Digital In Arbeit
Feuilleton

Das Leben ist ein Wunschkonzert

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Andreas Unterwegers unkonventioneller Roman ist ein interessanter Versuch über die Liebe, das Leben und das Schreiben.

Andreas Unterweger ist eine literarische Neuentdeckung. Der 1978 geborene Steirer, der nebenbei auch Sänger und Songwriter der Rockband „ratlos“ ist, hat bereits Kurzprosa und Gedichte veröffentlicht und Preise eingeheimst. Sein bei Droschl erschienener Debütroman „Wie im Siebenten“ ist ein interessanter Versuch über das Glück, über die Liebe, das Leben und das Schreiben. Keine einfache Sache also und kein gewöhnliches Buch, zumal Unterweger die Matrix seiner eigenen Biografie in der schwebenden Welt der Fiktion verankert.

Im Mittelpunkt des Romans steht das Paar Judith und Andreas, das im siebenten Wiener Gemeindebezirk ein einfaches Zimmer mit gelben Wänden bewohnt und anfangs den Rausch des siebenten Himmels erlebt. Gleich zu Beginn jedoch ist dieser Beziehung auch schon das Scheitern eingeschrieben, weil alles nicht so einfach ist und das Schwierige wie ein zarter Flor, quasi als ver-rückter Soundtrack, die Geschichte dieser Liebe grundiert: „Es waren schwierige Zeiten, und vieles, was ganz einfach begonnen hatte, wurde kurze Zeit später schon ganz kompliziert.“ Er, Andreas, spielt Gitarre und schlägt sein „Schreibnest“ mit schwarzem Fineliner, Schreibblock, Nutellabrot und Kaffee am Fensterbrett auf, wo morgens Muscheln in der Blumenkiste liegen, „als hätte sie das Meer, das wir, Judith und ich, geträumt hatten, dort angespült“. Die Belichtung des Gedächtnisses, das hinter der Sicherheit des Anfangs einer großen Liebe steht, legt zugleich in postmoderner Manier die Traumwelt bloß, die profane Herkunft der Muscheln, hinter denen Judith steckt.

Hier am Fensterbrett also soll das erste Buch entstehen, das davon handeln soll, „wie es war, mit Judith in dem Zimmer im Siebenten zusammenzuleben“. Dieses Buch gerät – auf eine Metaebene gehievt – zum Sehnsuchtsort, zum Fluchtpunkt dessen, was sein hätte können. Nicht von ungefähr eröffnet es mit dem Satz: „Das Leben ist ein Wunschkonzert.“ Stimmt es, dass die ersten Romane zumeist autobiografische Liebesgeschichten sind? Unterweger jedenfalls versucht, dieses literaturgeschichtliche Klischee gekonnt zu umgehen, indem er es entlarvt und verschiedene Sichtweisen auf „Idylle und Wirklichkeit“ preisgibt, wie er in einem Interview erklärt. Die große Liebe parallelisiert er im Kapitel „Biografische Fiktion“ mit Beziehungen großer Musikerlegenden oder Schriftsteller wie John Lennon, Bob Dylan und Dante.

Schreiben als Modus vivendi

Unterweger schneidet in seinem Roman viele Themen an. Das Schreiben etwa, das für das Erzähler-Ich zum Modus vivendi wird. „Ich lebte nur, wenn ich schrieb … Damals lebte ich nur, um zu schreiben.“ Oder umgekehrt wohnt diesem Schreiben der Impetus, „nicht zu verhungern und am Leben zu bleiben“ inne. Denn in Wahrheit begreift Andreas sein erstes Buch als sein „Leben“. Am Schluss heißt es in der Anmerkung der Herausgeberin Judith dazu: „In Wirklichkeit haben weder dieses Buch noch er noch ich den Siebenten je verlassen.“

Hybride Wirklichkeit

Neben dem Schreiben und der Musik geht es auch um die Frage nach der Identität. Die ständige Vergewisserung des Ich (wir, Judith und Andreas) unterstreicht diese Auseinandersetzung mit einer unsicheren, hybriden Wirklichkeit, in der das Ich auf der Suche nach der Wahrheit ist. Eine Reise zum Meer verändert Judith. Nach ihrer Rückkehr aus Griechenland ist sie nicht mehr dieselbe wie zuvor. „Auf dem Bild, das wir … in gewissen Augenblicken boten, sah sich ja Judith selbst auch nicht mehr ähnlich.“ Nach Judiths Reise kann Andreas beim Baden in Kritzendorf plötzlich „das ganz Dunkle und das ganze Licht, zugleich“ wahrnehmen, das Brüchige neu zusammenfügen. Das Spiel mit der Identität kulminiert am Schluss mit der Ironisierung der obligaten „Schutzformel“ eines gewöhnlichen Schlüsselromans. Dieses Buch ist unkonventionell und unterstreicht mit der Absage an das herkömmliche Schreiben gefinkelt seine Doppelbödigkeit. Unterweger gelingt es, dem Text trotz der thematischen Komplexität einen leichten, luftigen Ton einzuweben. „Wie im Siebenten“ ist der gelungene Versuch, dem Leben einen Schritt näher zu kommen: dem Leben als „seltsames Spiel … Erst wenn du rausfliegst, lernst du fliegen. Erst wenn du aus dem Spiel bist, fängt dein Leben an.“

Wie im Siebenten

Ein Roman von Andreas Unterweger

Droschl 2009 142 S., geb., e 18,–

Andreas Unterwegers unkonventioneller Roman ist ein interessanter Versuch über die Liebe, das Leben und das Schreiben.

Andreas Unterweger ist eine literarische Neuentdeckung. Der 1978 geborene Steirer, der nebenbei auch Sänger und Songwriter der Rockband „ratlos“ ist, hat bereits Kurzprosa und Gedichte veröffentlicht und Preise eingeheimst. Sein bei Droschl erschienener Debütroman „Wie im Siebenten“ ist ein interessanter Versuch über das Glück, über die Liebe, das Leben und das Schreiben. Keine einfache Sache also und kein gewöhnliches Buch, zumal Unterweger die Matrix seiner eigenen Biografie in der schwebenden Welt der Fiktion verankert.

Im Mittelpunkt des Romans steht das Paar Judith und Andreas, das im siebenten Wiener Gemeindebezirk ein einfaches Zimmer mit gelben Wänden bewohnt und anfangs den Rausch des siebenten Himmels erlebt. Gleich zu Beginn jedoch ist dieser Beziehung auch schon das Scheitern eingeschrieben, weil alles nicht so einfach ist und das Schwierige wie ein zarter Flor, quasi als ver-rückter Soundtrack, die Geschichte dieser Liebe grundiert: „Es waren schwierige Zeiten, und vieles, was ganz einfach begonnen hatte, wurde kurze Zeit später schon ganz kompliziert.“ Er, Andreas, spielt Gitarre und schlägt sein „Schreibnest“ mit schwarzem Fineliner, Schreibblock, Nutellabrot und Kaffee am Fensterbrett auf, wo morgens Muscheln in der Blumenkiste liegen, „als hätte sie das Meer, das wir, Judith und ich, geträumt hatten, dort angespült“. Die Belichtung des Gedächtnisses, das hinter der Sicherheit des Anfangs einer großen Liebe steht, legt zugleich in postmoderner Manier die Traumwelt bloß, die profane Herkunft der Muscheln, hinter denen Judith steckt.

Hier am Fensterbrett also soll das erste Buch entstehen, das davon handeln soll, „wie es war, mit Judith in dem Zimmer im Siebenten zusammenzuleben“. Dieses Buch gerät – auf eine Metaebene gehievt – zum Sehnsuchtsort, zum Fluchtpunkt dessen, was sein hätte können. Nicht von ungefähr eröffnet es mit dem Satz: „Das Leben ist ein Wunschkonzert.“ Stimmt es, dass die ersten Romane zumeist autobiografische Liebesgeschichten sind? Unterweger jedenfalls versucht, dieses literaturgeschichtliche Klischee gekonnt zu umgehen, indem er es entlarvt und verschiedene Sichtweisen auf „Idylle und Wirklichkeit“ preisgibt, wie er in einem Interview erklärt. Die große Liebe parallelisiert er im Kapitel „Biografische Fiktion“ mit Beziehungen großer Musikerlegenden oder Schriftsteller wie John Lennon, Bob Dylan und Dante.

Schreiben als Modus vivendi

Unterweger schneidet in seinem Roman viele Themen an. Das Schreiben etwa, das für das Erzähler-Ich zum Modus vivendi wird. „Ich lebte nur, wenn ich schrieb … Damals lebte ich nur, um zu schreiben.“ Oder umgekehrt wohnt diesem Schreiben der Impetus, „nicht zu verhungern und am Leben zu bleiben“ inne. Denn in Wahrheit begreift Andreas sein erstes Buch als sein „Leben“. Am Schluss heißt es in der Anmerkung der Herausgeberin Judith dazu: „In Wirklichkeit haben weder dieses Buch noch er noch ich den Siebenten je verlassen.“

Hybride Wirklichkeit

Neben dem Schreiben und der Musik geht es auch um die Frage nach der Identität. Die ständige Vergewisserung des Ich (wir, Judith und Andreas) unterstreicht diese Auseinandersetzung mit einer unsicheren, hybriden Wirklichkeit, in der das Ich auf der Suche nach der Wahrheit ist. Eine Reise zum Meer verändert Judith. Nach ihrer Rückkehr aus Griechenland ist sie nicht mehr dieselbe wie zuvor. „Auf dem Bild, das wir … in gewissen Augenblicken boten, sah sich ja Judith selbst auch nicht mehr ähnlich.“ Nach Judiths Reise kann Andreas beim Baden in Kritzendorf plötzlich „das ganz Dunkle und das ganze Licht, zugleich“ wahrnehmen, das Brüchige neu zusammenfügen. Das Spiel mit der Identität kulminiert am Schluss mit der Ironisierung der obligaten „Schutzformel“ eines gewöhnlichen Schlüsselromans. Dieses Buch ist unkonventionell und unterstreicht mit der Absage an das herkömmliche Schreiben gefinkelt seine Doppelbödigkeit. Unterweger gelingt es, dem Text trotz der thematischen Komplexität einen leichten, luftigen Ton einzuweben. „Wie im Siebenten“ ist der gelungene Versuch, dem Leben einen Schritt näher zu kommen: dem Leben als „seltsames Spiel … Erst wenn du rausfliegst, lernst du fliegen. Erst wenn du aus dem Spiel bist, fängt dein Leben an.“

Wie im Siebenten

Ein Roman von Andreas Unterweger

Droschl 2009 142 S., geb., e 18,–