notwendigkeit aufklärender Worte.

Das Rote Wien tat sich mit der Geschichtsschreibung über jenen Politiker, der den Grundstock für die Erweiterung und Modernisierung der Stadt gelegt hatte, nie leicht. Vor acht Jahren wurde der nach Bürgermeister Dr. Karl Lueger benannte Teil der Ringstraße in Universitätsring umbenannt, und neuerdings wurde sein Denkmal mit roter Farbe und Aufschriften wie „Schande“ beschmiert. Kaiser Franz Joseph hätte solche Aktionen ganz bestimmt auf das Schärfste verurteilt, obwohl er Luegers Wahl zum Bürgermeis ter wegen dessen antisemitischer Haltung mehrmals verhindern wollte. Felix Salten, der Dichter von „Bambi“, dessen Nachlass die Stadt Wien erworben hatte, beschrieb Lueger als stattlichen und charismatischen Politiker, der sich geradezu fanatisch das Wohl und die Größe Wiens zu seiner Aufgabe gemacht hatte. Der Herr Doktor beschimpfte bei seinen effektvollen Auftritten die Gebildeten und, was in Wien besonders gut ankam, die Juden.

Der Jude Salten hatte in einem Essay sowohl die großen Verdienste als auch die gefährliche Demagogie des „Menschenfängers“ Lueger beschrieben. Keinen Geringeren als den Juden Sigmund Freud schien gerade das zu beeindrucken, und so lobte er Saltens objektive und doch keineswegs unkritische Haltung. All das hatte sich drei Jahrzehnte vor den Verbrechen der Nazis zugetragen. Wahrscheinlich wollten Arzt und Schrift steller, die beide von der Persönlichkeit Luegers beeindruckt waren, den ohnehin stark verbreiteten Antisemitismus nicht noch weiter schüren. Der Umgang mit unserer Geschichte lässt sich nicht durch Schmieraktionen und Auslöschung von Namen bewältigen. Es ist nichts verlogener, als sich heute als Gutmensch aufzuspielen. Auch dieser Herr Karl war ein typischer Wiener. Aufklärende Worte und Fakten sind das Gebot der Stunde.

Der Autor ist freier Journalist.

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