Felix Salten - © picturedesk.com / Georg Fayer / ÖNB-Bildarchiv
Feuilleton

Von Bambi, Fini und dem neuen Burgtheaterdirektor

1945 1960 1980 2000 2020

Was würde Felix Salten zum neuen Direktor des Burgtheaters sagen? Ein fiktives Interview aus Zitaten anlässlich des 150. Geburtstags des Schriftstellers und des Beginns der neuen Theatersaison.

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Was würde Felix Salten zum neuen Direktor des Burgtheaters sagen? Ein fiktives Interview aus Zitaten anlässlich des 150. Geburtstags des Schriftstellers und des Beginns der neuen Theatersaison.

Der Dichter der Lebensgeschichten des kleinen Rehkitz „Bambi“ und von „Josefine Mutzenbacher“ war ­Abenteurer und Journalist und eine der schillerndsten Figuren der Wiener Literaturszene. Als der norwegische Dramatiker Henrik Ibsen das Burgtheater anlässlich der Premiere seines Stückes „Die Kronprätendenten“ besuchte, hatte sich Felix Salten bei dem anschließenden Festmahl gefragt, warum der norwegische Dichter beim Kämmen seines Haares immer wieder in seinen Zylinder blickte, den er mit der rechten Hand hielt. Hatte er den Text für seine Rede darin verborgen? Mitnichten. Ibsen hatte einen Spiegel in seinem Hut befestigen lassen, um immer dem Porträt zu gleichen, das man in der Öffentlichkeit von ihm kannte. Salten bewunderte Ibsen. „Jeder Mann führt schließlich den Kamm bei sich, mit dem er seine Maske frisiert.“

Man stelle sich vor, ich könnte den scharfsinnigen Beobachter Salten zu Saisonbeginn fragen, wie er den neuen Burgtheaterdirektor Martin Kušej einschätze.„Mich würde zum jetzigen Zeitpunkt viel mehr interessieren, wie diese Bestellung zustande kam“, antwortete Salten auf diese Frage schon bei einem von Kušejs Vorgängern. Sie sei nicht, wie sich das gehört hätte, „hinter den Kulissen des Burgtheaters erfolgt, sondern hinter den Kulissen der politischen Parteien, dort wo die besten Plätze an der Futterkrippe verteilt werden, wo man Ämter, wenn’s Not tut, doppelt besetzt, neue Ämter kreiert, in denen man über Abbau und Einsparungen ein Augurenlächeln tauscht, dort wo der schnödeste Kunsthandel blüht. Eben dort hatte man sich über den neuen Burgtheaterdirektor geeinigt, seine Ernennung durchgesetzt.“

Das Wiener Publikum

Was aber würde Salten dem neuen Direktor empfehlen, der sich von einigen erfolgreichen und dem Publikum vertrauten Schauspielern getrennt hat und neue nach Wien bringt? „Vor allem ist der Zusammenschluss des Ensembles notwendig, der innere, künstlerische und menschliche Zusammenschluss. In dieser Stadt lebt sich ein Schauspieler ganz von selbst ein. Wenn die Stadt ihn nicht gleich zu Anfang abgelehnt hat, dann formt sie ihn. Sie ist immer da und führt eine Art Regie.“ Und der Geschmack des Wiener Publikums? Es ist, was das sogenannte Regietheater betrifft, schon ziemlich abgehärtet; fühlt es sich einer gewissen Tradition noch verpflichtet? „Bei scheinbarer Leichtigkeit ist hier doch der eingeborene Mensch mehr bedachtsam als sensations­lüstern, mehr nachdenklich, zu ­Vergleichen geneigt und wählerisch, als durch ungewohnte Eindrücke zu verblüffen.“

Saltens Freund Theodor Herzl hatte es mit 17 selbst verfassten Komödien nicht geschafft, am Burgtheater gespielt zu werden; seine Utopie eines Judenstaates wurde hingegen verwirklicht. Salten schrieb ein allzu schwärmerisches Buch über seine Eindrücke von Palästina. Bei allem Lob wird auch die wichtige Frage gestellt, worin die größte Gefahr liegt. „Juden dürfen dort nicht als eroberungslustige Europäer auftreten und Gewalt gegen Gewalt setzen. Wenn sie jetzt Hass und Vergeltung säen, werden sie niemals Liebe oder nur Duldung ernten.“ Was aber imponiert Salten an Theodor Herzl? „Dass er die Literatur verließ, dass er dieses ganze papierene Getue, diese Schreibtischexistenz von sich abtat und hinaustrat, um eine volle Wirklichkeit aus seinen Gedanken zu schmieden.“
Auch Salten verließ bisweilen die Literatur. Er wurde von dem um sieben Jahre älteren Arthur Schnitzler zwar zu „Jung-Wien“ gebracht, dem literarischen Zirkel, dem auch der junge Hofmannsthal und Hermann Bahr angehörten, tauchte allerdings zunächst ins richtige Leben ein. Wie wollte Salten mit Schnitzler die Welt erobern? „Vor allem durch die Erfindung des Bycicle. Radfahren, sagte er zu mir, wäre der Strohhalm, mit dem er sich an die Lebensfreude klammere. Er kaufte übrigens immer die teuersten und neuesten Radmodelle, die auf den Markt kamen. Mit dem Rad fuhr man unzählige Kilometer von Liebesabenteuer zu Liebesabenteuer.“ Ob es denn eigentlich wirklich so gewesen wäre, dass Schnitzler der Don Juan und Salten sein Leporello war? „Schnitzler war ein Liebesmonomane, dem ich ­nacheiferte. So bat er mich eines Tages, die Schauspielerin Adele Sandrock zu verführen, die Schnitzler bereits loswerden wollte. Als das mit uns klappte, durchschaute sie bald das Komplott und schrieb Schnitzler: Wer bist du denn, du Trottel, du blödes Vieh, du Herr Doktor Schnitzler! Du bist ein ebenso gro­ßer Schurke wie dein sauberer Freund, der Herr Felix Salten. Wo ich euch feige Hunde erblicke, bekommt ihr von mir Ohrfeigen. Schnitzler konnte mir übrigens nie verzeihen, dass wir nicht nur als Autoren, sondern auch als Journalisten und Kritiker publizierten. In sein Tagebuch schrieb er: Freunde sind wir eigentlich nicht, wir machen einander nur nicht nervös. Karl Kraus gehörte ebenso zu unserer Gruppe, bis ich ihn wegen eines üblen Zeitungsartikels über mein Verhältnis mit meiner späteren Frau, der Burgschauspielerin Ottilie Metzel im Cafe Griensteidl ohrfeigte und mir dadurch seine ewige Feindschaft zuzog.“

Man stelle sich vor, ich könnte den scharfsinnigen Beobachter Salten zu Saisonbeginn fragen, wie er den neuen Burgtheater­direktor Martin Kušej einschätze.

Burgtheater - Felix Salten über das Theater in Wien: „Vor allem ist der Zusammenschluss des Ensembles notwendig, der innere, künstlerische und menschliche Zusammenschluss. In dieser Stadt lebt sich ein Schauspieler ganz von selbst ein. Wenn die Stadt ihn nicht gleich zu Anfang abgelehnt hat, dann formt sie ihn. Sie ist immer da und führt eine Art Regie.“ - ©  picturedesk.com / Georg Fayer / ÖNB-Bildarchiv
© picturedesk.com / Georg Fayer / ÖNB-Bildarchiv

Felix Salten über das Theater in Wien: „Vor allem ist der Zusammenschluss des Ensembles notwendig, der innere, künstlerische und menschliche Zusammenschluss. In dieser Stadt lebt sich ein Schauspieler ganz von selbst ein. Wenn die Stadt ihn nicht gleich zu Anfang abgelehnt hat, dann formt sie ihn. Sie ist immer da und führt eine Art Regie.“

Seinen größten Erfolg „Bambi“ hatte Salten Arthur Schnitzler gewidmet. Dieses durch seine Verfilmung weltberühmte Buch hatte Saltens meist prekäre finanzielle ­Lage nicht verbessert. Wie konnte das geschehen? „Ich hatte die Rechte für Walt Disneys Verfilmung leichtfertig für 1.000 Dollar verkauft und auch sonst hat mir mein Erfolgsbuch keineswegs nur Glück gebracht, da man sich von mir künftig nur noch Tierromane erwartete. Ich schrieb u. a. über 15 Hasen in Wald und Feld, über ein Eichhörnchen namens Perry und über Florian, das Pferd des Kaisers, einen Lipizzaner, der in der Republik als Droschkengaul verendet.“

Ein Wiener Straßenbub

Salten gilt ja auch als Verfasser eines „Pornoklassikers“, der Lebenserinnerungen der Wienerin Josefine Mutzenbacher. Warum haben er und sein Freund Schnitzler die DNA-Probe so vehement abgelehnt und die Vaterschaft bestritten? „Ich habe sie im Gegensatz zu Schnitzler nie abgestritten. Der musste das Elend der Vorstädte nie am eigenen Leib verspüren und hätte es auch nie so authentisch beschreiben können. Ich lernte schon als kleiner herumstreunender Straßenbub die Wirtshäuser kennen. Das herbe Wienertum, weniger lyrisch, dafür unbändiger, mehr ins Randalierende und kreischend Grelle. Mich beeindruckten die Strizzis mit ihren derben Sprüchen und Dirnen wie die Fini, die mit ihrer Großfamilie und Bettgehern auf engem Raum lebte und schon als kleines Mädchen zur Prostitution erzogen wurde. Wie sagte sie doch zu mir? Sie sei nicht im Dreck der ­Vorstädte erstickt, sondern habe sich eine schöne ­Bildung erworben, die sie einzig und allein der Hurerei verdanke.“

Warum haben Sie als Jude in der Funktion des österreichischen Präsidenten der internationalen Schriftstellervereinigung des P.E.N.-Clubs 1933 eine Verurteilung Hitler-Deutschlands abgelehnt? „Man hat mir das vorgeworfen. Ich wollte meinen deutschen Kollegen nicht noch mehr schaden. Die Nazis wären von meinem Protest nicht beeindruckt gewesen. Ich hatte auch persönliche Angst, meine Existenzgrundlage zu verlieren. Ich war damals ein noch nicht verfemter Autor und die meisten Verlage zahlten noch die Tantiemen und Honorare, von denen wir lebten. Ich emigrierte erst 1939 mit Hilfe meiner in Bern verheirateten Tochter in die Schweiz, wo ich Berufsverbot bekam und in größter Armut leben musste.“ Salten, dieser so wienerische Wiener starb 1945 und liegt auf dem israelitischen Friedhof in Zürich begraben.

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