Gretchenfrage am Beginn des Jahrtausends

Ohne große Spektakel, anders als das Jahr 2000, hat das neue Millennium begonnen. Vergessen ist der Medienrummel vom Vorjahr, das Theater um drei Nullen - und was nun? Andere Religionen wie das Judentum oder Islam haben bekanntlich eine andere Zeitrechnung.

Dass dennoch weltweit die christliche Zeitrechnung gebräuchlich ist, könnte zunächst so gedeutet werden, als sei das Christentum die einzig wahre Welt-Religion, sozusagen der Globalisierungsgewinner der Religionsgeschichte. Wie aber steht es nach 2000 Jahren tatsächlich um das Christentum?

2000 Jahre - das klingt nach einer Erfolgsstory. Wirklich? Immerhin trat das Christentum in die Geschichte mit der Erwartung des baldigen Weltendes und der Wiederkunft Christi. Wird die Wahrheit des Christentums nicht schon durch seine geschichtliche Dauer in Frage gestellt, viel stärker noch als durch alle Christentumskritik, die in der Kirchengeschichte nur einen "Mischmasch aus Irrtum und Gewalt" (Goethe) sieht?

Schon in der zweiten Christengeneration wurde dieser Zweifel laut. "Wo bleibt die verheißene Wiederkunft Christi?" hieß es. "Seit die Väter entschlafen sind, ist alles geblieben, wie es von Anfang der Schöpfung gewesen ist" (2 Petr 3,4). Diese bohrende Frage bleibt der Pfahl im Fleisch des christlichen Glaubens. Die Gretchenfrage am Beginn eines neuen Jahrtausends post Christum natum lautet nicht, wie in Goethes "Faust": Wie hältst du es mit der Religion? Diese liegt ja durchaus im Trend der Zeit, ohne den Lauf der Welt allzusehr zu stören. Sondern: wie hältst du es mit der Bitte des Vaterunser: "Dein Reich komme"? Man kann religiös sein und seinen Frieden mit der Welt machen. Glaube in der Nachfolge Christi aber findet sich nicht mit der Welt ab, wie sie ist, sondern bleibt ein Störfaktor. Doch wo gibt es heute solchen Glauben?

Ulrich H. J. Körtner ist Professor für Systematische Theologie H.B. an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien.

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