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Feuilleton

Warum erst jetzt?

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Jetzt reden plötzlich wieder alle von der Rechtschreibreform, die in den Augen vieler eine "Schlechtschreibreform" ist, weil sie nichts als Verunsicherung gebracht hat. Die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" (FAZ) kehrt zur alten Schreibe zurück, jene, die dabei geblieben sind - wie "Die Presse" -, haben es schon immer gewusst, und andere wissen es wenigstens jetzt besser: dass nämlich 69 Prozent der Bevölkerung (über 18 übrigens, die Schüler hat man sicherheitshalber nicht gefragt) die neue Rechtschreibung ablehnen. Schon wetzen Kulturkämpfer die Messer und fordern auf der einen Seite die Rückkehr zur alten Orthographie, auf der anderen eine viel weiter gehende Reform, möglichst die totale Kleinschreibung samt völliger Eliminierung von Umlauten und scharfen ß.

Hätten die Antireformer sich nicht früher melden können? Mussten sie warten, bis auch die furche vor drei Monaten die neue Rechtschreibung einführte, was, ehe sie nicht nach Wochen darauf hin wies, keinen einzigen Leserbrief, keine einzige telefonische Beschwerde auslöste? Seit freilich die FAZ das Thema wieder aktualisiert hat, mehren sich auch bei uns Leserstimmen, die eine Rückkehr zur alten Rechtschreibung befürworten. Warum erst jetzt? Warum haben nicht gleich ein paar mutige Leute ein Volksbegehren gegen die Reform eingeleitet? Warum wird auch jetzt nur gemeckert und nicht politisch gehandelt? Sagt doch die Volksbefragung in Sachen EU-Sanktionen gleich ab und widmet sie der Rechtschreibreform! Oder - noch genialer - kombiniert beides! Vielleicht wird so die Beteiligung an der Volksbefragung dramatisch gesteigert.

Nur: Wenn die drei Weisen und in der Folge die 14 EU-Länder einlenken, ist die Idee vermutlich gestorben. Dabei wäre es doch so nett, die Literatenszene, bekanntlich mehrheitlich links, aber auch mehrheitlich gegen die Reform, gemeinsam mit der FPÖ agitieren zu sehen. Würde dann das Prinzip, wer mit der FPÖ in einem Boot sitzt, gehört geächtet (das "Franz-Morak-Exempel"), noch gelten? Hätte dann die Sache oder die politische Antipathie Vorrang?

Sicher ist die Reform kein großer Wurf, aber auch nicht die totale Katastrophe. Schreiben hat wieder mehr mit Freiheit, Lesen wieder mehr mit Heiterkeit zu tun. Wie schön, wenn man jetzt so viele "Grüsse" aus dem Urlaub kriegt ...