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Die populistische Unbekannte

Der erste Schlag ging Richtung Europa: "Brüssel ist ein undemokratisches Monster, ein Vampir, der uns leer saugt, bis wir nur eine unbedeutende Provinz des Groß-Europäischen Reichs sind.“ In gewohnter Manier eröffnete Geert Wilders am Wochenende in Rotterdam den Wahlkampf. Zweifel an der Richtung der Partij voor de Vrijheid (PVV) ließ er keine: "Wenn wir aus der EU austreten, sind die Niederlande wieder ein freies Land.“

Der Fokus der PVV hat sich verschoben. Jahrelang hatte sie Muslime und die multikulturelle Gesellschaft im Visier, später dann osteuropäische Migranten. Inzwischen ist die EU der Prügelknabe. Als die rechte Minderheitskoalition unter Premier Mark Rutte noch von der Duldung durch die PVV abhing, ließ diese bereits die finanziellen Folgen eines Euro-Ausstiegs untersuchen. Unverhohlen kündigte Wilders damals an, der nächste Wahlkampf würde sich um dieses Thema drehen.

Genau so ist es gekommen. "Grässlich missglückt“ sei das europäische Projekt, so ein PVV-Werbespot. "Stoppt die europäischen Abzocker“ heißt eine Website, die die Parlamentsfraktion der PVV in diesem Sommer online setzte. "Kein Cent mehr für Griechenland“ tönt Vormann Wilders schon länger.

Umworbener Mittelstand

Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, dass die Rechtspopulisten von einer Last befreit sind, seit im Frühjahr die von ihr getragene Minderheitsregierung abtrat. Wilders geriert sich seither mehr denn je als zorniger Außenseiter, der dem vermeintlichen politischen Establishment die Leviten liest - ohne Rücksicht auf die Absprachen mit der Koalition.

Dazu holte er zwei alte Bekannte aus der rhetorischen Mottenkiste: "Henk und Ingrid“, das fiktive rechtschaffene weiße Mittelstandspaar, für das er nach eigenen Angaben Politik betreibt. Im Wilders’schen Weltbild formten sie einst das Gegenstück zu "Ali und Fatima“. Heute heißt es dagegen: "Entweder Henk und Ingrid oder Brüssel!“

Bislang profitieren vom wachsenden Unmut über die EU vor allem die Sozialisten. Das jedenfalls deuten Umfragen an, die diese deutlich vor der PVV sehen. Da die Bevölkerung das Ende der vorigen Regierung gemeinhin Wilders anlastet, ist die PVV als Koalitionspartner vorerst nicht kompatibel. Auch die jüngsten internen Querelen sind an ihr nicht spurlos vorbei gegangen.

Gerade diese vorgestanzte Oppositionsrolle aber könnte für die Populisten zur Chance werden. Zudem waren ihre Ergebnisse auch bei den Wahlen von 2006 und 2010 deutlich besser als die Prognosen. Fraktionsmitglied Dion Graus bestätigt: "Es gibt immer mehr Menschen, die uns zustimmern, als es die Umfragen sagen.“ (TM)

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