80.000 Teller Suppe - Tendenz sehr stark steigend

Ein Teller Suppe - immer mehr Menschen, denen man ihre Armut auf den ersten Blick nicht ansieht, stellen sich dafür beim "Canisibus" der Caritas an.

Spalterbsensuppe" sagt Raphael, hebt seinen Blick vom Speiseplan und verschwindet in der Speisekammer. Raphael, Zivildiener im "JUCA", dem Haus für junge Erwachsene der Wiener Caritas, wirbelt durch die Küche der Caritaszentrale. Aus 100 Liter Wasser, einem Sack Karotten, einer Kiste Zwiebeln, zehn Kilo Erbsen und Gewürzen zaubert er in einem Edelstahlkessel jene Suppe, die der Jesuitenpater Georg Sporschill vor 17 Jahren zum ersten Mal an Wiener Bedürftige ausschenkte, als er das Projekt "Canisibus" ins Leben rief.

Mittlerweile ist das Projekt auf 65 ehrenamtliche Mitarbeiter angewachsen, die mit zwei Kleinbussen, Abend für Abend ihre Runde durch Wien fahren, um dort gratis Suppe auszuteilen - rund 300 Portionen täglich, 365 Tage im Jahr. Allein im vergangenen Jahr, sagt die Koordinatorin des Projekts, Elisabeth Drabek, ist die ausgegebene Menge von 54.000 auf über 80.000 Portionen gestiegen: "Wenn die Arbeit uns eines verdeutlicht", sagt Drabek, "dann die Tatsache, dass Armut längst kein exklusives Randgruppenphänomen mehr ist." 173,50 Euro - soviel kostet der Betrieb jedes Busses pro Tag. "Da wir uns nur von Spenden finanzieren, ist das natürlich ein ganz schöner Brocken." Umso wichtiger sind die Ehrenamtlichen. "Ohne sie gäbe uns schon lange nicht mehr."

Viel mehr als Teller Suppe

"Kontinuität und Verlässlichkeit ist das wichtigste", sagt Günther, einer der ehrenamtlichen Helfer an diesem Tag, während er den Canisibus mit Suppenkesseln, Plastikgeschirr, Servietten und einem kleinen Tisch belädt. Es ist 19 Uhr, in einer halben Stunde müssen die Busse die Garage der Caritas verlassen. "Unsere Gäste werden ungehalten, wenn wir nicht pünktlich sind." Im "normalen Leben" ist Günther Hausmann und kümmert sich um die Kinder, seine Frau ist Lehrerin. Vor neun Jahren kam er ins Team und ist geblieben: "Ich wollte etwas Sinnvolles tun, wo man gleich sieht, dass die Hilfe auch ankommt", sagt der studierte Landschaftsplaner und schlägt die Heckklappe des Canisibusses zu.

"Wir bieten hier ja viel mehr als nur einen Teller Suppe", ergänzt Hans, ein anderer Helfer: "Viele Gäste kommen einfach nur zum Reden, die haben oft seit Jahren keine Ansprechpartner mehr."- "Gäste": auf diesen Begriff legen hier alle großen Wert. Es sind weder "Klienten" noch "Bedürftige", sondern Busgäste, erklärt Günther. So bleibe respektvolle Distanz gewahrt - und Würde. Zivi Raphael deutet aus der Küche, dass die Suppe fertig ist; ein "Gute Fahrt" an die Chauffeure und schon rollen die beiden Busse in die Wiener Nacht hinein.

Die Straße macht stumm

Friedensbrücke, gleich neben dem Abgang zum Donaukanal: Kaum aufgestellt, ist der kleine Tisch auch schon umringt von einem Dutzend Gästen. Einige begrüßt Günther mit Namen, erkundigt sich nach ihrem Befinden. Andere danken mit einem stummen Kopfnicken für die Suppe und verschwinden so wortlos, wie sie gekommen waren. Susi, eine gepflegte ältere Dame mit einer auffallenden rosa Stoffmütze, gehört zu den Stammgästen. Sie lächelt kurz, blickt skeptisch auf das fremde Gesicht bei der heutigen Tour und zieht sich zurück. Zu einem kurzen Gespräch ist keiner bereit. "Die Straße macht die Menschen stumm", sagt Günther. "Anfangs sind sie noch dankbar für jedes Gespräch, mit der Zeit reden sie - wenn überhaupt - nur noch mit sich selbst."

20.20 Uhr, Praterstern - unter der Bahnbrücke: "Du bist spät dran", sagt ein Stammgast fast vorwurfsvoll zu Günther. Dann das gleiche Prozedere: Suppe und Brot austeilen, ein paar Worte wechseln, warten. Haben sich die Busgäste verändert im Laufe der Jahre? Günther überlegt einen Moment: "Vor ein paar Jahren waren mehr Ausländer dabei." Die seien mittlerweile jedoch wieder weniger geworden. Dann fügt er hinzu: "Und wir haben mehr Leute, von denen man auf den ersten Blick nicht glaubt, dass sie eine Gratissuppe nötig haben."

"Bürgerliche" Busgäste

Nächste Station, Bahnhof Wien Mitte, gleich neben dem ehemaligen Busbahnhof: Hier verdichtet sich augenscheinlich, was Günther am Praterstern sagte: Jugendliche mit Baseballmütze und Sportjacke, gepflegte ältere Herren in Lederjacke und Sakko - Vokabeln wie "bürgerlich" und "Mittelstand" kommen einem in den Sinn, und als könnte Günther Gedanken lesen, sagt er: "In den letzten Jahren sind es auch immer mehr Mindestpensionisten geworden. Die können sich gerade noch ihre Wohnung leisten, für eine warme Mahlzeit reicht es dann aber nicht mehr."

21.25 Uhr, letzte Station der Tour, Westbahnhof: Mehr Gäste als an den anderen Stationen. Eine Dame in einem langen Pelzmantel, geschminkt und mit hochhackigen Schuhen bittet um eine Suppe. "Man soll's nicht für möglich halten, aber Stammgast", raunt Günther. Andere Gäste sind vom Alkohol gezeichnet, zittern, verschütten Suppe.

Wie hat Elisabeth Drabek gemeint: "Armut ist längst kein exklusives Randgruppenphänomen mehr". Das führt der Canisibus allabendlich vor Augen: Armut hat konkrete Gesichter, sie bestimmt Schicksale und zerfrisst Lebensgeschichten; sie macht stumm und allzu häufig apathisch - und sie ist näher, als man glaubt.

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