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Die Pionierin mit dem Fledermaussinn

Einst bekam Claudia Rauch nicht einmal ein ordentliches Lehramtszeugnis. Heute unterrichtet sie angehende Pädagogen und nimmt ihnen die Berührungsängste gegenüber behinderten Menschen. Von einer blinden Frau auf der Überholspur des Lebens.

Die Damen und Herren im Ministerium waren besorgt. Sehr besorgt. Wie würde sie das schaffen mit der Aufsichtspflicht? Wie würde sie sich bewähren vor einem Rudel kleiner Kinder, die so gern an Grenzen gehen? Und weil die Behörde sich so sorgte, erhielt diese etwas andere 21-Jährige kein offizielles Lehramtszeugnis auf Wasserpapier, sondern nur ein weißes Blatt, auf dem zu lesen war: "Mit sehr gutem Erfolg bestanden." Claudia Rauch hätte sich damit begnügen können. Doch die selbstbewusste, junge Frau beeinspruchte das Pseudo-Zeugnis - und bekam Recht. Die Sorge der Behörde war freilich hartnäckig: "Praxis unbeurteilt" stand auf der neuen Zeugnis-Variante, obwohl Rauch wie alle anderen die schulpraktische Ausbildung durchlaufen hatte und mit lauter "Sehr gut" beurteilt worden war. "Ich war dann einfach zu müde, das noch einmal zu beeinspruchen", erzählt die mittlerweile 40-Jährige und nimmt einen Schluck Instant-Kaffee. "Heute kann ich nur noch darüber schmunzeln."

Blindheit als geringstes Problem

Heute hat Claudia Rauch in jener Einrichtung, die sie einst nur mit Vorbehalten absolvieren durfte, ihr eigenes Büro: in der damaligen Pädak und nunmehrigen Pädagogischen Hochschule in Wien-Favoriten. Seit vier Jahren gibt sie hier Studierenden eine "Einführung in die personalen Aspekte des Berufslebens" oder betreut sie bei der Schulpraxis. Sie selbst kennt nach 19 Jahren Schuldienst alle Facetten des Pädagogenjobs: Sie hat 16-Jährige in einer Schwerst- und Mehrfachbehindertenklasse gewickelt; sie war Klassenvorstand einer zweiklassigen Volksschule im hintersten Ober-österreich; und sie hat als mobile Integrations- und Stützlehrerin tausende Kilometer abgespult. Es waren herausfordernde, bereichernde Jahre als einzige blinde Lehrerin im österreichischen Regelschulwesen. Und die Blindheit war oft das geringste Problem.

Die Leute von der Schulbehörde konnten das vielfach nicht begreifen. Dabei hätte schon eine Stippvisite in ihrem Unterricht genügt, um alle Zweifel zu zerstreuen. "Ich habe den Bezirksschulinspektoren immer gesagt: Kommen Sie zu mir! Schauen Sie sich das an!", erzählt Claudia Rauch mit sonorer Stimme. Die Behörde hätte dabei sein sollen, damals im Jahr 2001, als sie an einer bilingualen Schule in einer fremden Klasse supplieren musste. "Natürlich haben die Kinder alles ausprobiert: Plätze tauschen, Brieferl schreiben und so weiter", erinnert sich die Lehrerin. "Aber ich habe alles bemerkt. Und dann hat es prompt geheißen: 'Die sieht ja alles!'"

"Fledermaussinn" nennt Claudia Rauch diese Mischung aus konzentriertem Hören, Spüren und Bauchgefühl. Trotz ihrer Blindheit mit einem Sehrest von Hell und Dunkel ist es ihr möglich, sogar kleinste Regungen in ihrem Umfeld wahrzunehmen.

1970 mit einem Sehfehler geboren, wird sie als Vierjährige nach Einnahme eines Mittels gegen Durchfall fast blind. Dennoch bemühen sich ihre Eltern, ein Hauptschullehrer und die damalige Lehrerin sowie spätere Ministerin Maria Rauch-Kallat, nichts an ihrem Erziehungsstil zu ändern. "Das hat mich dazu befähigt, ein reifer, selbstbewusster Mensch zu werden", ist Claudia Rauch überzeugt.

Auch jenes Erlebnis vom 22. Dezember 1983 hat wohl zu ihrer Reife beigetragen: Die damals 13-Jährige wird in Wien von einer Straßenbahn erfasst, 20 Meter mitgeschleift - und nur leicht verletzt. "Offenbar hatte ich noch eine Aufgabe zu erfüllen", erklärt sie heute. "Deshalb nehme ich bewusst mein Leben in die Hand."

Nach der Sehbehindertenschule in Wien wechselt sie als Integrationsschülerin an ein musisches Gymnasium, maturiert und beginnt schließlich die Pädak, um ihrem Traumjob Volksschullehrerin näher zu kommen. Anfangs kann sie noch mit Vergrößerung lesen und schreiben, doch im dritten Ausbildungsjahr schwindet der Sehrest rapide - was zu den erwähnten behördlichen Schikanen führt.

Alles ausprobieren, als ob nichts wäre

Als aktuelle Behindertenbeauftragte der Pädagogischen Hochschule Wien will Claudia Rauch dafür sorgen, dass so etwas heute nicht mehr passiert - egal, ob die Studierenden im Rollstuhl sitzen, ADHS-diagnostiziert oder gehörbehindert sind. Als Lehrerausbildnerin will sie, dass künftige Pädagogen durch sie ihre Berührungsängste gegenüber Behinderten verlieren. Und als ausgebildete Kinesiologin sowie Begründerin des Instituts für Gesundheit, Entwicklung und Lebensfreude ("IGEL") will sie die Menschen dazu bringen, wieder mehr auf ihr Inneres zu hören.

Ihre Sehnsucht nach einer eigenen Familie hat sich noch nicht erfüllt. Aber ihre Abenteuerlust pflegt Claudia Rauch, sooft sie kann. Und so bewegt sich diese blinde Frau durch die Welt, als ob nichts wäre: Sie surft und segelt, sie klettert und raftet, sie ist Vizestaatsmeisterin im alpinen Skilauf und spielt im Nationalteam der Sehbehinderten-Sportart Torball. "Ich bin halt in vielen Dingen eine Pionierin", sagt die 40-Jährige und nimmt noch ein Schlückchen Instant-Kaffee. "Das ist nicht immer angenehm. Aber es ist vermutlich meine Lebensaufgabe."

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