John Updikes Roman über das Leben einer Malerinin der von Männern dominierten Welt der Kunst.

Jackson Pollock tanzte über am Boden liegende Leinwände, auf die er Farbe tropfen ließ, Barnett Newman und Marc Rothko hielten den Betrachtern riesige Farbfelder entgegen: in den 40er und 50erJahren des 20. Jahrhunderts wurde New York zum Zentrum neuer Kunst. Der "Abstrakte Expressionismus" beeinflusste Generationen von Künstlern und wandte sich bewusst gegen europäische Traditionen und gegen das gerahmte Tafelbild. In den 60er Jahren griffen Andy Warhol und Roy Lichtenstein Werbung und Massenmedien auf, Robert Rauschenberg Alltagsgegenstände und Schrott ...

Spannende Jahre also, in denen sich große Künstler hervortaten, vor allem Männer. Diese Zeit und die sie prägenden Gestalten skizziert John Updike in seinem neuesten Roman, in dem der Autor das Unmögliche möglich zu machen sucht. Als knappen Rahmen für sein Prosagemälde, das durch die bedeutenden Jahrzehnte amerikanischer Kunst führt, wählt er nämlich einen einzigen Tag, einen Ort und zwei Personen.

Die junge Kunstjournalistin Kathryn D'Angelo besucht Hope, eine fast 80-jährige Malerin, die alleine in ihrem Haus in Vermont lebt, um mit ihr ein Interview zu machen. Hope ist zunächst gar nicht angetan von diesem Besuch: "Interviewer und Kritiker sind die Feinde des Geheimnisvollen, des Unbestimmten, das der Kunst Leben gibt." Sie möchte also, dass ihr Gegenüber so schnell wie möglich wieder verschwindet. Doch dann sprudelt es nur so aus ihr heraus, eine Flut von Gedanken und Gesprochenem. Kathryn merkt erschrocken, dass sie hier so schnell nicht wieder wegkommen wird.

Woran sich Hope erinnert, teils denkend, teils sprechend, sind Jahrzehnte amerikanischer Kunstgeschichte und die zwei malenden Ehemänner, von denen der erste, Zack McCoy (ein verrückter, trinkender und seinem Leben schließlich ein Ende setzender Actionkünstler) an Jackson Pollock erinnert, während der zweite, Guy Holloway, der Hope schließlich verlässt, einen Verschnitt von Künstlern von Andy Warhol bis zu Jasper Johns darstellt. John Updikes Roman bietet eine eigenartige Mischung aus historischen und fiktiven Personen, deren historisches Vorbild aber entweder sofort zu erkennen ist - wie etwa Willem de Kooning für Onno de Genoog - oder zu Ratespielen anregt. Ein Grund, warum Updike manchmal bei den realen Namen bleibt, andere wiederum fiktiv verkleidet, ist allerdings nicht erkennbar.

Die fiktive Kathryn ist jedenfalls gekommen, um die fiktive Malerin Hope (sie erinnert an Lee Krasner, Jackson Pollocks Frau) und ihre Kunst zu porträtieren. Das Gespräch dreht sich aber ausschließlich um Hopes Ehemänner, um deren Kunst. Hope selbst bleibt eine Unbekannte. Denn was hat sie schon gemacht, während ihre Männer sich in den Ateliers große Namen erschufen? "Nichts, Liebe. Null. Zero. {...} Ich war mit der Sorte Frauenarbeit beschäftigt, die keine Spuren hinterlässt. Mit Kochen, sagte ich ja schon." Durch ihre Heirat mit einem Maler wurde sie also zur "Haussklavin". Dabei hätte sie "liebend gern einen großen Namen, anstatt so etwas wie eine langlebige Fußnote zu sein." Obwohl Kathryn dieser Selbstdarstellung vehement widerspricht: Hope hat Recht. Als den Haushalt führende junge Ehefrau und in zweiter Ehe als Mutter dreier Kinder steckte sie ihr eigenes Malen immer zurück. Erst Jerome Chafetz, ihr dritter Ehemann, ermunterte sie zum Malen, wohl weil er selbst kein Maler und damit kein Konkurrent war, sondern Sammler. Hope war das Schnäppchen, das besondere Objekt seiner Sammlung. Doch das merkte Hope erst spät.

Die Stärken des Romans sind die reduzierte Personenkonstellation und die Darstellung der Veränderung der beiden Personen während des Interviews. Diese zwei Frauen, die einander so fremd sind und deren Generationen so weit voneinander entfernt scheinen wie Planeten aus unterschiedlichen Sonnensystemen, kommen einander im Verlauf dieses Tages erstaunlich näher. Verbindende Elemente sind dabei - Hope ist ganz "weiblich", "häuslich" - das Essen, mit dem Hope immer wieder das Interview unterbricht und das sie Kathryn zunächst fast aufzwingt, ein gemeinsamer Gang durch den Garten und Kathryns mehrmaliges Aufsuchen der Toilette. Es wird also intimer. Die Konfrontation mit der jungen Frau, die zunächst störend war, führt schließlich zu jener Erkenntnis, die Hope am Ende Kathryn mitgibt: "Geben Sie eines Mannes wegen nicht Ihre Arbeit auf" und "Leben Sie Ihr Leben".

Bedeutend sein

Die Ikonen des Kunstbetriebs werden aufgeblättert, auch der verstorbene Ehemann Zack. "Er hatte wirklich sehr wenig Talent, etwa so viel wie die meisten Kunststudenten - bloß diesen verzweifelten Drang, groß zu sein. Nicht einfach nur gut, groß. {...} Er hatte nichts, nur diese -' Sie möchte es nicht sagen: Hoffnung.'" Was war er eigentlich ohne Hope, die "Hoffnung"? "Hopeless", wie er in seinem letzten Telegramm an sie schrieb.

Selbstverliebt

Das Selbst wurde aktionistisch zum Bild, die Kunst war das Selbst und Hope wurde klar, "dass alles, was eine Frau für einen Mann tut, all das Lieben und Sichkümmern, nichts bewirkt, nebensächlich, entbehrlich für ihn ist. Diese Männer hatten einzig die Kunst geliebt - das heißt, sich selbst." Die Kunst, das Selbst und Gott - umkreist von Hopes Gedanken. Der Titel des Romans greift einen Vers von Psalm 27 auf, den Updike seinem Roman vorangestellt hat: "Mein Herz denkt an Dein Wort. Sucht mein Angesicht.' Dein Angesicht, Herr, will ich suchen." Hope, Tochter von Quäkern, kann sich nicht an den Gedanken gewöhnen, dass Gott nicht existiert - wobei sie ihrem jungen Gegenüber nicht zutraut, dafür Verständnis zu haben. "Ich weiß, Sie und alle anderen Ihrer Generation werden mich für ziemlich verrückt halten, aber Gottes Nichtsein ist etwas, an das ich mich nicht gewöhnen kann, es erscheint mir unnatürlich."

Ihre Sätze geben nicht nur Kathryn D'Angelo (!), sondern auch dem Leser zu denken, über Gott, die Welt und die Kunst und ihr Verhältnis zueinander. Die vielen kunsttheoretischen Exkurse, die Updike in seinen Roman gegossen hat, sind allerdings ins (Selbst-)Gespräch nicht immer gut eingebettet. Gewagt ist der feministische Ansatz aus der Feder eines Mannes, der ausschließlich zwei Frauen das Wort und die Gedanken über eine durch und durch männliche Kunstwelt überlässt - ein nicht immer ganz überzeugender, aber interessanter Versuch. An der Einschätzung seines Gelingens schieden sich schon beim Erscheinen des Originals die Geister. Aber das ist dem zweifachen Pulitzerpreisträger schon öfter passiert. Seinem großen Namen wird Kritik keinen Abbruch tun.

Sucht mein Angesicht

Roman von John Updike. Übers. v. Maria Carlsson. Rowohlt Verlag, Reinbek 2005. 315 Seiten, geb., e 20,50

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