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Mein Berliner Marathon-Wunder.

Neun Uhr, 1. Oktober 1988, der Himmel ist wolkenverhangen, bald fängt es zu regnen an; ich stehe am Start des Berlin-Marathons; meine Chance, das Ziel zu erreichen, ist so groß wie die Wahrscheinlichkeit, dass in gut einem Jahr die Berliner Mauer fällt. 3 Stunden 57 Minuten und 17 Sekunden später passiert das erste Wunder von Berlin, ich schleppe mich über die Ziellinie; bis zum zweiten Wunder dauert es noch 404 Tage - dieses wird aber, das muss ich neidlos zugeben, von den Berlinern mehr herbeigesehnt und bejubelt als mein verrücktes Selbstexperiment, einen Marathon ohne vorherige Trainingsläufe zu bewältigen.

Dabei habe ich Glück: Wäre der Marathon nur ein wenig länger, ich hätte in strauchelnder, stürzender Weise ein Vorbild für den Mauerfall abgegeben. Die für mich maßgeschneiderte Distanz verdanke ich einer Prinzessin des britischen Königshauses und nicht der Entfernung zwischen Marathon und Athen. Egal welche Route man wählt, die Hauptstadt ist vom legendären Schlachtfeld aus nach längstens 40 Kilometer erreicht. Die junge Royal aber wollte dem Start des Olympia-Marathons 1908 auf der Ostterasse von Schloss Windsor beiwohnen. Von dort bis vor die Hofloge im Londoner White City Stadion sind es 26 Meilen und 385 Yards - umgerechnet für den Kontinent die berühmten 42,195 Kilometer.

Vom Pizzaofen ins Stadion

Die letzten Meter dieses Londoner Rennens wurden für Dorando Pietri, Pizzabäcker aus Carpi bei Modena, zur Tragödie: Völlig erschöpft taumelte er als erster ins Stadion, brach zusammen, richtete sich auf, schleppte sich weiter. Ein Verfolger näherte sich schnellen Schrittes, da schoben Funktionäre den Italiener über das Ziel. Pietri wurde disqualifiziert, doch die Niederlage war mehr wert als der Sieg: Das dramatische Finale machte aus dem Pizzabäcker einen Helden und ermöglichte ihm eine Karriere als Berufsläufer.

Ein Duschzelt voller Helden erwartet auch mich nach dem Zieleinlauf in Berlin. Zwei Dutzend nackte Männer, die sich gleichzeitig 42,195 Kilometer nacherzählen und die Erinnerungsmedaille selbst unter der Brause um den Hals gehängt behalten. Ob es im Frauenzelt weniger heldenhaft zugeht, bleibt mir verborgen. Dass Frauen aber überhaupt bei Marathons an den Start gehen dürfen, verdanken sie einer mutigen Vorläuferin: Es schneite, niemand wunderte sich über den Läufer mit der Startnummer 261, der vermummt und mit Kapuze über den Kopf an den Start des Boston-Marathons 1967 ging. Doch während des Rennens nahm der Läufer die Kapuze ab - und wurde zur Läuferin. "Das ist eine Frau. Verdammt noch mal, raus aus diesem Rennen", brüllte ein Funktionär, als er Kathy Switzer entdeckte. Der Rennchef versuchte, der 20-jährigen Studentin die Startnummer herunterzureißen. Ohne Erfolg, Switzers Begleiter, ein stämmiger Hammerwerfer, stieß den Angreifer in den Straßengraben.

Ein Foto von dem Gerangel fand sich am nächsten Tag im Boston Traveler, ging um die Welt und markierte einen Wendepunkt in der Geschichte des Langstreckenlaufs. Kurz darauf wurden in Deutschland Frauen zu Marathonläufen zugelassen. Beim ersten New-York-Marathon 1970 waren Frauen am Start, 1972 zog Boston nach: Kathy Switzer wurde Dritte und konnte mit Genugtuung den Preis aus den Händen jenes Rennleiters entgegennehmen, der ihr fünf Jahre vorher die Startnummer noch abnehmen wollte.

"Vogel fliegt, Mensch läuft"

Die Startnummer, die mir in Berlin Glück bringt, ist 8.970. Der Äthiopier Tesfaye Dadi dürfte noch die schnellere Nummer gezogen haben: Mit der Zeit von 2:12:49 fixiert er in "meinem Rennen" einen Junioren-Weltrekord und erreicht gut 10.000 Starterinnen und Starter vor mir das Ziel. Ich tröste mich damit, dass heute der Großteil der Streckenrekorde fest in afrikanischer Hand liegt.

Der legendäre Marathonläufer Emil Zatopek hat allen vom Laufvirus Befallenen einmal die beste Rechtfertigung geliefert: "Fisch schwimmt, Vogel fliegt, Mensch läuft." Sein lautes Keuchen trug Zatopek den Beinamen "tschechische Lokomotive" ein. "Das ist nicht Eiskunstlauf oder Turnen, da gibt es keine Haltungsnoten", antwortete er auf Kritik an seinem Laufstil.

"Das ist wirklich sehr, sehr weit und sehr, sehr anstrengend", antworte ich denen, die fragen, warum ich seit meinem Berlin-Abenteuer pausiere. Allen aber, die selbst ausprobieren wollen, wie weit 42,195 Kilometer sind, rate ich, viel und klug zu trainieren und nur in Hotels mit Lift abzusteigen oder das Zimmer im Erdgeschoß zu buchen - noch anstrengender, noch schmerzhafter als der Marathonlauf ist nämlich das Stiegensteigen am Tag danach.

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