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Was uns blüht

Stallgeruch 2 - © Collage: Rainer Messerklinger
Literatur

Stallgeruch. Debütromane von Dominik Barta und Helene Adler

1945 1960 1980 2000 2020

Dominik Barta und Helene Adler erzählen in ihren Debütromanen dunkle Geschichten aus der österreichischen Provinz.

1945 1960 1980 2000 2020

Dominik Barta und Helene Adler erzählen in ihren Debütromanen dunkle Geschichten aus der österreichischen Provinz.

Theresa ringt nach Luft, hantelt sich ins Freie. Raus aus den Gummistiefeln, raus aus dem Blaugewand. Übelkeit und Kraftlosigkeit treiben sie aus dem Stall, hinüber ins Haus. Seife mildert „den scharfen Geruch, der an der Stallkleidung und an den unbedeckt gebliebenen Körperpartien haftete“. Theresa sinkt aufs Sofa. Dann kommt Erwin, ihr Mann, streift sie mit dem Arbeitsmantel. Erneut legt sich Stallgeruch auf ihre Haut. Erneut greift Theresa zur Seife.

Den Namen der anderen erfahren wir nicht. Sie ist noch ein Kind und sitzt mit der vereinten Sippschaft in der Stube: den Urgroßeltern, den Eltern und den beiden Zwillingsschwestern. Draußen tobt ein Gewitter, das Flackerlicht der Blitze verzerrt die Gesichter zu Fratzen, die Kühe brüllen zum Rosenkranz. „Die Menschen bieten keinen Schutz mehr“, die Kleine sucht Zuflucht im Stall, bei ihren wölfischen Hunden.

Die geschilderten Szenen eröffnen dunkle Geschichten aus der österreichischen Provinz. Sie reihen sich in die lange Tradition eines spezifisch heimischen Subgenres und schreiben es mit neuer Feder fort. Theresa ist etwa 60 und die tragische Heldin von Dominik Bartas Debütroman „Vom Land“. Die kleine Namenlose ist ein Kind der 1980er und Ich-Erzählerin in Helene Adlers Romandebüt „Die Infantin trägt den Scheitel links“.

Dominik Barta, Jahrgang 1982, erzählt im klassischen Romanduktus und aus wechselnden Perspektiven. Als Schauplatz wählt er seine Heimat, das Hausruckviertel. Theresa und Erwin bewirtschaften einen stolzen Vierkanthof abseits des fiktiven Dorfes Pielitz. Der Autor bringt viel Romanpersonal in Stellung und schreibt den sozio-ökonomischen Wandel in die Handlung ein. Alles greift ineinander, die Räder laufen heiß. Das geht nicht ganz klischeefrei vonstatten und endet mit einer sozialromantischen Utopie. Theresa und Erwin haben zwei Söhne, der eine Lehrer, der andere Ingenieur. Die Tochter arbeitet in einer Therme. Keiner wird den Hof übernehmen. Einzig die „Kraft der landwirtschaftlichen Routine“ treibt die Eheleute voran, stellt sie „an ihren Platz“. Erwin stellt diesen nicht infrage. „Sie waren eine Symbiose eingegangen. Man konnte den einen nicht mehr vom anderen trennen, ohne beide zu zerstören.“

Theresa stammt aus kleinbäuerlichem Milieu. Ihr Vater arrangierte die Heirat mit hektarbezogener Pragmatik. „Das ganze Gerede darüber, wie es einem ging und was man fühlte – dieses Gerede war uns fremd. [...] Es gehörte nicht zu unserer Ausstattung.“ Dann streikt ihr Körper, und Theresa muss sich diesen Fragen stellen. Sie zieht Bilanz – und die äußerste Konsequenz. Ihr Freitod erschüttert Erwins Seele und Existenz. Allein kann er den Hof nicht bewirtschaften. Seine Not hilft einem Fremden aus der Not: einem syrischen Flüchtling, der sich vor dem Dorf und dem Gesetz verschanzt. Erwins Enkel entdeckt ihn in einem Baumhaus, die beiden freunden sich an, ihre Lausbubenstreiche bekommen eine politische Dimension. Der Bauer macht den Vogelfreien zum Knecht und verhilft ihm zur Legalität. Ein Moslem nimmt Stallgeruch an – bei einem Schweinebauern.