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Herbsttage in Griechenland

Unser Flugzeug startete mit 24 Stunden Verspätung - ganz Griechenland hielt Generalstreik. Auch die Schlagzeilen an Bord waren deutlich: "Europa verzweifelt an den Griechen!“ Ich war unterwegs in die Klosterwelt auf dem Berg Athos. Wieder einmal Flucht vor dem alltäglichen Zeitdruck. Flucht auch vor den Aufgeregtheiten, national und international. Eine Woche Lockerungsübungen für die Seele. Kein Radio, kein TV, kein Telefon. Eintauchen in ein letztes Stück Zeit- und Weltvergessenheit.

Im Bus unterwegs durch Khalkidike lebte die alte griechische Krankheit: ein Chauffeur, ein Kartenverkäufer, ein Kontrollor. Wohlerprobte Geldverwüstung also - wie lange geht das noch?

Spalier für den Patriarchen

Ausgerechnet am Athos war dann Schluss mit Gelassenheit: Aus Konstantinopel kam Patriarch Bartholomaios angereist, das Ehrenoberhaupt aller Ostkirchen. Fahnen flatterten, Glocken läuteten, Blumen wurden gestreut. Die Äbte der 20 großen Klöster warteten im Spalier und debattierten - über die griechische und die globale Finanzkrise samt Auswirkungen auf die Klöster und ihre EU-gestützten Renovierungen, bis hin zur möglichen Besteuerung der griechischen Kirche.

Dann tauchte noch der Präsident der Ukraine auf und beriet mit dem Patriarchen das tiefe Glaubensschisma bei sich zu Hause - die Spätfolge des Zusammenbruchs der UdSSR: drei orthodoxe Parallelkirchen, die alle als Nationalkirche gelten wollen.

Zeitgleich ankerten Yachten am Athos und Hubschrauber landeten: Großunternehmer und Höchstrichter kamen, dann Minister und am Ende sogar der griechische Premier. Alle feierten sie die "Göttliche Liturgie“ mit Gold und Wohlgerüchen, einem Vorgeschmack auf das Paradies. Diesseits der Kirchentore aber blieb die Vorhölle ständig präsent: die drohende Pleite; die Angst vor Reformen, die jetzt die Falschen für den Filz ganz oben treffen könnten; die Furcht vor Protesten - und die Beschwörung der Mitschuld EU-Europas. Bis spätnachts wurden Optionen entworfen und verworfen: Schuldenerlass, Rückkehr zur alten "Drachme“, Abwertung des Euro …

Irgendwann fragte ich mich, was die großen Herren samt Beratern und Bewachern wirklich zum Athos getrieben hatte: Die kleine "Auszeit“ vom Druck der Konferenzen, der Medien und der Bürger? Die Chance, am Hl. Berg in Ruhe nachdenken zu können - um dem Thema dann doch nicht zu entkommen? Die ehrliche Verneigung vor dem Patriarchen? Oder gar die stille Sehnsucht nach dem Anderen, Wesentlicheren - jenseits von Macht, Markt und Murks?

Klosterbrot und Apfel

Noch ehe ich eine Antwort wusste - und schon zu fürchten begann, dass es keinen Platz mehr gibt, an dem unsere Alltagswelt vergessen ist -, hoben die Helikopter wieder ab und die Yachten lichteten die Anker. Die Prominenz winkte noch einmal. Dann blieben auf wunderbare Weise nur noch die Geleitzüge der Möwen, das Rollen der Wellen und der alles und alle erhebende Gesang der Mönche zurück. Endlich Zeit also, um auszuatmen und mit einem Stück Klosterbrot und einem rotbackigen Apfel im Gepäck in die Stille zu wandern.

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