#

Ich bin dann mal schwach

Rauch-Kallat und Cap - © Foto: Tosca Santangelo
Politik

„Jammern geht nicht“

1945 1960 1980 2000 2020

Dürfen Politiker schwächeln? Josef Cap und Maria Rauch-Kallat über mentale Stärke, Selbstvertrauen und Kränkungen in der Politik.

1945 1960 1980 2000 2020

Dürfen Politiker schwächeln? Josef Cap und Maria Rauch-Kallat über mentale Stärke, Selbstvertrauen und Kränkungen in der Politik.

Nach den Zitteranfällen von Angela Merkel im Frühsommer wurde heftig diskutiert, ob die deutsche Bundeskanzlerin noch fit genug sei, das Land zu regieren. Die Tatsache, dass sich die mächtigste Frau der Welt verwundbar gezeigt hat, wirkte auf viele irritierend. Spitzenpolitik und Schwäche – schließt sich das gegenseitig aus? „Ja“, sagen Maria Rauch-Kallat (ÖVP), ehemalige Frauen- und Umweltministerin und Josef Cap (SPÖ), Ex-SPÖ-Klubobmann. Ein Gespräch über die Inflation von Clowns im Polit-Business, das digitale Zeitalter, das jede Schwäche entlarvt, und den Umgang mit Shitstorms.

DIE FURCHE: Auf einer Skala von eins bis zehn – eins bedeutet „sehr schwach“, zehn „Superman-Kräfte“ – wie fühlen Sie sich heute?
Josef Cap: Elf.
Maria Rauch-Kallat: (lacht) Ja, mit den unteren Kategorien tue ich mir auch schwer.

DIE FURCHE: Jeder Mensch fühlt sich einmal schwach. Was hätte Ihnen heute widerfahren müssen, damit Sie „eins“ oder „zwei“ gesagt hätten?
Cap: Das übersteigt meine Vorstellungskraft.
Rauch-Kallat: Ernsthafte Schwäche ist für mich keine Dimension, die ich mir real vorstellen kann. Natürlich gibt es Schwächen, aber (überlegt) …
Cap: … die kann man beseitigen.

DIE FURCHE: Sie wollen uns also glauben machen, dass hier Superwoman und Superman sitzen. Schwäche zeigen und Spitzenpolitik – schließt sich das aus?
Rauch-Kallat: Niemand geht gerne in die Knie.
Cap: Schwäche ist relativ und kann auch eine Stärke sein. Das hat gerade Angela Merkel gezeigt. Man konnte genau ­beobachten, dass sie bis ans Limit ­ihrer körperlichen und psychischen ­Leistungsfähigkeit gegangen ist. Sie hat aber durchgehalten, ist stehen geblieben, hat weitergemacht. Das finde ich äußerst bewunderungswürdig.

DIE FURCHE: Wer Spitzenpolitiker werden will, muss also die Bereitschaft mitbringen, bis an seine Grenzen zu gehen?
Cap: Konrad Adenauer hat gesagt, ein Politiker ist erst tot, wenn er unter der Erde liegt. Da ist schon was dran. Wenn ich mich nicht mehr stark genug fühle, dann kommt der Moment, an dem ich mir überlegen muss, etwas anderes zu machen.
Rauch-Kallat: Ganz so ist es nicht. Wenn Angela Merkel ihren Auftritt wegen Unwohlsein abgebrochen hätte, dann wäre nichts passiert. Nichts.
Cap: Nein, nichts. Aber sie hat es trotzdem anders bewältigt.

DIE FURCHE: Warum wurde dennoch über ihren Zustand spekuliert?
Rauch-Kallat: Weil die Menschen von einem Politiker, von einer Politikerin Führung und Stärke erwarten. Regieren ist nicht leicht. Es wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Zum Regieren braucht es klare Vorstellungen, Regierungsstärke, Kompetenz.
Cap: Dem stimme ich zu. Diese Stärke braucht es in Zukunft mehr denn je. Die Zeiten werden unsicherer.

DIE FURCHE: Jemand, der mentale oder physische Mängel aufweist, hat in Ihren Augen in der Politik also nichts verloren?
Cap: Wenn man sich ein Ziel setzt, dann muss man entschlossen sein, es zu erreichen. Ja, es gibt Höhen und Tiefen. Aber am Ende muss man als Politiker eine Sache durchziehen können.
Rauch-Kallat: Mental wird einem Spitzenpolitiker definitiv alles abverlangt. Physisch kommt es darauf an. Bei einem starken Politiker, einer Politikerin wird es auf jeden Fall respektiert, dass es körperliche Beeinträchtigungen gibt. Nehmen wir den früheren deutschen Finanzminis­ter Wolfgang Schäuble, der im Rollstuhl sitzt. Er hat bewiesen, dass man nach einem derartigen Schicksalsschlag (1990 wurde Schäuble bei einem politischen Attentat niedergeschossen. Er ist seither gelähmt und auf einen Rollstuhl angewiesen; Anm. d. Red.) voll im Geschäft bleiben kann. Der ist einer der stärksten Politiker überhaupt.