
„Ich bin Samuel, 21, leide an ME/CFS und in 12 Tagen sterbe ich. Bitte helft mir, meine Geschichte zu verbreiten und Aufmerksamkeit für meine Krankheit und ihre Missstände zu generieren!“
Dieser Post auf der Online-Plattform Reddit löst seit vorletztem Sonntag viel Resonanz in den sozialen Medien aus – und seit einem Standard-Beitrag auch weit darüber hinaus.
Der Niederösterreicher Samuel, nach einer Covid-Infektion schwer an Myalgischer Enzephalomyelitis/Chronischem Fatigue-Syndrom erkrankt, schildert in seinem Post, was ME/CFS für ihn bedeutet:
„Aufgrund dieser Krankheit habe ich ein extrem begrenztes Energiefenster. Ich muss 24 Stunden am Tag im Bett liegen und darf mich dabei nicht zu viel bewegen, es muss dauerhaft dunkel sein, da ich kein Licht ertrage. Ich trage doppelten Gehörschutz, weil ich auch keine Geräusche ertrage. Ich kann keine Sekunde fernsehen oder Videos am Handy anschauen, da bewegende Dinge mein Nervensystem zu sehr überfordern und unerträgliches Leid auslösen. Ich kann keine Musik oder Podcasts hören. Ich kann nicht einmal mit meiner eigenen Mutter, welche mich pflegt, reden, da Zuhören zu anstrengend ist, und selbst Reden ist mittlerweile gänzlich unmöglich. So muss ich mit einem Stift und Block kommunizieren. Mein Handy kann ich nur wenige Minuten bis Sekunden für Nachrichten benutzen. Teilweise gar nicht. (Diese Nachricht wurde unter Qualen im Vorhinein aufgenommen.)“

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Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)
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Wie kann man das aushalten?
Wie Samuel seine Realität als Schwerst-ME/CFS-Erkrankter schildert, mag für viele wie ein Bericht aus einer fremden Welt klingen – für mich ist sie nur allzu vertraut.
Denn seit fünf Jahren, seit sich die ME/CFS-Erkrankung unserer Tochter Mila (23) massiv verschlechtert hat, ist das auch unsere Realität: die Einsamkeit im dunklen Zimmer, fehlende Kommunikation, weil selbst Sprechen zu belastend ist, die Angst vor weiterer Verschlechterung, das Gefühl, von Medizin und Politik im Stich gelassen zu sein.
Und immer wieder die Frage: Wie lange kann ein Mensch diesen Horror aushalten?
Hinweis
Sollten Sie sich in einer Krise befinden und Hilfe suchen, finden Sie diese unter www.suizid-praevention.at sowie bei der Telefonseelsorge unter der Nummer 142.
Sollten Sie sich in einer Krise befinden und Hilfe suchen, finden Sie diese unter www.suizid-praevention.at sowie bei der Telefonseelsorge unter der Nummer 142.
Durch den Kontakt mit vielen Betroffenen habe ich inzwischen mehrere Sterbefälle und (assistierte) Suizide begleitet, meist über die Familien, da bei Schwerstbetroffenen oft keine direkte Kommunikation mehr möglich ist.
Auch Mila kommuniziert uns: Auf Dauer hält sie diese Situation nicht aus. Vielleicht noch ein halbes Jahr.
ME/CFS als systemisches Versagen
Was Samuel trotz massiv begrenzter Kräfte zu einem Reddit-Post veranlasste, geht jedoch über seine individuelle Situation hinaus. Er will auf das gravierende gesellschaftliche Versagen im Umgang mit der schweren Multisystemerkrankung ME/CFS aufmerksam machen:
„Es gibt für diese Krankheit kein einziges Medikament“, schreibt er. „Und in Österreich keine einzige Anlaufstelle, obwohl jeder 100ste betroffen ist. Die meisten Ärzte kennen diese Krankheit nicht einmal?! Die PVA selbst nennt uns Scharlatane und Trittbrettfahrer. Viele Betroffene bekommen genau 0 € im Monat. Kein Cent von der PVA, kein Cent vom AMS.“
Was Samuel schildert, trifft leider zu.
Für ME/CFS besteht eine Versorgungswüste, wie man sie sich kaum vorstellen kann. Beim Kampf darum, unsere Tochter am Leben zu erhalten, waren wir unfassbar allein.
Auf die verheerende Versorgungssituation in Österreich und darüber hinaus wiesen in den letzten Jahren zahlreiche ähnliche Zwischenrufe hin – meist von Betroffenen, im November aber auch von unerwarteter Seite: der Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS).
In einer eigens angesetzten Pressekonferenz machte sie darauf aufmerksam, dass aufgrund fehlender Versorgung zunehmend ME/CFS-Betroffene Anträge auf Suizidbegleitung stellen – die meisten erschreckend jung, 24 bis 29 Jahre.
Die Botschaft: eine humanitäre Katastrophe vor unserer Haustür.
Alleingelassen im Gesundheitssystem
Für ME/CFS besteht eine Versorgungswüste, wie man sie sich in Österreich kaum vorstellen kann.
Was das bedeutet, erlebten wir, als unsere Tochter zu schwach zum Essen und Schlucken wurde. Beim Kampf darum, sie am Leben zu erhalten, waren wir unfassbar allein: kein Krankenhaus mit der nötigen Expertise, kein ME/CFS-kundiger Arzt für Hausbesuche, keine Unterstützung durch einen Palliativdienst.
Hinzu kommen fehlende Aufklärung und medizinische Ausbildung, viel zu wenig Forschung, Gutachtende, die ME/CFS als psychosomatisch fehlinterpretieren oder gar lächerlich machen, schädigende Therapieempfehlungen sowie massive soziale Unterversorgung.
Daran hat sich in den letzten Jahren wenig geändert – obwohl sich die Zahl der Betroffenen infolge von Long Covid mindestens verdoppelt hat (mehrere Zehntausende in Österreich), obwohl es zahlreiche Medienbeiträge gab, obwohl der Rechnungshof Verbesserungen anmahnt und obwohl es 2023einen parteiübergreifenden Nationalratsbeschluss gab, diese Missstände anzugehen.
Zeitweise sah es hoffnungsvoll aus: 2024wurde in einem umfassenden partizipativen Prozess – unter Beteiligung von Sozialministerium, Gebietskrankenkasse, medizinischen Fachgesellschaften, Patientenorganisationen, Pensionsversicherungsanstalt (PVA), Bundesländern u.a. – ein Aktionsplan erstellt und ein Nationales Referenzzentrum (NRZ) für postvirale Syndrome eingerichtet.
Doch all das ist inzwischen Makulatur.
Wer Hilfestellung verhindert
Weil es Verhinderer gibt – etwa die PVA, die ME/CFS-Betroffene als „Trittbrettfahrer und Scharlatane“ diffamiert. Weil medizinische Fachgesellschaften wie die Österreichische Gesellschaft für Neurologie ME/CFS jahrzehntelang ignorierten und bis heute keinen adäquaten Umgang mit der Krankheit finden.
Weil dringend benötigte Expertise seit der neuen Bundesregierung vom Verhandlungstisch ausgeschlossen ist: das neu gegründete, von zwei international angesehenen Expertinnen geleitete NRZ und die Betroffenen selbst.
Dabei ist der Grundsatz „Never about us without us“ gerade bei ME/CFS besonders wichtig. Denn nur die Betroffenen wissen, wo die bestehenden Strukturen versagen.
Vielleicht hofft man noch immer, das Problem werde sich von selbst erledigen, wenn man es nur lange genug ignoriert.
Unter diesen Vorzeichen ist Samuels Reddit-Post kein „Abschiedsbrief“, sondern ein verzweifelter Versuch, gehört zu werden – und damit letztlich ein Ausdruck von Hoffnung. Zumindest für andere Betroffene.
Wenn aber ME/CFS-Betroffene erst ernstgenommen werden, wenn sie am Rande des Suizids stehen, ist das ein Armutszeugnis für unser Gesundheits- und Sozialsystem.
Es darf nicht sein, dass strukturelles Wegsehen, Abwiegeln oder Zuständigkeitsverschiebungen Not zusätzlich verschlimmern. Politik und Medizin müssen rasch handeln, damit Ignoranz und mangelnde Versorgung nicht weiter zu lebensbedrohlichen Eskalationen führen.
Die Autorin ist evangelischePfarrerin und Vertretungsprofessorin für evang. Religionspädagogik in Frankfurt. Sie lebt mit ihrer Familie in Mödling.
Hinweis: Sollten sie sich in einer Krise befinden undHilfe suchen, finden Sie diese unter suizidpraevention.atsowie bei der Telefonseelsorge unter der Nummer 142.
Anlaufstellen und Informationsangebote
Österreichische Gesellschaft für ME/CFS
Von Betroffenen für Betroffene: mecfs.at
WE&ME Stiftung
www.weandmecfs.org
Die WE&ME Stiftung (ehemals TEMPI Stiftung) wurde 2020 von der Bäckerei-Familie Ströck gegründet und hat ihren Sitz in Wien.
Die zwei Brüder Christoph und Philipp Ströck, die beide selbst von ME/CFS betroffen sind, leiten die Mission der Stiftung. Finanziert werden Forschungsarbeiten, um die Komplexität von ME/CFS zu ergründen und wirksame Behandlungen zu finden.
Deutschsprachige Podcasts:
- Superhelden Ohne Cape
- Fasynation: Hilfe bei ME/CFS und Long Covid von Johannes
- Ich werde gesund! von Martina
- Tidal Faces von Leila
- Blühende Gesundheit von Anna
Englischsprachige Kanäle auf Youtube:
Buchtipp:
- Jan Rothney: Breaking Free (Updated Guide 2026)
Österreichische Gesellschaft für ME/CFS
Von Betroffenen für Betroffene: mecfs.at
WE&ME Stiftung
www.weandmecfs.org
Die WE&ME Stiftung (ehemals TEMPI Stiftung) wurde 2020 von der Bäckerei-Familie Ströck gegründet und hat ihren Sitz in Wien.
Die zwei Brüder Christoph und Philipp Ströck, die beide selbst von ME/CFS betroffen sind, leiten die Mission der Stiftung. Finanziert werden Forschungsarbeiten, um die Komplexität von ME/CFS zu ergründen und wirksame Behandlungen zu finden.
Deutschsprachige Podcasts:
- Superhelden Ohne Cape
- Fasynation: Hilfe bei ME/CFS und Long Covid von Johannes
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