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Pflegen in der Krise

Pflege alte Menschen - © Foto: Pixabay
Gesellschaft

Die zwei halben Leben der Frau Ani

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Wochen pro Monat lebt die Ungarin Ani Sitku nahe Amstetten und kümmert sich rund um die Uhr um die pflegebedürftige Frau H. Warum tut sie das? Wie geht es ihr dabei, Mann und Kinder zurückzulassen? Aus dem Leben einer 24-Stunden-Betreuerin.

1945 1960 1980 2000 2020

Zwei Wochen pro Monat lebt die Ungarin Ani Sitku nahe Amstetten und kümmert sich rund um die Uhr um die pflegebedürftige Frau H. Warum tut sie das? Wie geht es ihr dabei, Mann und Kinder zurückzulassen? Aus dem Leben einer 24-Stunden-Betreuerin.

Es ist alles gerichtet: der Kaffee aufgesetzt, die Kekse kredenzt, das Mittag-essen – Geschnetzeltes mit Reis und Gemüse – vorgekocht. Etwas abseits der Küchenzeile liegt die 94-jährige Frau H. frisch frisiert in ihrem Pflegebett und blickt etwas schläfrig aus dem Fenster. Nur manchmal murmelt die ehemals einflussreiche, gebildete Dame leise vor sich hin. „Im Schlaf immer reden,“ sagt Ani Sitku lächelnd. Frau H. ist dement – und doch scheint sie gerade hellwach zu sein. Ob sie mit Frau Ani zufrieden sei? „Sehr“, sagt die alte Frau. Was sie an ihr schätze? „Dass sie so leutselig ist.“ Wie zum Beweis läutet es an der Tür: Nachbarin Marianne schaut vorbei, um sich von Ani mit einer Umarmung zu verabschieden.

Gemeinsame Tage, gemeinsame Nächte

14 Tage lang hat Ani Sitku mit Frau H. rund um die Uhr zusammengelebt: Morgens um halb acht hat sie die alte Frau geweckt, sie gewaschen, gewickelt, ihr das Frühstück bereitet, ihr vorgelesen, das Mittagessen gerichtet, Frau H. zur Siesta gerüstet, sie danach auf den Fauteuil gehoben, Kaffee getrunken, mit ihr Karten gespielt oder ferngesehen, das Abendessen bereitet, Frau H. für die Nacht hergerichtet und ihr die verordneten Medikamente verabreicht. Um 22 Uhr soll Frau H. eigentlich schlafen. „Ist aber oft Problem“, weiß Ani, die im Nebenzimmer bei offener Türe schläft.

Warum sie sich um alte Menschen wie Frau H. kümmert? Ani lächelt schüchtern und reicht den Besuchern einen Zettel. In säuberlicher Handschrift hat die diplomierte Krankenschwester darauf festgehalten, was sie antreibt. Sie könne eben noch nicht so gut deutsch, meint sie entschuldigend. „Ich habe große Liebe zu meinem Beruf“, steht darauf zu lesen. „Ich liebe die Pflege und arbeite sehr gerne mit alten Leuten.“ Ganz oben auf dem Zettel hat sie die Eckdaten ihres Lebens notiert: „Ich bin 39 Jahre alt. Ich wohne in Ungarn in Máriapócs. Mein Mann und drei Kinder warten zu Hause auf mich.“

An diesem Donnerstag wartet ihr Mann nur ein paar Meter von ihr entfernt – im Garten des kleinen Einfamilienhauses von Frau H. nahe Amstetten. Weil der Polizist gerade Urlaub hat, ist er selbst die 700 Kilometer weite Strecke aus Ostungarn mit dem Auto gefahren, um seine Frau abzuholen. Jene ungarische Krankenschwester, die Ani für zwei Wochen ablösen wird, hat er mitgebracht.

In Máriapócs angekommen, wird Ani Sitku endlich Zeit für ihre Lieben haben: für ihren Mann, ihre Eltern und vor allem die drei Söhne im Alter von 21, 18 und sieben Jahren. Der Älteste hat gottlob einen Job als Installateur gefunden. Die anderen gehen zur Schule. Wenn Ani in Österreich ist, umsorgt der 75-jährige, rüstige Großvater gemeinsam mit Anis Mann den jüngsten Sohn und die herzkranke Großmutter.

Es ist alles gerichtet: der Kaffee aufgesetzt, die Kekse kredenzt, das Mittag-essen – Geschnetzeltes mit Reis und Gemüse – vorgekocht. Etwas abseits der Küchenzeile liegt die 94-jährige Frau H. frisch frisiert in ihrem Pflegebett und blickt etwas schläfrig aus dem Fenster. Nur manchmal murmelt die ehemals einflussreiche, gebildete Dame leise vor sich hin. „Im Schlaf immer reden,“ sagt Ani Sitku lächelnd. Frau H. ist dement – und doch scheint sie gerade hellwach zu sein. Ob sie mit Frau Ani zufrieden sei? „Sehr“, sagt die alte Frau. Was sie an ihr schätze? „Dass sie so leutselig ist.“ Wie zum Beweis läutet es an der Tür: Nachbarin Marianne schaut vorbei, um sich von Ani mit einer Umarmung zu verabschieden.

Gemeinsame Tage, gemeinsame Nächte

14 Tage lang hat Ani Sitku mit Frau H. rund um die Uhr zusammengelebt: Morgens um halb acht hat sie die alte Frau geweckt, sie gewaschen, gewickelt, ihr das Frühstück bereitet, ihr vorgelesen, das Mittagessen gerichtet, Frau H. zur Siesta gerüstet, sie danach auf den Fauteuil gehoben, Kaffee getrunken, mit ihr Karten gespielt oder ferngesehen, das Abendessen bereitet, Frau H. für die Nacht hergerichtet und ihr die verordneten Medikamente verabreicht. Um 22 Uhr soll Frau H. eigentlich schlafen. „Ist aber oft Problem“, weiß Ani, die im Nebenzimmer bei offener Türe schläft.

Warum sie sich um alte Menschen wie Frau H. kümmert? Ani lächelt schüchtern und reicht den Besuchern einen Zettel. In säuberlicher Handschrift hat die diplomierte Krankenschwester darauf festgehalten, was sie antreibt. Sie könne eben noch nicht so gut deutsch, meint sie entschuldigend. „Ich habe große Liebe zu meinem Beruf“, steht darauf zu lesen. „Ich liebe die Pflege und arbeite sehr gerne mit alten Leuten.“ Ganz oben auf dem Zettel hat sie die Eckdaten ihres Lebens notiert: „Ich bin 39 Jahre alt. Ich wohne in Ungarn in Máriapócs. Mein Mann und drei Kinder warten zu Hause auf mich.“

An diesem Donnerstag wartet ihr Mann nur ein paar Meter von ihr entfernt – im Garten des kleinen Einfamilienhauses von Frau H. nahe Amstetten. Weil der Polizist gerade Urlaub hat, ist er selbst die 700 Kilometer weite Strecke aus Ostungarn mit dem Auto gefahren, um seine Frau abzuholen. Jene ungarische Krankenschwester, die Ani für zwei Wochen ablösen wird, hat er mitgebracht.

In Máriapócs angekommen, wird Ani Sitku endlich Zeit für ihre Lieben haben: für ihren Mann, ihre Eltern und vor allem die drei Söhne im Alter von 21, 18 und sieben Jahren. Der Älteste hat gottlob einen Job als Installateur gefunden. Die anderen gehen zur Schule. Wenn Ani in Österreich ist, umsorgt der 75-jährige, rüstige Großvater gemeinsam mit Anis Mann den jüngsten Sohn und die herzkranke Großmutter.

Was für eine verquere Welt: Eine Mutter lässt ihre eigene Familie zurück, um in einem anderen Land eine fremde, alte Frau zu betreuen. Warum bloß? Es geht schlichtweg um die Existenz

Doris Helmberger-Fleckl

Was für eine verquere Welt: Eine Mutter lässt ihre eigene Familie zurück, um in einem anderen Land eine fremde, alte Frau zu betreuen. Warum bloß? Es geht schlichtweg um die Existenz: 70 Euro pro Tag verdient Ani als „selbständige Personenbetreuerin“ in Österreich. Rund acht Euro muss sie an die gewerbliche Sozialversicherung abführen. Bleiben 870 Euro für zwei Wochen Arbeit. Kost und Logis sind kostenlos; auch das Sammeltaxi, das sie üblicherweise nach Österreich und wieder zurück nach Hause bringt, wird vom Kunden, also Frau H., bezahlt. Tatsächlich regelt H.s Großneffe in Wien die finanziellen Angelegenheiten. Eigene Kinder hat die alte Dame, die seit 20 Jahren verwitwet ist, nicht.

870 Euro für 14 Tage Arbeit: In Ostungarn könnte Ani Sitku von einem solchen Salär nur träumen. 200 Euro monatlich erhält ihr Mann. Sie selbst hat als Krankenschwester im Psychiatrie-Krankenhaus von Nagykálló, wo sie 15 Jahre lang beschäftigt war, 300 Euro verdient. 2009, als das Spital geschlossen wurde, stand sie vor dem Nichts. Mangels Alternativen entschloss sie sich, nach Österreich zu gehen. Ein Jahr lang war sie als Hauskrankenpflegerin aktiv. Vor zehn Monaten vermittelte sie der Caritas-Verein „Rundum Zuhause betreut“ an Frau H.

Zwei Stunden nur für sich sein

Österreichweit schult, vermittelt und begleitet der Verein 380 selbständige Personenbetreuerinnen (90 Prozent sind Frauen; 85 Prozent kommen aus der Slowakei, der Rest aus Ungarn und Tschechien). Es ist dies nur ein Bruchteil jener geschätzten 20.000 Personen, die derzeit in der 24-Stunden-Pflege legal im Einsatz sind. Im Unterschied zu manch anderen Vermittlungsagenturen sorgt die Caritas freilich auch für Ersatz im Krankheitsfall und für Qualitätskontrolle.

Im Fall von Ani Sitku kommen dienstags und donnerstags mobile Pflegerinnen vorbei, um Ani für zwei Stunden zu entlasten. Es ist jene kostbare Zeit, in der sie einkaufen oder nur für sich sein kann. Danach ist sie wieder im Einsatz – nonstop und mit Herz. „Wenn man seinen Beruf liebt, kann man viel mehr leisten“, hat sie auf ihren Zettel geschrieben. Und irgendwann geht für die dreifache Mutter, die ihre Kraft aus dem Glauben schöpft, vielleicht sogar die größte Sehnsucht in Erfüllung: ein Haus in Gyór – und eine Stelle in einem ungarischen Altenheim. Dann, meint Ani Sitku lächelnd, dann könne sie den Ihren endlich nahe sein.