Digital In Arbeit

Gerechtigkeit für die SONNE

Nach Jahrzehnten der Warnungen ist es höchste Zeit, die positiven Wirkungen der Sonne in den Vordergrund zu stellen - beginnend bei den Knochen bis hin zur Krebsprävention.

Mit Hundstagen hat sich der Sommer gleich zu Beginn eingestellt, doch für viele ist die Freude nicht nur ob der zu hohen Temperaturen und der Unwetter getrübt: Die Angst vor der Sonne ist oftmals größer als die Versuchung, sich an ihren wärmenden Strahlen zu erfreuen. Kein Wunder, schließlich trommeln Österreichs Dermatologen seit zwanzig Jahren unablässig das Credo "besser weiß als Hautkrebs". "Bewusstsein und Kenntnis über die Gefahren rund um ungeschützten Aufenthalt in der Sonne haben zugenommen", resümiert Hubert Pehamberger, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Dermatologie und Venerologie heuer auf der alljährlichen Pressekonferenz der heimischen Hautärzte.

Doch angesichts einer Vielzahl neuer wissenschaftlicher Fakten bekommen Pehamberger & Co. zusehends Gegenwind aus dem Ausland - demnach scheint es nun höchst an der Zeit zu sein, auch Bewusstsein über die positiven gesundheitlichen Wirkungen des Sonnenlichtes zu schaffen. "Das Dogma, nicht in die Sonne zu gehen, ist nicht mehr haltbar", erklärt Jörg Reichrath, leitender Oberarzt der Universitäts-Hautklinik des Saarlandes in Homburg, der Ende 2006 für seine Forschungen über die biologische Wirkung des Sonnenlichtes mit dem hoch dotierten Arnold-Rikli-Preis ausgezeichnet wurde. Warum es wichtig ist, UV-Licht aufzunehmen? Weil in unseren Breiten nur über die Sonne genügend Vitamin D gebildet werden könne.

Gut für Knochen, Herz etc.

Eine Vielzahl von Studien weist darauf hin, dass die UV-Strahlung und damit das "Sonnen-Vitamin" einen positiven Einfluss auf das Herz-Kreislaufsystem, die Knochen und somit die Sturzhäufigkeit vor allem bei alten Menschen hat, den Blutdruck senkt, Hautkrankheiten wie Psoriasis lindert, bis zu einem gewissen Grad vor Tuberkulose schützt, das Risiko für Diabetes Typ 1 senkt, die Qualität der Muttermilch erhöht und allgemein das Immunsystem stärkt. Inzwischen ist bekannt, dass Vitamin D in den meisten Organen auch das Zellwachstum reguliert. Zahlreiche Studien zeigen dementsprechend, dass das ausreichende Vorhandensein dieses Stoffes das Risiko deutlich senkt, etwa an Brust-, Eierstock-, Prostata- oder Darmkrebs zu erkranken. Daher sei es wichtig, mäßig aber regelmäßig ungeschützt an die Sonne zu gehen, so Reichrath. "Das Wichtigste ist, dass man Sonnenbrand vermeidet. Empfehlenswert ist es, etwa ein Drittel bis zur Hälfte der Zeit in der Sonne zu sein, bei der man eine leichte Rötung bekommen würde." Dies könnten - je nach Hauttyp und Sonnenintensität - zehn bis 30 Minuten täglich sein. Dem widersprechen die österreichischen Dermatologen heftig: "Es ist weltweit anerkannt, dass man sich Vitamin D nicht über die Sonne einverleiben soll oder muss", erklärt beispielsweise Herbert Hönigsmann, Leiter der Universitätsklinik für Dermatologie in Wien. Außerdem könne von weit verbreiteten Vitamin-D-Mangelerscheinungen in der Bevölkerung keine Rede sein.

Genug Vitamin D?

So gut wie alle Menschen hätten einen normalen Vitamin-D-Spiegel und sogar bei "Kellerkindern" aufgedeckter Kriminaldelikte wäre keine Unterversorgung festgestellt worden, erklären führende österreichische Hautärzte unisono. Außerdem gebe es auch Studien, die ein vermindertes Krebsrisiko infolge einer erhöhten Vitamin-D-Aufnahme verneinen (siehe Kasten). Unumstritten sei lediglich, dass ohne Vitamin-D3-Produktion der Stoffwechsel nicht ordnungsgemäß funktionieren würde.

Doch die Fakten sprechen eine andere Sprache: Eine im Vorjahr veröffentlichte Großstudie des staatlichen Robert Koch Institutes wies - quer durch alle Altersschichten - bei rund 60 Prozent der deutschen Bevölkerung einen unzureichenden Vitamin-D-Spiegel unter 50 nmol/L aus. Bei den 65- bis 79-jährigen Frauen waren sogar im Sommer drei Viertel unterversorgt. Die Conclusio lautete: "Vitamin-D-Mangel ist ein Thema für die Volksgesundheit in Deutschland."

Generell scheint es, als ob im Lichte neuer Forschungsergebnisse alte Thesen wie ein Kartenhaus in sich zusammenbrechen würden - wie zum Beispiel, dass genügend Vitamin D auch über die Nahrung zugeführt werden kann. Dies ist jedoch nur mit fettem Fisch wie Aal oder Hering möglich, die hierzulande aber nur selten am Speiseplan stehen. Mit heimischer Kost gibt es Probleme: Obwohl Eier zu den Vitamin-D-reichsten Nahrungsmitteln zählen, müsste man drei bis fünf täglich verzehren, um den Bedarf zu stillen - was wohl wiederum viele Ärzte auf den Plan rufen würde …

Keine Tabletten, Sonne!

Auch das Schlucken von Vitamin-D-Präparaten ist nur eine unzureichende Option: Da das Vitamin - das eigentlich ein Hormon ist - fettlöslich ist, kann es bei Überdosierung nicht schnell abgebaut werden. Bei übermäßiger Einnahme können Nieren durch Kalkablagerungen geschädigt werden, es zu Gewichtsverlust, Erbrechen, Bluthochdruck, Psychosen und im Extremfall zum Tod kommen.

Bleibt also nur der Weg, "Gerechtigkeit für die Sonne" walten zu lassen und ihre gesundheitlichen Wirkungen nach außen zu tragen. Schließlich geht es auch um die Volksgesundheit, die beim extremen Ausschlag des Pendels gegen die Sonne gelitten haben dürfte: "Es gibt viele Untersuchungen die darauf hindeuten, dass im Falle einer verstärkten Aussetzung der gesamten Bevölkerung durch UV-Licht, die positiven Effekte bei weitem die negativen überwiegen würden", erklärt der deutsche Sonnen- und Hautspezialist Reichrath.

Der Autor ist freier Journalist.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau