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Zuckerberg for President?

Mark Zuckerberg hat eine Vision: Er will sein soziales Netzwerk Facebook zu einer globalen Community ausstaffieren, zu einer Erinnerungsgemeinschaft, in der Menschen ihre Chronik aufschreiben und ein gemeinsames Narrativ entwickeln. Diesem Ziel kommt er immer näher. Zwei Milliarden Nutzer zählt Facebook mittlerweile auf der ganzen Welt. Damit bewegt sich das soziale Netzwerk in Größenordnungen wie der Katholischen Kirche, die gut 1,3 Milliarden Mitglieder weltweit hat. Man sollte meinen, dass man als Oberhaupt einer Weltgemeinschaft, die mit ein paar Modifikationen ihrer Algorithmen die Nachrichtenlage bestimmen kann und faktisch ein Medium wie das Radio oder Fernsehen ist, schon genügend Macht und Einfluss besitzt, doch Zuckerberg hat offenbar noch höherfliegende Pläne: Er erwägt anscheinend, 2020 für die US-Präsidentschaftswahl zu kandidieren.

Anfang des Jahres hatte "Vanity Fair" über Zuckerbergs Ambitionen auf das Weiße Haus berichtet. Der gut informierte Autor Nick Bilton will von engen Freunden und Mitarbeitern erfahren haben, dass Zuckerberg mit dem Gedanken spiele, 2020, spätestens 2024 für das Amt des Präsidenten zu kandidieren. Dann wäre er 36, respektive 40 Jahre alt - und würde das von der US-Verfassung vorgeschriebene Mindestalter von 35 Jahren als Wählbarkeitskriterium erfüllen. Seitdem gab es immer wieder Spekulationen, ob der Philanthrop tatsächlich antreten würde. Zwar hat Zuckerberg Gerüchte stets dementiert. Doch nährt er diese Spekulationen mit immer neuen Fakten, welche die Gerüchte eher anheizen als ersticken.

Manifest mit viel Pathos

Da wäre zum einen das 6000 Wort umfassende "Manifest", worin er mit idealistischem Pathos eine Wertegemeinschaft beschwört und das von einigen als Regierungsprogramm gelesen wurde. Im August verpflichtete Zuckerberg (offiziell für die Zuckerberg-Chan-Initiative) den Meinungsforscher Joel Benenson, einst Chefberater von Hillary Clinton. Und zu Beginn des Jahres startete er eine Tour durch die USA, die ihn in alle Landesteile (unter anderem auch in Swing States) führt und die er auf seinem Facebook-Profil ausführlich dokumentiert. Der Multimilliardär gibt sich volksnah. Zuckerberg saß in einem Truck in Iowa, plauderte mit Menschen bei einem Diner und besuchte eine Autofabrik in Detroit -so wie dies Politiker auch tun. "Am Ende", notiert Zuckerberg in sein Online-Tagebuch auf Facebook, "fragte ich die Trucker, was denn die größte Herausforderung sei. Ihre Antwort: Autos". Zuckerberg, der Zuhörer, der Kümmerer. Klar, die Kampagne dient auch der Imagepflege. Facebook soll nicht mehr als Fake-News-Schleuder wahrgenommen werden, sondern als Wohltätigkeitsorganisation, die nah bei den Menschen ist. Doch es braucht nicht viel Fantasie, um Zuckerbergs Werbetour als Wahlkampftour zu deuten.

Der Facebook-Chef begegnet Politikern auf seinen Terminen bereits auf Augenhöhe. Kanzleramtsminister Peter Altmaier empfing Zuckerberg 2016 im Kanzleramt, wo die beiden über künstliche Intelligenz und Hasskommentare plauderten. In Indien, wo Facebook vergeblich für sein Projekt "Free Basics" warb, herzte Zuckerberg (diesmal im Anzug) auf offener Bühne Premierminister Narendra Modi. In China, wo Facebook trotz einer Charmeoffensive Zuckerbergs gesperrt ist, traf der Unternehmenschef in Begleitung seiner chinesischstämmigen Frau Priscilla Chan auf Staatspräsident Xi Jinping und parlierte auf Mandarin. Bei seiner Asientour unterredete sich Zuckerberg mit dem japanischen Premierminister Shinzo Abe. Das gab schöne Bilder. Und gute Presse.

Laut einer Umfrage des Instituts Public Policy Polling käme Zuckerberg als demokratischer Gegenkandidat zu Donald Trump auf 40 Prozent der Stimmen.

Gute Chancen als Kandidat

Meinungsforscher räumen Zuckerberg gute Chancen auf das Amt des Präsidenten ein. Laut einer Umfrage des Instituts Public Policy Polling käme Zuckerberg als Kandidat der Demokratischen Partei auf 40 Prozent der Stimmen, sollte Amtsinhaber Donald Trump erneut kandidieren. Kleiner Schönheitsfehler: Trump könnte in der Konstellation ebenfalls mit 40 Prozent der Stimmen rechnen - was nicht unbedingt ein Vertrauensbeweis für den Tech-Titan ist. Zumal gar nicht ausgemacht ist, ob die Demokraten Zuckerberg als Kandidaten überhaupt auf den Schild höben. Ob Zuckerberg als unabhängiger Kandidat reüssierte, ist fraglich.

Die Ironie ist, dass die Big-Data-Firma Cambridge Analytica mithilfe von Facebook-Daten und der Erstellung psychometrischer Profile Trump womöglich zum Wahlsieg verholfen hat. Im Wahlkampf kauften Hunderte russische Fake-Accounts politische Anzeigen, um die Gesellschaft zu spalten. Zuckerberg könnte sich als Retter der Nation gerieren, der das kaputte Internet repariert und das Land vor Manipulation und politischer Einflussnahme schützt.

Doch eine mögliche Kandidatur Zuckerbergs als US-Präsident hätte womöglich viel tiefer gehende Implikationen für das politische System. Sollte Zuckerberg ins Rennen gehen, tritt da nicht irgendein Medienmogul an, der sich auf eine mächtige Lobby stützen kann, sondern ein Unternehmer, der das mediale Ökosystem absorbiert hat und die informationelle Infrastruktur kontrolliert. Die Kommunikationswissenschaftlerin Katherine Haenschen fragte kürzlich im "Guardian":"Wenn Zuckerberg für die Präsidentschaftswahl antritt, wird Facebook ihm helfen, zu gewinnen?" Facebook besitzt mit seinem Newsfeed-Algorithmus eine gigantische mediale Macht -und könnte diese nutzen, Wählern gefällige Beiträge über Mark Zuckerberg anzuzeigen. Fast jeder zweite US-Bürger konsumiert News auf Facebook. Das soziale Netzwerk ist für viele Menschen das Tor zur Welt da draußen. Das Neutralitätsgebot, das Zuckerberg seiner "Plattform" auferlegte, wäre nicht mehr haltbar.

Unwissentliche Steuerung

Facebook hat bereits die Präferenzen von Wählern mitgesteuert, ohne dass sie es gemerkt hätten. Am 2. November 2010, dem Tag, an dem die Kongresswahlen stattfanden, schickten Forscher 61 Millionen zufällig ausgewählten Nutzern eine Nachricht auf ihre Pinnwand, die sie an den Urnengang erinnerte. Die Mitteilung im Newsfeed war mit einem "I voted"-Button und einer Zähleinheit versehen, die anzeigte, wie viele Facebook-Nutzer nach eigenen Angaben bereits ihre Stimme abgegeben hatten. Ergebnis: Der Wahlgang der beeinflussten Nutzer war um 0,39 Prozent wahrscheinlicher als in der Kontrollgruppe. Das nimmt sich zwar als geringe Varianz aus, doch in konkreten Zahlen waren dies 340.000 Stimmen mehr. Bedenkt man, dass bei der Wahl 2000 zwischen Al Gore und George W. Bush 537 Stimmen in Florida den Unterschied machten, könnte Facebook das Zünglein an der Waage sein.

Würde Facebook das Experiment bei einer Präsidentschaftskandidatur seines Chefs wiederholen? Es gibt wohl nichts Leichteres, als auf einer Werbeplattform Werbung für sich selbst zu machen. Vor allem existiert keine Möglichkeit des Dissenses, weil jeder Like systemstabilisierend wirkt. Die Regeln, nach denen der Wahlkampf stattfindet, bestimmt allein der Betreiber. Hierin zeigt sich, dass die Privatisierung des politischen Diskurses eine Gefahr für die Demokratie ist. Sollte Zuckerberg tatsächlich seinen Hut in den Ring werfen, würde die politische Willensbildung im Netz zum bloßen Intranet verkommen.

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