Ankunft ist nirgends - © iStock / querbeet

Ankunft ist nirgends

1945 1960 1980 2000 2020

In Marko Dinićs Roman wird die Besatzung eines Reisebusses von Wien nach Belgrad zum Abbild einer Gastarbeitergesellschaft.

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In Marko Dinićs Roman wird die Besatzung eines Reisebusses von Wien nach Belgrad zum Abbild einer Gastarbeitergesellschaft.

Wohin soll die Reise gehen? Von Wien nach Belgrad, zum Begräbnis der Großmutter? Vom Leben in Wien zurück zum wahren, eigentlichen Leben, also mitten hinein in eine serbische Familiengeschichte, in einen der Vororte von Belgrad, wo der junge Ich-Erzähler vor zehn Jahren noch gelernt, gekiff t und sich mit seinen Freunden geprügelt hat? Der Autor Marko Dinić (1988 in Wien geboren) zitiert an zentraler Stelle seines Romandebüts „Die guten Tage“ überraschenderweise aus den Duineser Elegien: „Wir ordnens. Es zerfällt. / Wir ordnens wieder und zerfallen selbst.“ – Ordnende Vorstellungen zum Thema Jugoslawien und Serbien, zum Thema Migration, Flucht und Exil ausgerechnet mit Rainer Maria Rilke zu unterlaufen, war nicht die schlechteste Idee in dieser doch recht bemerkenswerten Neuerscheinung.

Marko Dinićs Roman ist die literarische Variante eines Roadmovies. Die Besatzung eines Reisebusses von Wien nach Belgrad wird ihm zum verkleinerten Abbild der österreichischen Gastarbeitergesellschaft. Der Ich-Erzähler, ein Intellektueller mit serbischen Wurzeln, ist auf dem Weg zu seinen in Belgrad lebenden Eltern. Die geliebte Großmutter, die ihm einst geraten hat, das Land zu verlassen, ist gestorben. Ihr Begräbnis ist der äußere Anlass für die Reise in die alte Heimat. Während draußen Stunde um Stunde die ungarische Tiefebene vorbeizieht, werden Erinnerungen an die Jugendtage in Belgrad wach, die Zeit unter Milošević, das NATO-Bombardement von 1999, Erinnerungen an den Fanatismus der Politiker, die Feigheit und Verschlagenheit des Vaters. Schließlich erfahren wir von den Trauerfeierlichkeiten. Mit einem Höllenritt durch die Abgründe Belgrads endet der Roman – von dem man, hat man den letzten Satz gelesen, auch denken kann, die ganze Geschichte war nichts als ein böser Traum.

Um den Ich-Erzähler zum Sprechen zu bringen, bedarf es eines Gesprächspartners, eines geeigneten Vis-à-vis. Marko Dinić hat seinem Helden einen chamäleonartigen Sitznachbarn zur Seite gestellt, der sich vom Elektriker zum Causeur wandelt, mal abwesend schweigend, nur um im nächsten Augenblick krakeelend die Herrschaft über den Bus zu erobern. Dinić hat mit diesem „Hobbyschriftsteller“, so eine weitere Hypostase dieses rätselhaften Mannes, eine zweite tragende Figur eingeführt, die der junge namenlose Held braucht, um seine Gedanken und seine Gefühle äußern und ordnen zu können. Dinić braucht diesen „Elektriker mit einem Faible fürs Wort“, weil er im Wechselspiel der Stimmen nichts weniger als ein Gesamtbild Ex-Jugoslawiens im Sinn hat, eine Art Totalabrechnung. Er braucht ihn weiters auch, um die nicht ganz unwesentliche poetologische Frage zu diskutieren, wie und ob ein solches Vorhaben überhaupt (literarisch) ins Werk zu setzen ist. Erst ein Unfall fördert schließlich die mephistophelische Gestalt ins Jenseits. Ein Befreiungsschlag zweifellos: Weg von der Balkan-Mythologie, weg von der Folklore hin zur Welt, zur Weltliteratur, einer Literatur, die eben überall Gültigkeit besitzt.

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