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Überall der Mensch

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Santiago Calatrava schlägt Brücken über Flüsse und in die Zukunft des Bauens. Der Künstler hinter den Plänen.

Kein lebender Architekt orientiert sich öfter, konsequenter und überzeugender am menschlichen Körper als der Spanier Santiago Calatrava. Das beweisen seine Brückenkonstruktionen. Das lässt sich aber auch in der von ihm entworfenen Flughafen-Bahnstation in Lyon nachvollziehen, deren Betonträger abstrahierte Atlanten sind. Sie sind verfremdete Nachfahren des sagenhaften Trägers des Himmelsgewölbes und Brüder der steinernen Gesellen, auf deren Schultern die Vorsprünge und Balkone der Ringstraßenbauten ruhen. Auch in einem Fernsehfilm konnte man einmal den zeichnenden Calatrava und all die Übergänge von der realistischen Gestalt des eine schwere Last stützenden Menschen bis zur technischen Tragkonstruktion sehen. In der Ringstraßenarchitektur des 19. Jahrhunderts wurde Atlas naturalistisch mit gespannten Muskeln und Bart abgebildet, am Ende eines jahrzehntelang vorangetriebenen Abstraktionsprozesses steht der Mensch als reine Form, als Zitat, aber noch immer tragend der Mensch.

Den künstlerischen Ur- und Hintergrund dieses Schaffensprozesses erhellt das neue Buch "Santiago Calatrava - Artworks" von Michael Levin. Es bietet Einblick in Calatravas Entwurfsarbeit und sein künstlerisches Lebenswerk. Dieses könnte ohne weiteres auch für sich allein bestehen, denn er ist ein großer Zeichner und Aquarellist. Die Werkgruppe der Stiere zum Beispiel beweist seine enorme Fähigkeit, trotz hohen Abstraktionsgrades immer noch das Sinnliche zu transportieren, die Gestalt, die Bewegung. Ein Band ("sketchbook") des zweibändigen Werks "Santiago Calatrava's Creative Process" zeigt die bei vielen Architekten feststellbare, hier aber besonders enge Verflechtung des zeichnerischen mit dem architektonischen Werk, während der andere ("fundamentals") die Beteiligung des homo ludens am Planungsprozess des Baukünstlers vor Augen führt.

Calatrava entwickelte eine ebenso originäre wie originelle Technik, mit Hilfe faltbarer Modelle aus flexibel verbundenen Holzstäbchen komplizierteste Raumgebilde zu entwickeln, die allerdings erst dank der modernen Computertechnik in großen Dimensionen realisiert werden können. Der Spanier ist für den Eindruck von Leichtigkeit berühmt, den viele seiner oft scheinbar schwerelos schwebenden Bauten vermitteln. Ohne die Arbeit am Modell im Verbindung mit den statischen Möglichkeiten, die wir nicht nur den modernen Materialien, sondern ebenso dem Computer verdanken, wären einige seiner kühneren Konstruktionen nicht möglich gewesen. Der Rekurs auf die menschliche Gestalt wird bei Calatrava in den größten Dimensionen besonders dort eindrucksvoll, wo die Funktion der Architektur vor allem darin besteht, weithin sichtbare Zeichen zu setzen, Landmarken zu schaffen. Hier wären die Entwürfe für einen "Alicante Tower" zu nennen, aber auch der für einen Auftraggeber aus der Telekommunikationsbranche geschaffene, 136 Meter hohe "Montjuic Communications Tower" in Barcelona oder das für einen mexikanischen Standort bestimmte Modell "Cruz y Luz" ("Kreuz und Licht").

Es muss aber nicht immer die Gestalt des Menschen sein. Für den Entwurf eines Planetariums an einem als Spiegel dienenden Teich im Valencia Science Centre stand das menschliche Auge Pate. Die Reflexion des Lichts am Wasserspiegel ergänzt das obere Augenlid und die halbe Pupille zum offenen Auge. Andere Bauten Calatravas zitieren Nichtmenschliches, etwa Rippen oder Fluke eines Wals. In einer auf dem Platz vor der Kirche von Alcoy in Spanien in die Erde versenkten Halle hat man den Eindruck, durch das Skelett eines großen Wals (oder eines Dinosauriers) zu schreiten.

Die Beziehung zwischen der Architektur und dem menschlichen Körper ist so alt wie das Bauen selbst. Der Körper ist schon in funktionaler Hinsicht das Maß des Gebauten. Schließlich sollen Menschen im Gebauten leben oder arbeiten oder beides. Diese Regel gilt bis heute, auch wenn sich ein Teil des Gebauten energischer von ihr zu emanzipieren sucht als je zuvor. Wovon hundert und mehr Meter hohe Innenräume, die an hohle Baumstämme denken lassen, ein problematisches Zeugnis ablegen. Aber auch die Proportionen des Gebauten werden seit Jahrtausenden vom menschlichen Körper abgeleitet. Von Leonardo da Vinci, der die Gestalt des Menschen in ein Pentagramm einzeichnete, führt eine direkte Linie zu Le Corbusier und seinem "Modulor". Calatrava ist Corbusiers strenger Konstruktions-Schematismus freilich zutiefst fremd. Aber er greift sehr wohl auf Leonardo zurück, wenn er für den "Zeitkapsel"-Wettbewerb der New York Times, den Menschen im Pentagramm zitierend, die Gestalt statt in ein zweidimensionales Pentagramm in ein dreidimensionales Raumgebilde einfügt.

Der Birkhäuser Architektur Verlag setzt, ebenso wie mittlerweile auch andere Verlage, auf die Sprachkenntnisse seines Publikums, im konkreten Fall Architekten und an Architektur Interessierte, indem er Calatrava konsequent ausschließlich in englischer Sprache anbietet, ohne das kleinste anderssprachige Feigenblatt. Calatrava ist ja auch ein Muss. Kein Großer der Gegenwartsarchitektur hat sich radikaler vom kommerziellen Bauen verabschiedet, konnte trotzdem mit seiner Kunst vor allem öffentliche Bauherren überzeugen, ist als Künstler so radikal und macht dabei zugleich so radikal von den modernsten technischen Möglichkeiten der Konstruktion Gebrauch.

SANTIAGO CALATRAVA ARTWORKS Birkhäuser Verlag, Basel 2003 272 Seiten, 210 Farb- und 100 Duplexabbildungen, Ln., e 100,80

SANTIAGO CALATRAVA'S CREATIVE PROCESS. Einleitung: Liane Lefaivre, Alexander Tzonis. 2 Bände: Fundamentals, Scetchbooks, Birkhäuser Verlag, Basel 2002, 464 / 366 Seiten, viele Tafeln, Ln., e 133,70