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Schwingungen des Seelenlebens

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Stimmungen lenken unser Fühlen, Denken und Handeln in eine bestimmte Richtung. Wer sie verändern will, braucht vor allem Taktgefühl und atmosphärisches Gespür.

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Stimmungen lenken unser Fühlen, Denken und Handeln in eine bestimmte Richtung. Wer sie verändern will, braucht vor allem Taktgefühl und atmosphärisches Gespür.

Was Stimmungen bewirken können, zeigt sich am ehesten in ihren Extremen. Der eine Pol ist die Depression: Sie hüllt die Betroffenen in einen Mantel der Schwermut und Niedergeschlagenheit, raubt ihnen die Motivation, die Freude, das Interesse. Der andere Pol ist die Manie; sie macht die Betroffenen gereizt, überflutet sie mit Energie, nimmt ihnen die Vorsicht, das Distanzgefühl, die Hemmungen. Im fatalen Wechsel zwischen diesen Extremen manifestiert sich eine bipolare Störung: Ihr doppelter Abgrund wird gern mit einem geflügelten Wort aus Goethes "Egmont" -,"himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt" - auf den Punkt gebracht.

Diese Krankheit ist in den letzten Jahren zum Gegenstand intensiver Forschung geworden. Sie verdeutlicht, wie Stimmungen im Gehirn gewissermaßen zusammengebraut werden und über die Wechselwirkung bestimmter Neuro-Botenstoffe zu verstehen sind.

Gehirn im Stimmungsraum

Kulturell gesehen erscheint die lähmende Antriebslosigkeit der Depression wie das absolute Negativ zum Idealbild des modernen Subjekts, dessen Initiative, Kontaktfreudigkeit und allzeitige Leistungsbereitschaft heute zunehmend gefordert ist. Im Gegensatz dazu ist der Krankheitswert der Manie nicht immer gleich ersichtlich: In einer hedonistischen, sexualisierten und schlaflosen Gesellschaft passt der manische Furor tendenziell ins Bild. Dem entspricht die Beobachtung, dass bipolare Patienten mit Symptomen wie Fahrigkeit, Überaktivität oder Redseligkeit oft nicht in ihrer manischen Episode erkannt werden. Ins Auge stechen allein die depressiven Phasen; ein Teil der Betroffenen wird daher fälschlicherweise als depressiv diagnostiziert -und erhält somit auch eine inadäquate Therapie, wie unlängst wieder eine britische Studie gezeigt hat.

Problematisch wird die Manie erst dann, wenn der Kontakt zur Realität ganz offensichtlich verloren geht: Größenwahn kann sich einschleichen, die geplanten Projekte erweisen sich als hirnrissig, das Geld wird gleichsam aus dem Fenster geschmissen. Der Schaden kann in den privaten, unter Umständen - man stelle sich vor, ein hochrangiger Politiker hätte manische Anwandlungen - auch in den öffentlichen Ruin führen. Aber die Extreme der Stimmungen wurden nicht immer nur negativ bewertet: In der Antike sprach Platon von der "göttlichen Manie" der Künstler oder der Liebenden, und in den pseudoaristotelischen "Problemata physica" galt die Melancholie (der konzeptuelle Vorläufer der Depression) als ein Merkmal der großen Geister.

Dieser Hinweis stammt vom Mediziner und Philosophen Thomas Fuchs: Der Karl Jaspers-Professor für Philosophische Grundlagen der Psychiatrie und Psychotherapie am Uniklinikum Heidelberg betont, dass es zu kurz gegriffen wäre, Stimmungen nur als "private" Phänomene zu begreifen, die im Gehirn eines Individuums entstehen. Hatte doch schon der deutsche Philosoph Martin Heidegger in "Sein und Zeit"(1927) verlautbart, dass "das Gestimmtsein" sich "nicht zunächst auf Seelisches" bezieht, sondern als "Weise des Inder-Welt-Seins aus diesem selbst aufsteigt". Dass die Stimmung weder von "Außen" noch von "Innen" kommt, bekräftigte auch Otto Bollnow, die "Stimmungskanone unter den Existentialontologen"(FAZ): In seinem wieder entdeckten Schlüsselwerk über "Das Wesen der Stimmungen"(1941) verortete er diese "noch ganz in der ungeschiedenen Einheit von Selbst und Welt".

Diese Befunde werden vom Heidelberger Professor heute so übersetzt: Wir leben nicht in einem physikalischen, sondern in einem Stimmungsraum, so Fuchs - einer Welt, die erfüllt ist "von Anmutungen, Ausstrahlungen, Atmosphären, Stimmungen und Gefühlsschwingungen". Der Vergleich mit der Musik liegt hier wohl am nächsten; geht es doch um eine "Einstimmung" von Ich und Welt auf eine gemeinsame Tonalität wie Dur oder Moll. Umgekehrt deutet das Wort Stimmung auf "musikalische Seelenverhältnisse", wie der romantische Dichter Novalis angemerkt hat.

Faktor für "Weltoffenheit"

Aber vom "Wesen" zurück zu den Wirkungen der Stimmungen: Diese sind wie "unsichtbare Magnetfelder, die Gefühle, Bewertungen, Gedanken und Handlungen in eine bestimmte Richtung lenken", erläutert Fuchs. Gehobene Stimmungen werden dabei stets als weitend empfunden, sie öffnen den Geist und steigern damit auch die "Weltoffenheit". Gedrückte Stimmungen hingegen führen zu Rückzug und Verschlossenheit. Dieser Zusammenhang ist auch auf gesellschaftlicher Ebene gut nachzuvollziehen.

Stimmungen entziehen sich dem direkten Zugriff: Es kommt also darauf an, Bedingungen für das Aufkommen günstiger Stimmungslagen zu schaffen (Bollnow). Wer auch negative Stimmungen akzeptierend wahrnimmt, schafft schon eine Art von Erleichterung (Fuchs): Denn damit wandeln sie sich bereits oder verlieren zumindest ihren drängenden, oft beengenden Charakter.

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