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Nostalgisches Mondlicht

Antal Szerbs "Reise im Mondlicht": Ein Weltroman, zurecht wiederentdeckt, droht die Gegenwart zu verdrängen.

Eigentlich möchten alle gerne süffige Geschichten lesen, spannend und psychologisch motiviert, überschaubar, aber mit einem Rest von Geheimnis und einem Personal, das unvergesslich bleibt. Aber das Lektüreproviant von Joseph Roth oder Stefan Zweig ist schon aufgebraucht, die deutschsprachige Literatur hat einige Zeit lang das Erzählen verweigert, und die südamerikanischen Autoren, die da einige Zeit in die Bresche gesprungen sind, sind auch keine verlässlichen Lieferanten gut konsumierbarer Geschichten mehr. Aber was für ein Glück: Man ist in der ungarischen Literaturgeschichte fündig geworden und hat rechtzeitig Erzählschätze ausgegraben, die uns die Ignoranz gegen alles, was aus dem "Osten" kam, Jahrzehnte hindurch übersehen ließ. Der Ungarn-Schwerpunkt der Frankfurter Buchmesse 1999 hat vieles zutage gefördert, aber das Rennen um den Auflagen-Millionär hat Sándor Márai gemacht. Imre Kertész hat zwar den Nobelpreis bekommen und Péter Esterházy, Péter Nádas und György Konrád sind respektable Namen, aber Antal Szerb hat sie - für alle, selbst den Verlag unerwartet - in den Schatten gestellt, während junge Autoren von heute bestenfalls ein Geheimtipp sind.

Internationaler Erfolg

Die Rückseite der "Reise im Mondlicht" zitiert die internationale Begeisterung über diesen 1937 entstandenen Roman, die Internet-Seiten in allen Sprachen zu Antal Szerb sind endlos, das deutschsprachige Feuilleton hat sich überschlagen - bei seinem zweiten Erscheinen in Deutschland ist dieses Buch everybodies darling. Daran ist gewiss die Meister-Übersetzerin Christina Viragh wesentlich beteiligt, die schon durch ihre (zweite) Übersetzung dem "Roman eines Schicksallosen" von Kertész zum Durchbruch verholfen und auch Márai übersetzt hat. Wie Márais früher Roman "Die jungen Rebellen" setzt auch Szerbs "Reise im Mondlicht" eine fiebrig-somnambule Verweigerung gegen die Welt der Väter in Szene, die kein Gegenmodell kennt, sondern die vorgegebenen Realitätszusammenhänge und jede Verantwortung ablehnt.

Bei Szerb entpuppt sich die Ehe als Realitätsanpassungsmuster par excellence, und so geht die Hochzeitsreise, mit der der Roman in Venedig idyllisch beginnt, auch gleich schief. Erzsi hat sich für Mihály scheiden lassen, aber die beiden kommen aus verschiedenen Welten. Mihály erzählt seine Jugend, seine intensive uneingestandene Liebe zu Éva und die Faszination durch ihren Bruder Tamás, der sich das Leben genommen hat. Doch Erzsi kann in diese todessüchtig verspielte Welt nicht eindringen, Mihály verfängt sich immer mehr in den Spiralen seiner Melancholie, und als er in einem Bahnhof Kaffee getrunken hat, steigt er unabsichtlich-absichtsvoll in den falschen Zug. Geradezu panisch versteckt er sich vor der Welt, flieht in die Krankheit, findet in einem englischen Arzt einen Gleichgesinnten und vergnügt sich mit einer amerikanischen Studentin. In Gubbio trifft er den jüdischen Jugendfreund Ervin als Pater Severinus wieder und stellt ihm die zentrale Frage: "Wie hältst du die Erinnerung aus? Tut sie dir nicht weh?"

Schmerz der Erinnerung

In Rom laufen dann alle Fäden zusammen. Erzsi und Tamás begegnen sich ein letztes Mal - ihre Körper finden zusammen, aber ihre Seelen sind sich endgültig fremd. Mihály findet nach langer Suche Éva, die für immer nach Indien gehen will. Wie Tamás will er sich töten, aber ist nicht dazu imstande. Die Züge hinterhältiger Komik in diesem subtilen Roman treten immer deutlicher hervor. Und am Ende kommt der alte Vater aus Budapest und führt den verlorenen Sohn wieder heim; daheim ist vor allem die Firma der Familie. Und Erzsi geht zurück zu ihrem ersten Mann. Das bleibt über an Lebensperspektive "Aber immerhin leben. Und solange man lebt, weiß man nicht, was noch geschehen kann" - so endet der Roman, so fängt alles wieder an.

Ein konventioneller Roman also, klar erzählt, aber voller Abschweifungen, durchzogen mit religionsgeschichtlichen und philosophischen Exkursen, funkelnd von Anspielungen und literarischer Bildung - ein intensives Erzählen, das die Katastrophe bannen will wie einst Bocaccios "Decamerone" oder Goethes "Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten". Zeitgeschichte bleibt ausgeklammert und verschafft sich doch Eintritt durchdie Hintertür, und nach wenigen Jahren sollte sie auch ihren Autor einholen: Antal Szerb, katholisch getaufter Jude, Literaturprofessor und Weltbürger, wird 1945 in der Nähe von Sopron in einem ungarischen Lager von Wärtern erschlagen, weil er zu schwach und ausgehungert ist, um einen Graben auszuheben. Er war erst 44 Jahre alt.

Am Rande der Katastrophe

Mit Antal Szerb wird ein großer Autor der Weltliteratur wiederentdeckt - genauso wie mit Sándor Márai oder Dezs´´o Kosztolányi, dessen "Bekenntnisse des Kornél Esti" im Sommer erscheinen werden. Endlich wird deutlich, was wir, den Blick starr nach Westen gerichtet, alles versäumt haben. Welcher Verlust, die "Reise im Mondlicht" nicht gelesen zu haben. Sie entführt uns mit ihrer "harten Nostalgie" in eine "andere, eine alte Welt", wie Péter Esterházy in seinem Nachwort schreibt. Wir sollten darüber nur nicht den Blick auf die Gegenwart und ihre Literatur verlieren. Und gerade Ungarn ist ein literarischer Kontinent, der hier viel zu bieten hat.

DIE REISE IM MONDLICHT

Roman von Antal Szerb. Aus dem Ungarischen von Christina Viragh. Mit einem Nachwort von Péter Esterházy.

Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2003, 260 Seiten, kart. e 14,40.

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