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Extrem kleine, zerbrechliche Wesen

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Immer kleinere Babys überleben dank modernster Technik. Doch wie hoch ist der Preis für den medizinischen Fortschritt und wo liegt die Grenze?

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Immer kleinere Babys überleben dank modernster Technik. Doch wie hoch ist der Preis für den medizinischen Fortschritt und wo liegt die Grenze?

Auf der Intensivstation für Frühgeborene im Wiener AKH herrscht rege Betriebsamkeit. Die Station ist voll belegt. Immer kleinere Babys können heute "durchgebracht" werden. "Manchmal bekommt eine Mutter, was auf Grund von Hormonbehandlung immer häufiger vorkommt, zwei, drei Frühchen gleichzeitig, dann wird's knapp auf der Station", schildert Universitätsprofessor Manfred Weninger (siehe auch Interview) von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde im Wiener AKH die manchmal angespannte Situation. Die Anzahl der im AKH betreuten Frühgeborenen nimmt stetig zu. Wurden vor vier Jahren 140 kleine Patienten betreut, waren es im vergangenen Jahr bereits 194. Das durchschnittliche Geburtsgewicht und die Schwangerschaftsdauer nehmen ab.

So groß die Freude über den Nachwuchs auch ist, wenn ein Kind zu früh auf die Welt kommt, sind Eltern meist ratlos und überfordert. Als Folge des traumatischen Erlebnisses, so die Ergebnisse einer Studie vom AKH, scheinen Mütter der Frühgeborenen häufig belasteter und reagieren im Umgang mit ihrem - oft kranken - Kind ängstlicher und auch depressiver.

Daher steht nun speziell für Eltern von Frühgeborenen eine Psychologin zur Verfügung. "Bei einem Kind mit 500 Gramm Geburtsgewicht dauert der stationäre Aufenthalt bis zu drei Monaten", erzählt Weninger. "Das ist eine lange Zeit, die Eltern mit ihrem Kind und dem Betreuungsteam im AKH verbringen. In Phasen, wo es Probleme gibt, ist es sehr wichtig, dass professionelle Unterstützung angeboten wird." Werden die Frühchen dann endlich entlassen, können sich Eltern in der AKH-Nachsorgeambulanz Rat und Hilfe holen.

Durch die Frühgeburt wird die innere Vorbereitung auf das Baby jäh unterbrochen. Die Eltern sehen sich mit einem extrem kleinen und zerbrechlichen Wesen konfrontiert, das ihren unbewussten Vorstellungen über ihr Kind nicht entspricht. Darüber hinaus ist die Angst der Eltern vor Spätschäden und Entwicklungsstörungen groß.

Doch auch Babys mit einem Geburtsgewicht von 1.500 Gramm und weniger haben heute eine gute Chance auf eine normale Entwicklung. Dies bestätigen die Ergebnisse der gemeinsamen Langzeitstudie der Abteilung für Neonatologie im AKH und der Landessanitätsdirektion. In Wien brachten 1998 sieben Prozent der Neugeborenen weniger als 2.500 Gramm Geburtsgewicht auf die Waage. Der Anteil der sehr kleinen Frühgeborenen unter 1.500 Gramm betrug 1,6 Prozent - alleine 240 Babys für Wien. Davon wogen 88 sogar unter 1.000 Gramm. Als Risikogruppe gelten Kinder mit einem Geburtsgewicht unter 1.500 Gramm.

Folgeschäden Das größte Risiko für Frühgeborenen entsteht durch das sogenannte "Atemnotsyndrom", eine Erkrankung der unreifen Lunge. Als Folge der noch nicht funktionstüchtigen kleinsten Abschnitte der Lunge kann es anfänglich zu einer unzureichenden Spontanatmung kommen, die einer Unterstützung durch eine Atemhilfe oder einer Beatmung bedarf. Diese kann bei den kleinen Patienten jedoch Lungenschäden verursachen. Weninger: "Bei Kindern unter 1.500 Gramm liegt die Lungenunreife normalerweise bei rund 30 Prozent, wobei natürlich der Grad der Unreife eine Rolle spielt. Kinder unter 1.000 Gramm Geburtsgewicht weisen praktisch alle einen gewissen Grad an Lungenunreife auf."

Die zweite Gefahr sind Hirnblutungen. "Das ist letztlich das zentrale Risiko für die weitere Entwicklung," meint der Kinderarzt. Um Hirnblutungen zu vermeiden, müssen Frühgeborene nach ihrer Geburt in einen möglichst stabilen Zustand gebracht werden. Denn sie haben in den ersten Stunden nach ihrer Geburt keine funktionierende Autoregulation - die Durchblutung des Gehirns kann schwanken. Steigt der Blutdruck des kleinen Patienten etwa durch Stress, gelangt zu viel Blut ins Gehirn. "Das führt dann zur Hirnblutung und all den bekannten Folgeschäden", so Weninger.

Doch Lungen- und Folgeschäden werden auf Grund neuer Techniken auch bei sehr kleinen Babys immer weniger, wie die AKH-Studie zeigen konnte. Die Therapiemöglichkeiten haben sich weiter verbessert, betont Weninger. "Es hat sich enorm viel verändert. Frühgeborene haben heute mehr Möglichkeiten für eine unauffällige Entwicklung."

Die Ergebnisse im Detail: * Neugeborene mit einem Geburtsgewicht zwischen 1.000 und 1.500 Gramm haben mittlerweile eine Überlebensrate von 95 Prozent. Das entspricht fast jener von reif Geborenen mit 98 Prozent. Bei einem Geburtsgewicht von weniger als 1.000 Gramm beträgt die Überlebensrate 74 Prozent.

* Zwei Drittel der kleinen Patienten zeigen eine dem Alter entsprechende Entwicklung. Während im ersten Lebensjahr eher Beeinträchtigungen im motorischen Bereich überwiegen, treten im zweiten Lebensjahr Defizite im Bereich der Sprache und Feinmotorik in den Vordergrund. Diese können bei einem Teil der Kinder auch im späteren Alter bestehen bleiben und sich auf die weitere Entwicklung ungünstig auswirken. Daher, so Weninger, sei die Betreuung und Frühförderung der Risikokinder besonders wesentlich. "Die Einbindung und Schulung von Eltern ist enorm wichtig. Kinder, die nicht gefördert werden, entwickeln sich sicher schlechter. So müssen etwa Bewegungsstörungen, falls vorhanden, frühzeitig entdeckt und therapiert werden. Durch eine Sehförderung können hier Defizite deutlich vermindert werden."

* Neun Prozent der Kinder zeigen eine leichte, 20 Prozent eine deutliche Beeinträchtigung der Entwicklung im zweiten Lebensjahr bei den psychologischen Tests.

* 70 Prozent der im AKH untersuchten Zweijährigen waren in ihrer persönlich-sozialen Entwicklung, 80 Prozent in puncto Motorik völlig unauffällig. Eine deutliche Beeinträchtigung zeigte sich bei 19 Prozent.

* Neun Prozent wiesen jedoch eine schwere Beeinträchtigung der Sprachentwicklung und beim Hören auf.

Frühere Studien gingen auch davon aus, dass Frühgeburten eher bei jungen Eltern mit einem schlechteren sozialen Hintergrund vorkommen. Dies, so die Autoren, könne durch die vorliegende Studie nicht bestätigt werden. Das durchschnittliche Alter der Eltern lag bei 30 Jahren, 67 Prozent verfügen über eine weiterführende Schulbildung. Rund ein Viertel der Eltern gaben allerdings an, unter schlechten sozialen Bedingungen - unter eingeschränkten wohnlichen und finanziellen Verhältnissen - zu leben. 60 Prozent der Frühgeborenen waren Erstgeborene und ebensoviele geplante "Wunschkinder".

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