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Große Lyrik - oder doch zu klein geraten?

1945 1960 1980 2000 2020

Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur. Die einen applaudieren, die anderen empören sich. Schreibt Bob Dylan Literatur, die eine solche Auszeichnung verdient? Die FURCHE fragte Daniela Strigl und Anton Thuswaldner - und erhielt konträre Antworten.

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Bob Dylan erhält den Nobelpreis für Literatur. Die einen applaudieren, die anderen empören sich. Schreibt Bob Dylan Literatur, die eine solche Auszeichnung verdient? Die FURCHE fragte Daniela Strigl und Anton Thuswaldner - und erhielt konträre Antworten.

Von Daniela Strigl

Viel Unsinn war in den letzten Tagen dazu zu hören und zu lesen: dass Bob Dylan doch weder das Preisgeld noch die Aufmerksamkeit brauche (Franzobel); dass mit dieser Entscheidung die letzten Tage der Literatur anbrächen (Klaus Kastberger, nur halbironisch); dass Bob Dylan dafür genauso wenig qualifiziert sei wie für die Formel 1-Weltmeisterschaft (Denis Scheck, brachialwitzelnd). Als wäre der Nobelpreis Bestandteil der heimischen Versorgungs- und Förderkultur, und keine Auszeichnung für ein im besten Fall epochemachendes Lebenswerk. Als gäbe es einen Qualitätsunterschied zwischen Literatur, die sich so nennt, und Literatur, die in Form von Songtexten daherkommt. Als gebührte dieser Preis allein dem Sieger eines sportlichen Wettkampfs in der Disziplin Langstreckenroman (Pynchon! DeLillo!).

Bob Dylan als einer, der "kein einziges literarisches Werk vorzuweisen hat"(Kastberger)? Welch eigenartiges Literaturverständnis entbirgt sich da. Seine gesammelten Songtexte füllen 688 Seiten, aber das Buch heißt halt "The lyrics, 1961-2012" und nicht "Lyrik" und gilt damit nicht als satisfaktionsfähig. Ich behaupte dagegen: Bob Dylan ist ein Dichter, und was für einer. Ein Dichter, der auch Komponist ist, Musiker, Sänger. Oder ein Musiker, der auch dichtet, das eine ist bei ihm vom anderen nicht zu trennen. Als Robert Allen Zimmerman mit 21 den Namen Bob Dylan annahm, war das eine Verbeugung vor dem walisischen Lyriker Dylan Thomas. Eine Verbeugung und sehr wohl auch eine Ansage für einen, der sich bloß einen "song and dance man" nannte.

Witz und surrealer Hintersinn

Viele von denen, die sich heute ereifern, kennen bestenfalls einen Zipfel des Dylan'schen Oeuvres; das man, trotz Gisbert Haefs' Nachdichtungen, auf englisch lesen muss, die Übersetzungen, die im Netz kursieren, sind jedenfalls schlecht und strotzen von Fehlern. Die Frage, ob diese Lyrics auch als Lyrik "funktionieren" würden, ist schlicht falsch gestellt: Sie funktionieren ja seit über fünfzig Jahren genau so. Gesungene Gedichte -bei Homer und Sappho und Walther von der Vogelweide, Singer-Songwriter allesamt, akzeptieren wir die Texte fraglos als Poesie, weil wir nichts anderes haben. Ohne Zweifel: Dylans Verse entfalten ihre volle Wirkung erst als Songs. Aber wer sie nicht nachliest, bringt sich ebenfalls um einen Teil des Genusses.

Dylans Witz und surrealer Hintersinn, seine Prägnanz, sein Gespür für das rätselhaft treffende Wort, den verblüffenden Reim, seine Vertrautheit mit der Sprache der Bibel sind die Konstanten in einem Werk, dessen Autor sich unermüdlich neu entworfen hat. Ein Ebenbürtiger, Leonard Cohen, hat Dylan "the Picasso of Song" genannt. Protestsongs, Liebeslieder, verkappte Gebete, Balladen aus der Tiefe des amerikanischen Mythos - Dylan ist eben nicht im Jahr 1968 stehen geblieben. Heinrich Detering, Literaturwissenschaftler und Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, hat jüngst in "Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele" gezeigt, wie Dylan gerade in seinem Spätwerk ab "Love and Theft" (2001) einen gewaltigen Hallraum des Zitats unverwechselbar zum Klingen bringt, von Homer und Ovid über Rimbaud und Verlaine bis zu Sinatra - Liebe und Diebstahl. Quasi das Jelinek'sche Projekt, gewendet ins Affirmative.

Bob Dylan, der unverwüstliche Romantiker, hat nicht nur als politischer Kopf "das Vorzüglichste in idealistischer Richtung geschaffen", wie es die Stockholmer Satzung verlangt. Für die New York Times gehört er zu den "wahrhaftigsten Stimmen, die Amerika hervorgebracht hat", ein "Schöpfer von Bildern, so kühn und nachhallend wie alles von Walt Whitman oder Emily Dickinson". Aufgepasst also, ihr Ungläubigen: "Come writers and critics /Who prophesize with your pen /And keep your eyes wide /The chance won't come again /And don't speak too soon / For the wheel's still in spin."

Von Anton Thuswaldner

Zugegeben: Ich bin mit Bob Dylan aufgewachsen. Er nimmt einen ähnlich wichtigen Stellenwert in meiner Biografie ein wie Jim Morrison von "The Doors" oder John Lennon. Ich habe sie als Musiker wahrgenommen, und wenn sie mehr Arbeit in ihre Texte investierten als andere aus dem Umfeld der Rockmusik, war mir das recht. Als Literaten nahm ich sie dennoch nicht wahr. Ich bin auch aufgewachsen mit dem "Museum der modernen Poesie", der großartigen Lyrikanthologie von Hans Magnus Enzensberger. Darin waren große Stimmen des 20. Jahrhunderts versammelt. Zwischen den beiden Bereichen wusste ich strikt zu trennen. Gegen Gedichte von Pablo Neruda, Giuseppe Ungaretti oder Dylan Thomas wirkten die Songs von Bob Dylan etwas gar klein geraten. Diese finden erst dann zu ihrer Größe, wenn sie mit der Musik zu stimmigem Einklang zusammentreffen. Der raunend-melancholische Gesang, die näselnde Stimme, die ganze Silben verschluckt, das Vernuscheln der Texte, dazu die Klarheit stiftende, bisweilen recht schroff klingende Gitarre und eine Mundharmonika, die direkt aus dem Reich des tiefen Blues zu kommen scheint, alles zusammen ergibt eine Stimmung, der man leicht verfallen kann. Ein Musikpreis für Bob Dylan? Wunderbar! Der Nobelpreis für Literatur für Bob Dylan? Eine Fehlentscheidung!

Literatur zeichnet aus, dass sie ohne Performance auskommt. Es genügt ein Text, und der stellt mit dem Leser etwas an, womit er vorher nicht gerechnet hat. Er braucht keine Schmeichelhelfer, die ihm einreden, so schlimm ist der Text ja gar nicht, lass dich ein auf Melodie, Rhythmus und Stimme, dann sind auch die Härten ertragbar, dann schluckst du auch das, was auf den ersten Blick unverständlich bleibt. Pop rutscht runter wie Öl. Er kann sich noch so kritisch gebärden, er bleibt eine recht hübsche Attitüde, weil ihm Gefälligkeit und das Schielen nach dem Publikum den Zahn ziehen.

Kein bisschen revolutionär

Es ist gar nicht revolutionär, einem 75-jährigen Popmusiker, der längst zum Establishment gehört und eine bürgerlich gefestigte Existenz führt, den Nobelpreis zu überreichen. Es entbehrt jeder Kühnheit, einem soliden Musiker Literaturtauglichkeit zu bescheinigen und seine Fähigkeit als Grenzüberschreiter zu preisen. Die Texte müssen für sich allein bestehen können. Und da tut sich Dylans Lyrik, die gern mit alttestamentarischer Wucht und bibelgestählt auftritt, schwer. Diese Texte, die oft geschätzt werden, weil sie sich aus dem reichen Fundus abendländischer Kultur bedienen, changieren zwischen biederen Botschaften, die als Zier eines Poesiealbums durchgehen mögen, und aufdringlicher Bildungshuberei, die kraftmeiernd beweisen muss, wozu sie fähig ist.

Wie lautet der Stockholmer Auftrag? Wir müssen Revisionsarbeit betreiben. Wer sagt, dass Schikaneders Libretto "Die Zauberflöte" erst durch die Musik Mozarts zu etwas Einzigartigem geworden ist? Und warum geben wir uns so rückständig und verzichten nicht endlich auf Schuberts Vertonungen, wenn wir Wilhelm Müllers "Die Winterreise" auch lesen können? Zeitsparender ist die Lektüre allemal als die so langsam sich entwickelnden Lieder.

Der Nobelpreis ist der falsche Preis für Dylan. Er vernachlässigt seine Fähigkeit, aus dem Textmaterial erst im Vortrag etwas zu machen. Gerade auf die Veränderbarkeit des Schriftlichen kommt es an. Ein Songtext ist eine Vorgabe, die auf Gestaltung wartet. Ihn nur zu lesen, bestätigt seine Unfertigkeit.

Die Stockholmer Akademie hat das Sich-Anbiedern an den Zeitgeschmack gelernt. Im nächsten Jahr der Nobelpreis für Haruki Murakami, und dann ist es endgültig vorbei mit einer Auszeichnung, die einmal Qualität eine Chance gab, unabhängig von der Massentauglichkeit. Was haben sich die Juroren gedacht? "The answer is blowing in the wind". Auch so eine Allerweltsphrase, ein Kalenderspruch, der sich wichtig macht.

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