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Feuilleton

Wiens neuer Kommissar ist ein wenig patschert

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Helmut Neumann kreiert die Gattung des Mystikkrimi mit einem verliebten Polizisten.

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Helmut Neumann kreiert die Gattung des Mystikkrimi mit einem verliebten Polizisten.

Wenn sich zwei Polizisten hinter einem Schreibtisch verstecken, um einem Dieb aufzulauern, aber angesichts des endlich eingetroffenen Diebes übereinander stolpern, zu Fall kommen und den Wicht entwischen lassen, kann es sich nur um eine Heldentat Kommissar Laglers von der Wiener Kriminalpolizei handeln. Zur Ehre der Letzteren sei festgestellt, dass Rene Lagler kein wirklicher, sondern "nur" ein Krimi-Kommissar ist, den der Wiener Helmut Neumann soeben kreierte.

Freilich, was dieses "nur" betrifft: Der fiktive Kommissar im Krimi ist unter Umständen repräsentativer für die Stadt, in der er agiert, als ein noch so erfolgreicher (oder komischer) echter. Conan Doyle prägte mit seinem Sherlock Holmes und Agatha Christie mit ihrer Miß Marple die Vorstellungen, die sich Generationen von Europäern von den düsteren und mysteriösen Vorgängen hinter Londons Nebelschleiern und den dicken Mauern englischer und schottischer Schlösser machten, nachhaltiger als ein Jahrhundert Kriminal- und Gerichtssaalberichte. Neben der Erinnerung an George Simenons intensive Beschreibung der Milieus, in denen Maigret große und kleine Halunken zur Strecke brachte, werden touristische Ferienerinnerungen leicht zu blassen Schemen. Und angesichts der weltweiten Öffentlichkeitsarbeit, welche die Amerikanerin Donna Leon derzeit mit ihrem Commissario Brunetti für Venedig auf die Beine stellt, oder Magdalen Nabb mit ihrem Mareschiallo Guarnaccia für Florenz, kann Italiens offizielle Fremdenverkehrswerbung nur neidvoll erblassen.

Betrachtet man das Krimi-Metier aus dieser Perspektive, wird das Lancieren einer neuen Romanserie mit einem Kommissar, in dem sich sozusagen eine Stadt fokussiert, ohne weiteres zu einem Marketing-Projekt der Mittelklasse. Der bekannte Unternehmensberater Helmut Neumann erfüllte sich daher mit dem Schreiben seines ersten Krimis "Kommissar Laglers Fälle" nicht nur einen alten Wunsch, sondern startete damit eine ausbaufähige zweite Karriere. Sein Rene Lagler erfüllt zunächst die wichtigste Voraussetzung eines Kommissars, der sich neben Brunetti, Guarnaccia & Co behaupten soll: Er ist ganz anders. Er ist ein Romantiker und zugleich eine Art Bruder Leichtfuß, ein Polizeibeamter, der sein Handy stundenlang abschaltet und sich auch nicht scheut, bei der Nußdorfer Schleuse länger, als er es sich leisten könnte, der Donau beim Fließen zuzuschauen, ja, er scheut nicht einmal davor zurück, sich Hals über Kopf in die Freundin eines Ermordeten, grundsätzlich also eine Verdächtige, zu verlieben und ungeachtet aller disziplinären Verwicklungen, von denen hier freilich keine Rede ist, zur privaten Tat zu schreiten.

Neumanns Lagler agiert mitunter einigermaßen patschert und unprofessionell, aber der Showdown ist schon ganz auf die Verfilmung zugeschnitten. Außerdem hat der Kommissar eine Mutter mit hellseherischen Fähigkeiten, die ihm Hilfestellung bei der Aufklärung seiner Fälle bietet. Neumann kreierte nämlich nicht nur einen neuen Kommissar, sondern auch gleich ein neues Krimi-Metier. Mystikrimi könnte man nennen, was er schreibt: Die östlichen und die westlichen Geheimdienste versuchen einander Menschen mit magischen Fähigkeiten abzujagen und die Experten des Gegners notfalls abzuschlachten. Im konkreten Fall geht es um nicht mehr und nicht weniger als um einen geplanten Anschlag auf ein Atombombenlager der NATO durch Telekinese.

Der Autor scheint allerdings sorglos drauflos geschrieben und das Manuskript dann nicht mehr sorgfältig gelesen zu haben. Dadurch kommt es zu vielen Flüchtigkeitsfehlern und sprachlichen Schnitzern. Wäre der Roman "Kommissar Laglers Fälle" ein Auto, könnte es beim Elchtest Probleme geben. Wer halbwegs ernst nimmt, was er liest, fragt sich natürlich schon, ob sich der Autor absichtsvoll in düsteren politischen Andeutungen ergeht oder ob er bloß wieder einmal schlampt, wenn er Österreich eine "geheime" Staatspolizei unterjubelt, die es hierzulande nur in der NS-Zeit gab. Gestattet ist aber auch die Frage, ob es, wenn Detlef dem armen Maisky schon einen "steifen Martini" mixen muss, wenigstens als Gegenstück einen trockenen Grog geben wird. Der wahre Freund eines guten spanischen Brandys wiederum wird ganz steif und trocken im Mund vor Indignation, wenn der Cognacschwenker vorgewärmt werden soll. Die Todsünde geht freilich nicht zu Lasten des Autors, sondern einer seiner Figuren. Der kleine Anglizismus, mit dem Lagler "sicher macht", dass sein Handy eingeschaltet ist, soll uns gewiss bloß signalisieren, dass sein Schöpfer täglich Englisch redet.

Krimis werden besonders genau gelesen, schließlich zählt es zu den besonderen Vergnügungen ihrer Leser, dem Bösewicht früher als vom Autor geplant auf die Spur zu kommen. "Seiner Meinung nach sei Slivovsky zwar noch in Wien", lässt Inspektor Burleigh Lagler wissen, der auf der übernächsten Seite seinen Zerberus im Ministerium informiert: "Selbst Inspektor Burleigh vom Yard meint, daß sich Slivovsky wahrscheinlich gar nicht mehr in Österreich aufhält." Eine besonders heiße Spur, eine raffiniert gelegte falsche Fährte? Nein, nur ein "noch" statt einem "nicht mehr", schon wieder einer jener Fehler, die in einem Krimi schmerzen und gerade dann nicht vorkommen sollten, wenn wir einen Prototyp testen.

Fazit also: "Laglers Fällen" liegt ein intelligentes, tragfähiges und interessantes Konzept zugrunde. Die Kombination von Verbrechen, Polizeialltag und Esoterik entspricht einem Trend, einer Lesebereitschaft, schlägt zwei dicke Fliegen mit einer Klappe. Die Geschichte ist spannend und gut gebaut. Es dürfen also ruhig mehr Lagler-Bücher werden. So, wie er uns jetzt gegenübertritt, wird es der Lagler aber noch nicht ganz leicht haben, mit Brunetti und Guarnaccia zu konkurrieren. Maigret ist sowieso unerreichbar.

Die Bruderschaft. Von Helmut Neumann. Edition va Bene. Klosterneuburg 2000; 232 Seiten, geb., öS 298,-/e 21,66