Gerold Muhri, Palliativmediziner, Elisabethinen - Das Porträtfoto zeigt Gerold Muhri mit Brille und in weißem Hemd vor braun-grauem Hintergrund. - © KHE Graz

Palliativmediziner über Patient mit Sterbewunsch: „Er wollte nicht zur Last fallen“

Der Palliativmediziner Gerold Muhri erzählt, dass viele Menschen mit Sterbewunsch nach einem vertrauenswürdigen Aufklärungsgespräch ihre Meinung ändern.

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Körperliche Beschwerden und die Angst vor unerträglichen Schmerzen sind ein Hauptmotiv für den assistierten Suizid. Dabei kann die Palliativmedizin viele Beschwerden lindern, sagt Gerold Muhri. Der Internist und Palliativmediziner ist als geschäftsführender Oberarzt unter anderem verantwortlich für die Palliativstation und das Hospiz der Elisabethinen in Graz.

DIE FURCHE: Bei welcher Frage gibt es rund um den assistierten Suizid den dringendsten Klärungsbedarf?

Gerold Muhri: Für mich ist es die Tatsache, dass die Gesellschaft Menschen in einer furchtbaren Situation häufig alleine lässt. Zu wissen, dass man bald stirbt, bringt enorme körperliche, psychische, soziale und spirituelle Beschwerden mit sich. Es tut mir leid, dass wir oft nicht die Ressourcen haben, um diesen Menschen ein tragfähiges Haltenetz anzubieten. Erkundigen sich Patienten oder Patientinnen nach dem assistierten Suizid, dann gibt es Mediziner, die sagen: Der wird sich das schon überlegt haben. Andere Ärztinnen oder Ärzte wollen damit überhaupt nichts zu tun haben. Ich halte beide Formen der Kommunikationsabkürzung für falsch. Es ist unsere Aufgabe, zuzuhören.

DIE FURCHE: Glauben Sie, es gäbe auch bei idealer palliativmedizinischer Versorgung noch assistierte Suizide?

Muhri: Von circa 160 bis 170 Patienten, die sich bis heute in all unseren Grazer Einrichtungen nach dem assistierten Suizid erkundigt haben, weiß ich nur von vier, die ihn auch umgesetzt haben. Alle anderen haben wir nicht überredet, wir verurteilen niemanden. Aber wir machen Alternativangebote. 95 Prozent der Menschen haben in einem vertrauensvollen Aufklärungsgespräch dann einen anderen, für sie passenden Weg entdecken können. Von denen, die ich betreut habe, hat niemand diese Entscheidung bereut.

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