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Pflegen in der Krise

Pflege - © Foto: Pixabay
Gesellschaft

Pflege in Österreich: „Mit 35 Stunden wird es nicht getan sein“

1945 1960 1980 2000 2020

Im Interview spricht der Wiener Pflegewissenschaftler Martin Nagl-Cupal über grobe Mängel, den Paradigmenwechsel in der Pflegepolitik und welche Rolle die Leidensmystik dabei spielt.

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Im Interview spricht der Wiener Pflegewissenschaftler Martin Nagl-Cupal über grobe Mängel, den Paradigmenwechsel in der Pflegepolitik und welche Rolle die Leidensmystik dabei spielt.

Einst erlernte er selbst den Beruf des Pflegers, heute ist er Vize- Vorstand am Institut für Pflegewissenschaft in Wien – Martin Nagl-Cupal hat das Pflegesystem in Österreich aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln beleuchtet. Die 24-Stunden-Pflege hält er für „ein Auslaufmodell“.


DIE FURCHE: Was dürfen wir uns von TürkisGrün in puncto Pflege erhoffen?

Martin Nagl-Cupal: Ich habe das neue Regierungsprogramm mit früheren verglichen. In Bezug auf Pflege ist das neue konkret und hat einen Paradigmenwechsel eingeleitet. Es ist ein Bekenntnis, dass Pflege eine gesellschaftliche Aufgabe ist.

DIE FURCHE: Warum erst jetzt?

Nagl-Cupal: Weil es weitreichende Konsequenzen hat.

DIE FURCHE: Inwiefern?

Nagl-Cupal: Wenn ich Gesellschaft sage, dann sind auch Sie und ich davon betroffen. Eine Regierung muss sich dann überlegen, wie Pflege in das reale Leben implementierbar ist. Die entscheidende Frage ist: Was heißt das fürs Zusammenleben in Gemeinschaften?

DIE FURCHE: Und was heißt das für unser Zusammenleben?

Nagl-Cupal: Es wird ein auf die Gemeinschaft basierendes Sorgeverständnis geben müssen. Bundeskanzler
Kurz hat zudem angekündigt, dass in jedem Ressort gespart werden müsse – mit Ausnahme der Pflege.

DIE FURCHE: Dieses plötzliche Bekenntnis der Bundesregierung zur Pflege – viele identifizieren hier die grüne Handschrift...

Nagl-Cupal: Ich auch. Für die ÖVP hatte das Sozialressort und damit auch die Pflege bisher tatsächlich keinen besonderen Stellenwert.

DIE FURCHE: Wenn dieser Paradigmenwechsel erst seit dem neuen Regierungsprogramm offiziell ist – welche Haltung bestimmte bis jetzt diesen Bereich?

Nagl-Cupal: Der Status quo bei uns ist: Die Pflegearbeit liegt bei der Familie. Aber: Es wird vom Staat Geld frei gemacht, damit sich von Pflege Betroffene Unterstützung einkaufen können, wenn sie das wollen. Das ist das zentrale Kennzeichen unseres Pflegesystems.