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Heimat in der Welt

Landeshauptmann Herwig van Staa über tirolspezifische Aspekte von Alpbach und die Notwendigkeit eines verstärkten Regionalismus in Europa.

Die Furche: Was bedeutet Alpbach für Sie als Tiroler Landeshauptmann?

Herwig van Staa: Alpbach war nach dem Krieg eine Gründung, durch die nicht nur Tirol, sondern ganz Österreich in Wissenschaft und Wirtschaft einen Anschluss an Westeuropa gefunden hat. Es war eine hervorragende Leistung der Brüder Molden mit Wissenschaftern der Universität Innsbruck, aber auch aus anderen Bundesländern, die diese großartige Institution als eine Denkwerkstatt, die weit in die Zukunft gerichtet ist, installiert haben. Es hat dann eine Phase gegeben, wo man den Eindruck einer gewissen Stagnation hatte; aber seit der Übernahme der Präsidentschaft durch Erhard Busek ist eine Neubelebung eingetreten, gibt es eine neue, moderne Konzeption. Es hat sich politisch unglaublich viel getan durch die Erweiterung und Vertiefung der EU, und es geht darum, die großen Linien, die zugrunde liegenden Wertorientierungen, neue Philosophien und Trends zu analysieren.

Die Furche: Wie funktioniert das Zusammenspiel zwischen dem Bergdorf Alpbach und dem Europäischen Forum?

Van Staa: Die Bevölkerung identifiziert sich in hohem Grade mit dem Geschehen des Europäischen Forums, das ja nicht nur die Hauptsitzung im Sommer hat, sondern viele kleine und größere Konferenzen übers Jahr veranstaltet. Die Verwurzelung in der unmittelbaren Umgebung, in dem, was man als "Heimat" bezeichnet, bildet das notwendige Gegengewicht zur Globalisierung.

Die Furche: Ist das Europäische Forum im Bundesland Tirol speziell verankert?

Van Staa: Im universitären Bereich sehr stark, in Tirol insgesamt leider nicht ganz so, wie ich das gerne hätte. Dem wird seit ein paar Jahren durch einen Tirol-Tag entgegengesteuert, wo tirolspezifische Themen zur Debatte stehen. Heuer ist es das Verhältnis zu Bayern. Tirol war immer auch stark geprägt von den Gegensätzen zwischen Bayern und Tirol: das große Bayern - das kleine, aber strategisch unglaublich wichtige Tirol. Ursprünglich war es ja die gleiche Besiedlung durch Bajuwaren, aber während der Freiheitskriege der napoleonischen Zeit standen die Bayern auf der Seite der Franzosen, die Tiroler haben sich gewehrt. Dazu kam eine geistig-ideologische Differenz: hier katholisch-konservative Kräfte, dort ein starker aufklärerischer Impetus. Dieses Verhältnis soll heuer beleuchtet werden. Besonders interessant ist natürlich auch, dass sich am Beispiel einer Europaregion Tirol oder einer Arbeitsgemeinschaft der Alpenländer - das sind die selbständigen Regionen mit Gesetzgebungsbefugnis aus Schweiz, Österreich, Italien, Deutschland - das Prinzip der Subsidiarität gut demonstrieren lässt, dass man hier sehr gute praktische Beispiele für einen verstärkten Regionalismus bringen kann.

Die Furche: Heuer lautet das Motto "Grenzen und Grenzüberschreitungen". Grenzen gibt es auch zwischen den einzelnen Bundesländern. Was für eine Bedeutung haben die eigentlich noch, nicht zuletzt vor dem Hintergrund der fortschreitenden europäischen Integration?

Van Staa: Sie haben eine große Bedeutung, weil wir in der Verfolgung des Subsidiaritätsprinzips den Regionen einen höheren Stellenwert zukommen lassen müssen. Es ist die Frage zu stellen, welche Art von Regionalismus man letztlich haben will: Regionalisierung bei Bedeutungsverlust der Nationalstaaten - oder Renationalisierung bei Substanzverlust der Regionen?

Die Furche: Das heißt, Sie denken, die Nationalstaaten könnten eher obsolet werden als die Bundesländer?

Van Staa: Ich sage, das Match ist nicht entschieden.

Die Furche: Ihre Zukunftsperspektive für Alpbach?

Van Staa: Es geht um das Aufspüren von Themen, die für die Entwicklung Europas wichtig sind - und das vor einem wertorientierten Hintergrund. Eine Gesellschaft ohne weltanschaulichen Unterbau wird es nie geben, man muss sich der Wurzeln und der historischen Entwicklungen bewusst sein.

Das Gespräch führte Rudolf Mitlöhner.

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