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Literatur

"Die Wahrheit der anderen" von Daniel Zipfel: Jedem seine Geschichte?

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Zipfels Roman "Die Wahrheit der anderen"

1945 1960 1980 2000 2020

Daniel Zipfels Roman "Die Wahrheit der anderen"

Wie soll man die eigene Geschichte im Rahmen eines Asylverfahrens vor Gericht erzählen? Und was erwarten die Leserinnen und Leser von Zeitungen? Emotion, ein „wohlschmeckendes Gift“? Oder „nüchterne Fakten“? Aber was heißt das, was sind nüchterne Fakten in der Geschichte von einer oder einem, die oder der aus Krisen- oder Kriegsgebieten geflohen ist?

Der Boulevard-Journalist sagt über seine Tätigkeit: „Wir reduzieren. Wir reduzieren komplexe Sachverhalte auf menschliche Geschichten, unterhaltsame Geschichten.“ Vor Gericht wiederum geht es nicht darum, einfach die eigene entsetzliche Geschichte zu erzählen. Denn, so eine Anwältin zu ihrer Mandantin aus Pakistan, „in Wirklichkeit geht es um die Richter. In die Köpfe der Richter muss Ihre Geschichte passen, verstehen Sie das? Die eigene Geschichte zu erzählen, ist das Schwierigste überhaupt.“ Das Problem beim Erzählen, so der Pressesprecher des Innenministeriums, sind nicht die Fakten, sondern die Zuhörer.

Daniel Zipfel weiß, wovon er in „Die Wahrheit der anderen“ schreibt: Seit 2008 arbeitet er als Jurist im Flüchtlingsbereich, den er 2015 in seinem Debütroman „Eine Handvoll Rosinen“ literarisiert hat. Die Gefahr ist groß, in einer hochpolarisierten Zeit einseitige politische Position zu beziehen und entsprechende Thesen zu verfassen, doch Daniel Zipfel macht es sich nicht so einfach. Ihn interessieren die Mechanismen und ganz grundlegende menschliche und ethische Fragen, und so verwundert es auch nicht, dass sogar Paul Ricœur und William Shakespeare genannt werden.

Daniel Zipfel nützt in seinem Roman unter anderem die unzuverlässige Erzählstimme von zwei Journalisten, denen es nicht schwerfällt, eine Geschichte „kalt“ zu schreiben, das heißt ohne Recherche vor Ort. Sein Roman thematisiert die Bedeutung und Wirkung von Bildern, und was passieren kann, wenn sie aus dem Kontext gerissen werden; er thematisiert, was geschehen kann, wenn man aus einem einzelnen Menschen ein Symbol machen will, „für Menschenrechte, gegen Polizeigewalt“, „für das Gute, für die Wahrheit!“ Er problematisiert die Instrumentalisierung von Menschen und ihren Schicksalen. Viele Perspektiven gibt es hier, aber aus welcher sieht man das Gegenüber? Oder geht es hier jedem nur um seine eigene Geschichte? Wie gehen wir miteinander um? Und was zerstört unser Vertrauen?