Digital In Arbeit
Feuilleton

Triumph

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

In Tschaikowskis "Pique Dame" kehrt Neil Shicoff an die Staatsoper zurück.

Neil Shicoff hat offenbar die Kränkung überwunden, nicht Direktor der Wiener Staatsoper geworden zu sein. Bis zuletzt stand nicht fest, ob er tatsächlich am Ort seiner Niederlage als Hermann in Peter I. Tschaikowskis Oper "Pique Dame" auftreten würde. Doch der amerikanische Tenor kehrte im Triumph an die Stätte seines persönlichen Waterloo zurück. Die Premiere wurde nicht nur für den verhinderten Direktor, sondern auch für die anderen Sänger, den Dirigenten und die mit nur vereinzelten Buhrufen quittierte Regie zum vollen Erfolg. Eine umjubelte, in jeder Hinsicht gelungene Aufführung.

Grusel und Wahnsinn

"Pique Dame" ist ein phantastisches Schauerstück voll düsterer, leidenschaftlicher Musik. Brillant, wie Seiji Ozawa an der Spitze der Staatsopernorchesters Grusel und Wahnsinn evoziert, wie er die gleich bösen Naturgewalten über die Figuren hereinbrechenden Emotionen in aufwühlende Klänge verwandelt. Doch Dirigent und Orchester können auch anders, wie sie beim allzu oft gestrichenen Zwischenspiel im zweiten Akt beweisen. Die stark nach Mozart klingende, sich am Rand der Karikatur bewegende Pastorale war ja schon von Tschaikowski als Kritik daran angelegt worden, dass sich Herrschende gerne, aber letztlich ohne Sinn für Kunst mit dem Glanz der künstlerischen Vergangenheit schmücken. Eine Sichtweise, die sich auch in der Regie niederschlägt, wo aus dem idyllischen Schäferspiel eine schrille Travestie wird, mit der Neureiche ihre schicke Party aufpeppen.

Regisseurin Vera Nemirova siedelt Tschaikowskis Oper stringent im Russland von heute an. Ort des Geschehens ist ein desolates Palais (Bühne: Johannes Leiacker), das zu Zeiten des Kommunismus als Waisenhaus diente. Doch nun werden die Kinder ausquartiert, das Gebäude als Location für die gesellschaftlichen Events der Angehörigen der neuen Oberschicht und ihrer blondierten Frauen adaptiert. Am Schluss wird es in ein Spielcasino voller bunt leuchtender Spielautomaten und muskelbepackter Leibwächter umgewandelt.

Im Russland von heute

In dieser Welt ist der Habenichts Hermann naturgemäß Außenseiter, darf nicht auf die Liebe seiner angebeteten Lisa hoffen. So hell Shicoffs Stimme strahlt, so dunkel sind die Wolken, die sich zusehends auf seinen Geist legen. Nicht zur Welt der vergnügungssüchtigen Oligarchen gehören auch die geheimnisvolle Gräfin und ihre Enkelin. Welch brennende Leidenschaften toben in der Brust der vermeintlich unschuldigen Lisa (Martina Serafin), welch ein Grauen geht von der gespensterhaften Alten (Anja Silja) aus, die das Geheimnis der Spielkarten hütet, die immer gewinnen! Neben den durchwegs fabelhaften Interpreten der drei Hauptpartien glänzen weiters Markus Eiche, der bei der Premiere eindrucksvoll für den erkrankten Boaz Daniel als Fürst Jeletzki einsprang, und Nadia Krasteva, die sowohl mit den russisch-volkstümlichen Weisen der Polina als auch den Rokoko-Koloraturen der Daphnis überzeugt.

In Tschaikowskis "Pique Dame" kehrt Neil Shicoff an die Staatsoper zurück.

Neil Shicoff hat offenbar die Kränkung überwunden, nicht Direktor der Wiener Staatsoper geworden zu sein. Bis zuletzt stand nicht fest, ob er tatsächlich am Ort seiner Niederlage als Hermann in Peter I. Tschaikowskis Oper "Pique Dame" auftreten würde. Doch der amerikanische Tenor kehrte im Triumph an die Stätte seines persönlichen Waterloo zurück. Die Premiere wurde nicht nur für den verhinderten Direktor, sondern auch für die anderen Sänger, den Dirigenten und die mit nur vereinzelten Buhrufen quittierte Regie zum vollen Erfolg. Eine umjubelte, in jeder Hinsicht gelungene Aufführung.

Grusel und Wahnsinn

"Pique Dame" ist ein phantastisches Schauerstück voll düsterer, leidenschaftlicher Musik. Brillant, wie Seiji Ozawa an der Spitze der Staatsopernorchesters Grusel und Wahnsinn evoziert, wie er die gleich bösen Naturgewalten über die Figuren hereinbrechenden Emotionen in aufwühlende Klänge verwandelt. Doch Dirigent und Orchester können auch anders, wie sie beim allzu oft gestrichenen Zwischenspiel im zweiten Akt beweisen. Die stark nach Mozart klingende, sich am Rand der Karikatur bewegende Pastorale war ja schon von Tschaikowski als Kritik daran angelegt worden, dass sich Herrschende gerne, aber letztlich ohne Sinn für Kunst mit dem Glanz der künstlerischen Vergangenheit schmücken. Eine Sichtweise, die sich auch in der Regie niederschlägt, wo aus dem idyllischen Schäferspiel eine schrille Travestie wird, mit der Neureiche ihre schicke Party aufpeppen.

Regisseurin Vera Nemirova siedelt Tschaikowskis Oper stringent im Russland von heute an. Ort des Geschehens ist ein desolates Palais (Bühne: Johannes Leiacker), das zu Zeiten des Kommunismus als Waisenhaus diente. Doch nun werden die Kinder ausquartiert, das Gebäude als Location für die gesellschaftlichen Events der Angehörigen der neuen Oberschicht und ihrer blondierten Frauen adaptiert. Am Schluss wird es in ein Spielcasino voller bunt leuchtender Spielautomaten und muskelbepackter Leibwächter umgewandelt.

Im Russland von heute

In dieser Welt ist der Habenichts Hermann naturgemäß Außenseiter, darf nicht auf die Liebe seiner angebeteten Lisa hoffen. So hell Shicoffs Stimme strahlt, so dunkel sind die Wolken, die sich zusehends auf seinen Geist legen. Nicht zur Welt der vergnügungssüchtigen Oligarchen gehören auch die geheimnisvolle Gräfin und ihre Enkelin. Welch brennende Leidenschaften toben in der Brust der vermeintlich unschuldigen Lisa (Martina Serafin), welch ein Grauen geht von der gespensterhaften Alten (Anja Silja) aus, die das Geheimnis der Spielkarten hütet, die immer gewinnen! Neben den durchwegs fabelhaften Interpreten der drei Hauptpartien glänzen weiters Markus Eiche, der bei der Premiere eindrucksvoll für den erkrankten Boaz Daniel als Fürst Jeletzki einsprang, und Nadia Krasteva, die sowohl mit den russisch-volkstümlichen Weisen der Polina als auch den Rokoko-Koloraturen der Daphnis überzeugt.