„Ehrfurcht vor dem Leben“: zeitlos moderne Ethik

Albert Schweitzer (1875–1965) – Theologe, Orgelvirtuose, „Urwalddoktor“ – ist heute von vielen vergessen. Dabei wäre seine Ethik eine heutige Wegweisung – auch für die gegenwärtigen Weltprobleme.

In Graz heißt eine Hauptschule/ Neue Mittelschule nach ihm. In Wien ist – noch mit seinem Segen, bevor er 1965 starb – ein (Studenten-)Zentrum der evangelischen Kirche in „Albert-Schweitzer-Haus“ benannt worden. Aber sonst scheint es recht still geworden zu sein um den „Urwalddoktor von Lambarene“, der in den 50er und 60er Jahren zu den weltweit bekanntesten und geachtetsten Persönlichkeiten gehört hat: Ein elsässischer Brückenbauer zwischen Deutschland und Frankreich, die rund um die beiden Weltkriege ja zu Erzfeinden geworden waren. Ein Reformer der (protestantischen) Theologie, ein Bach-Kenner und Orgelvirtuose und ein Arzt in der damaligen französischen Kolonie Gabun, der – lang bevor andere diesen Werten anhingen – einer Art nachhaltigen Hilfe für die „Eingeborenen“ verfocht, ohne die europäische Weltsicht einfach überzustülpen.

Bahnbrecher in vielen Disziplinen

Für Michael Bünker, den lutherischen Bischof von Österreich, liegt die heutige „Vergessenheit“ gegenüber Schweitzer nicht zuletzt darin begründet, dass man ihn zu seinen populärsten Zeiten vor allem als den „Urwalddoktor von Lambarene“ wahrnahm: „Man hat seine Bedeutung als Ethiker wohl noch nicht abgesehen.“ Aber das, was Schweitzer unter seiner Parole von der „Ehrfurcht vor dem Leben“ entwickelt habe, werde für die Gegenwart und Zukunft immer wichtiger.

Wahrscheinlich gibt es nur wenige Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts, die eine derartige Bedeutung in ganz unterschiedlichen Disziplinen erlangt haben. Der junge Theologe hat mit seinem bahnbrechenden Werk über die Leben-Jesu-Forschung (Letztfassung 1913) der protestantischen Theologie Maßstäbe gesetzt. Bischof Michael Bünker bekräftigt diese Sicht und ergänzt, dass er die Theologie durch seine musikwissenschaftlichen Arbeiten „mit der Musik verbunden hat und beides dann mit dem Einsatz für die Notleidenden“. Diese drei Säulen der Persönlichkeit Albert Schweitzers seien, so Bünker, auch für den evangelischen Christen heute beispielgebend.

Kein Zurück hinter Schweitzer

In seiner Theologie, betont der lutherische Bischof, hat Schweitzer die Sackgasse aufgewiesen, die der Protestantismus des 19. Jahrhunderts beschritten hatte, „nämlich den Versuch, das Leben Jesu als das eines romantischen religiösen Helden“ zu rekonstruieren: „Er hat den eschatologischen Messias wiederentdeckt“. Das sei gewissermaßen ein Endpunkt, auch ein Wendepunkt gewesen: „Wenn man heute nach dem historischen Jesus fragt, kann man hinter Schweitzer nicht zurück.“ Während die theologische Pioniertat Albert Schweitzers heute unbestritten ist, so ist auch nach den Worten Bünkers seine Ethik ein Erbe, „das noch nicht ausreichend fruchtbar gemacht worden ist“.

In Schweitzers Erinnerungen liest sich diese Ethik so: „Zugleich erlebt der denkend gewordene Mensch die Nötigung, allem Willen zum Leben die gleiche Ehrfurcht vor dem Leben entgegenzubringen wie dem eigenen: Er erlebt das andere Leben in dem seinen. Als gut gilt ihm: Leben erhalten, Leben fördern, entwickelbares Leben auf seinen höchsten Wert bringen; als böse: Leben vernichten, Leben schädigen, entwickelbares Leben niederzuhalten. Dies ist das denknotwendige, absolute Grundprinzip des Sittlichen.“

Das Albert Schweitzer Lesebuch

Hg. Harald Steffahn. Verlag C. H. Beck 4. Auflage 2009 408 S., kt., € 10,30

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