Platzspitzbaby - © Panda Film

"Platzspitzbaby": In prekären Umständen

1945 1960 1980 2000 2020

Dem Schweizer Regisseur Pierre Monnard gelingt mit „Platzspitzbaby“ ein atmosphärisch dichtes Sozialdrama über die schwierige Kindheit eines elfjährigen Mädchens mit ihrer drogensüchtigen Mutter.

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Dem Schweizer Regisseur Pierre Monnard gelingt mit „Platzspitzbaby“ ein atmosphärisch dichtes Sozialdrama über die schwierige Kindheit eines elfjährigen Mädchens mit ihrer drogensüchtigen Mutter.

Wie das Schweizer Gegenstück zum österreichischen Spielfilm „Die beste aller Welten“ wirkt Pierre Monnards „Platzspitzbaby“. Während der Salzburger Adrian Goiginger aber seine eigene Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter verarbeitete, orientiert sich Monnards Film am Schicksal der Autorin Michelle Halbheer, die mit ihrem 2013 erschienenen autobiografischen Roman „Platzspitzbaby: Meine Mutter, ihre Drogen und ich“ allen anderen „vergessenen Kindern“ eine Stimme geben wollte.

Sehnsucht nach einer „normalen“ Kindheit

Dem dokumentarischen Gestus und der eher losen Dramaturgie bei Goiginger steht so bei Monnard ein klarer strukturiertes Drehbuch gegenüber. Vom ersten Moment an zieht der 45-Jährige den Zuschauer mit nah geführter Handkamera in die Erfahrungswelt der elfjährigen Mia (Luna Mwezi).

Am Zürcher Platzspitz, der in den 1980er Jahren zum von den Behörden tolerierten Drogenzentrum Europas wurde, sucht das Mädchen zwischen zahlreichen Süchtigen seine Eltern, und muss sogleich hautnah einen Mutter (Sarah Spale) entscheidet. Das großartige Spiel der zwölfjährigen Luna Mwezi macht intensiv nicht nur ihre Liebe zur Mutter erfahrbar, sondern auch ihre zunehmende Verzweiflung, da sie deren wiederholten Rückfall in die Sucht nicht verhindern kann.

Nicht die Mutter kümmert sich hier um das Kind, sondern das Kind muss sich um die Mutter kümmern, wird von ihr auch benutzt, um Drogen zu beschaffen, im Supermarkt zu klauen oder einen Urintest zu fälschen. Aufrüttelnd vermittelt „Platzspitzbaby“ die schier unerträglichen Belastungen, die dem Mädchen zugemutet werden. Schwer vorstellbar ist, dass nach so einer Kindheit je ein Weg in die Normalität möglich sein wird. Kein Wunder ist folglich, dass Mia aus dieser Welt weg will, einerseits mit dem imaginierten Freund in einer Gegenwelt etwas Trost und Halt findet, andererseits, angeregt durch ein Puzzle, das ihr ihre Mutter kauft, von einer Reise auf die Malediven träumt. Selbstfindung und Selbstermächtigung Trotz der bedrückenden Situation und der Ausbeutung durch die Mutter hält Mia aber lange entschlossen zu ihr, bis sie in der neuen Umgebung langsam Anschluss an eine Gruppe von Jugendlichen findet, die ebenfalls unter tristen familiären Verhältnissen leiden und trotz ihres jungen Alters schon rauchen und Schnaps trinken.

Ganz langsam beginnt sie so sich von ihrer Mutter zu lösen, womit „Platzspitzbaby“ auch von einer Selbstfindung und Selbstermächtigung erzählt. Geerdet ist diese intensiv gespielte und realistische Schilderung einer Kindheit, der im Grunde alles fehlt, was zu einer Kindheit gehört, in der atmosphärisch dichten Schilderung des Milieus. Eindrücklich fängt Monnard durch Kamera und Ausstattung die katastrophalen Wohnverhältnisse ein und der Zuschauer wird bei den Abstürzen der Mutter in die Sucht nicht geschont. Mit großem Körpereinsatz spielt Sarah Spale diese Sandrine und macht sichtbar, welche körperlichen Spuren der Drogenkonsum bei ihr hinterlassen haben.

Im Mittelpunkt steht aber auch dabei nicht die Sucht der Mutter, sondern Mia und ihr Blick auf diese dunklen Seiten des Lebens, für die sie im Grunde viel zu jung ist. Platzspitzbaby CH/D 2020. Regie: Pierre Monnard. Mit Luna Mwezi, Sarah Spale, Jerry Hoffmann, Michael Schertenleib. Panda Film. 90 Min. heftigen Streit zwischen ihnen miterleben. Nur mit einem imaginären Freund kann Mia diese Belastung ertragen, während der Song „Sloop John B. - I wanna go home“ von den Beach Boys, den sie über ihren Walkman hört, ihre Sehnsucht nach Heimat und Geborgenheit spürbar macht: Schon diese ersten Szenen bringen so dicht und komprimiert das den Film bestimmende Spannungsverhältnis zwischen der Realität, in der Mia aufwächst, und ihren Sehnsüchten nach einer „normalen“ Kindheit auf den Punkt.

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