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Betrug und Kriegsgefahr aus dem Netz

Mit einer neuen "Internet-Polizei“ tat die Innenministerin einen großen Schritt zur Abwehr virtueller Gefahren. Das Verteidigungsressort will nachziehen.

Der Unterhaltungskonzern Sony war zuletzt mehrfach betroffen: Ende April wurde bekannt, dass nach einem Angriff auf das Online-Netzwerk der Spielkonsole PlayStation über 100 Millionen Nutzer weltweit Opfer eines Datendiebstahls sind: Namen, Adressen, Passwörter und weitere "sensible Daten“ waren abgerufen und kopiert worden. Anfang Mai das nächste Geständnis: Ein weiteres Online-Service war geknackt worden, und das bereits vor dem ersten Schadensfall. Zigtausend Kredit- und Bankomatkarten sowie Kontodaten waren in die Hände von Unbefugten geraten.

Immer mehr Online-Betrügereien

Das Problem der Internet-Kriminalität ist ein globales, weil die Täter von überall aus an jedem anderen Ort agieren können, der an das Netz angebunden ist. Die Zahl der Menschen, die das Internet nutzen, wächst ständig. Und damit auch seine Attraktivität für technisch versierte Langfinger. So hat sich laut Innenministerium (BMI) die Zahl der Anzeigen zu "Betrugsformen durch Missbrauch des Internets“ zwischen 2002 und 2010 um den Faktor 6,5 erhöht, von 685 auf 4450. Nachdem es im ersten Quartal 2011 bereits 1129 neue Anzeigen gab, zeichnet sich weiteres Wachstum ab. Auch bei konkreten Hacking-Angriffen sei die Datenlage eindeutig: Von 2009 (29 Anzeigen) auf 2010 (142) liegt die Steigerung bei gut 400 Prozent; wobei von Jänner bis März 2011 schon 56 neue Eingaben vermerkt wurden.

Die Antwort heißt "Cyber Crime Competence Center“ (C4) - vulgo: "Internet-Polizei“- und wurde am 18. Mai von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner vorgestellt. "Ein sichereres Österreich heißt auch mehr Sicherheit im Internet“, stellte sie fest und wies auf ein besonderes Problem hin: "Es ist inakzeptabel, dass sich Kriminelle über das Internet mittlerweile bis in die Kinderzimmer einschleichen.“

Viele Menschen würden bei Online-Betrügereien keine Anzeige erstatten, da der Schaden gering ist oder sie meinen, "dass die Täter nicht ausgeforscht werden können“, so Mikl-Leitner. Dem hält sie nun "300 Cyber-Experten“ entgegen. Auf lokaler Ebene agieren die 900 Polizeiinspektionen und 110 Bezirks- und Stadtpolizeikommanden. In diesem Umfeld werden 300 "Präventionsbeamte“ für den Bürgerkontakt ausgebildet. Wobei die nicht mit den weiter oben genannten 300 zu verwechseln sind, die tatsächlich eine hochwertige IT-Security-Expertise aufweisen. Gemeinsam mit den neun Landeskriminalämtern und den Landesämtern für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung sind sie für die Durchführung von technischen Ermittlungs- und Beweissicherungsmaßnahmen zuständig.

Der "klassische Tatort“ falle ja bei der Cyber-Kriminalität weg, weshalb zwei Spuren verfolgt werden: die Computerspur und die Finanzspur, wie das BMI erklärt. Sprich: Es braucht Ermittlerinnen und Ermittler, die kriminelle Verschlüsselungssoftware knacken, wie auch solche, die den Weg des ergaunerten Geldes nachvollziehen und aufzeichnen können.

Erst vor Kurzem gelang dem Bundeskriminalamt (BKA) gemeinsam mit bayerischen Kollegen ein Coup: Nach monatelangen Ermittlungen konnte eine Betrügerbande ausgeforscht werden, die über 800 falsche Webshops eingerichtet hat. Rund 100.000 Kunden hatten angeblich verbilligte Ware bestellt und bezahlt, die nie geliefert wurde.

"Dieser Aufgriff zeigt, dass Internetkriminalität eine internationale Herausforderung darstellt, die national nur begrenzt bekämpfbar ist“, stellt Rudolf Unterköfler, Leiter der BKA-Abteilung für Wirtschaftskriminalität, fest. Eine "enge, länderübergreifende“ Kooperation wäre darum zentral.

Das C4 wird deshalb als zentrale Koordinierungs- und Meldestelle eingerichtet, die mit allen genannten Behörden im In- und Ausland effizient zusammenarbeiten soll.

Virtuellen Gefahren widmet sich aber auch das Verteidigungsministerium. Was Anfang Mai an Informationen aus einem Geheimdossier von SPÖ-Minister Norbert Darabos durchsickerte, hat dessen Sprecher Stefan Hirsch mehr oder weniger bestätigt: Es soll eine 1600 Leute starke "Cyber Defense“-Truppe geben, die sich neueren kriegerischen Bedrohungen widmet. Dies vorbehaltlich der Einigung mit dem Koalitionspartner. Hirsch erklärt, dass weitere Details "Gegenstand der Bundesheer-Reform-Verhandlungen“ sind.

Handlungsunfähiger Staat

"Fakt ist, dass die Panzerschlacht im Marchfeld Vergangenheit ist und sich das Bundesheer für neue Bedrohungen wie Angriffe aus dem Internet rüsten muss.“ Diese könnten wichtige IT-Systeme lahmlegen und so "einen Staat handlungsunfähig machen“, präzisiert Hirsch. Der österreichische Staat nehme daher in seiner neuen Sicherheitsstrategie verstärkt Bezug auf das Problem der "Cyberbedrohung“. Gegenwärtig sei vor allem das Abwehramt, gemeinsam mit dem Führungsunterstützungszentrum, mit diesen Aufgaben betraut. Die Zusammenarbeit mit dem BMI funktioniere gut, "auf Basis des Militärbefugnisgesetzes und eines Verwaltungsübereinkommens“.

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