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Literatur

"So leben heißt: stückeln …"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Angelika Reitzer präsentiert in ihrer neuen Prosa Frauen in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens.

Angelika Reitzer ist nach dem Erscheinen ihres Romanerstlings "Taghelle Gegend" mit euphorischem Presseecho bedacht worden und gilt seither als interessante Entdeckung der jüngeren Generation.

In einem Porträt verrät die 1971 geborene Autorin, die im Oktober den diesjährigen Reinhard-Priessnitz-Preis erhalten wird, dass sie "unter Blumen und Stauden inmitten von Laub- und Nadelwäldern in der Nähe von Graz aufgewachsen" ist. Ein Terrain, das ihr in guter österreichischer Manier auch ein Feld für ihre Literatur bietet, vielleicht frei nach dem Motto "Das Vogelgezwitscher ist schon das Leben." Reitzers Schreiben ist definitiv kein isoliertes, sondern zu lesen als "Auseinandersetzung und Sich-Abarbeiten" an vorhandenen Traditionen, mitunter auch an Vorbildern. Und das ist auch in ihrem neuen Prosaband "Frauen in Vasen" spürbar. Hier schillern nämlich Zitate aus Werken bekannter Autoren, die am Schluss genannt werden: Handke, Bachmann, Woolf oder Gertrude Stein.

Gleichzeitigkeiten

Bei der Präsentation ihres Textes Super-8 beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb sind die Stimmen der Kritik zum Teil verhaltener. Das Diffuse, eine sich in diesem Text breitmachende unangenehme Stimmung, Kühle werden auf kritische Waagschalen gelegt. In der Tat legt es Reitzer nicht darauf an, einen komplikationsfreien, konventionellen Plot zu liefern, der sich locker öffnet, sondern vielmehr darauf, ein Sensorium für Gleichzeitigkeiten und ineinanderfließende Sequenzen zu aktivieren.

Im Mittelpunkt dieser Texte stehen Frauen, die es sich nicht leicht machen, ihr Leben zu meistern. Reisen, Beziehungen, verschiedene Formen der Arbeit, WGs, Augenblicke, Erinnerungen und Gedanken, modernes Leben zu Miniaturen verflochten, ineinanderrinnende Puzzlestücke und ins Leben ragende Unsicherheiten - viele Themen durchziehen Reitzers Texte. "So leben heißt: stückeln, die ganze Zeit, und vielleicht ist das eh das Einzige, das ich haben kann. Du musst weiter."

Da ist diese Reise in die fremde, marokkanische Stadt. Der Fischmarkt mit seinem "kratzigen, flüchtig versalzenen" Modergeruch, die "abgedunkelten Gänge der Medina", die Teehäuser und schließlich Gewürze, verkauft von Berberfrauen. Plötzlich stellt sich inmitten des Aromas der Fremdheit die Frage nach dem Grund dieser Reise: "Sehnsucht"? Geblieben ist ein "unauffälliges Unterwegssein", das man sich "glamouröser" vorgestellt hat. Oder ist das Ganze überhaupt eine Flucht?

Eine Transformation des Herumziehens und der Unbeständigkeit im Reisen spiegelt sich im Tableau der Beziehungen. Lose durchgespielte Muster mit austauschbaren Liebhabern werden als Beziehungslosigkeit transparent. Daneben durchleuchtet Reitzer Freundschaften oder das schwierige Verhältnis zu Eltern und Verwandten. Ausbrüchen aus konventionellen Schleifen steht die oft glücklose Suche nach lebbaren Varianten gegenüber. Ein Besuch bei den Eltern wird mit dem vexierbildhaften Gewahrwerden von Erinnerungen verwoben, unterfüttert mit den ungerechten Vorhaltungen des Vaters und der plötzlichen ersten Begegnung mit dem Halbbruder.

Immer wieder taucht die starke Persönlichkeit der Großmutter auf. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie "nicht mehr Ehefrau", sondern "nur mehr Mutter, Herrscherin" über eigenes Land. In "Streuobst" wird der penibel gepflegte Obstgarten der Großmutter zentraler Fluchtpunkt für Feste, wo sich die Frauen der Familie regelmäßig einfinden. Präsent ist ein kritischer, distanzierter Blick, der ironisiert und sich in der Absage an herkömmliche Textstrukturen fortsetzt.

Reitzer gelingt es, in ihrer Prosa einer schwebenden Welt Ausdruck zu verleihen. Durchwegs spürbar ist ein reflexiver, feinsinnig grundierter Gedankenfluss, den sie in eine poetisch aufgeladene Sprache gießt. Diese Sprache trägt einen gewissen Anspruch in sich, denn nicht nur folgendem Zitat wohnt eine traumwandlerische Sicherheit inne: "Sitzen. Warten. Beckett kommt nie, wenn man ihn braucht."

FRAUEN IN VASEN

Von Angelika Reitzer

Haymon Verlag, Innsbruck 2008

140 Seiten, geb., € 17,90

Angelika Reitzer präsentiert in ihrer neuen Prosa Frauen in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Lebens.

Angelika Reitzer ist nach dem Erscheinen ihres Romanerstlings "Taghelle Gegend" mit euphorischem Presseecho bedacht worden und gilt seither als interessante Entdeckung der jüngeren Generation.

In einem Porträt verrät die 1971 geborene Autorin, die im Oktober den diesjährigen Reinhard-Priessnitz-Preis erhalten wird, dass sie "unter Blumen und Stauden inmitten von Laub- und Nadelwäldern in der Nähe von Graz aufgewachsen" ist. Ein Terrain, das ihr in guter österreichischer Manier auch ein Feld für ihre Literatur bietet, vielleicht frei nach dem Motto "Das Vogelgezwitscher ist schon das Leben." Reitzers Schreiben ist definitiv kein isoliertes, sondern zu lesen als "Auseinandersetzung und Sich-Abarbeiten" an vorhandenen Traditionen, mitunter auch an Vorbildern. Und das ist auch in ihrem neuen Prosaband "Frauen in Vasen" spürbar. Hier schillern nämlich Zitate aus Werken bekannter Autoren, die am Schluss genannt werden: Handke, Bachmann, Woolf oder Gertrude Stein.

Gleichzeitigkeiten

Bei der Präsentation ihres Textes Super-8 beim diesjährigen Bachmann-Wettbewerb sind die Stimmen der Kritik zum Teil verhaltener. Das Diffuse, eine sich in diesem Text breitmachende unangenehme Stimmung, Kühle werden auf kritische Waagschalen gelegt. In der Tat legt es Reitzer nicht darauf an, einen komplikationsfreien, konventionellen Plot zu liefern, der sich locker öffnet, sondern vielmehr darauf, ein Sensorium für Gleichzeitigkeiten und ineinanderfließende Sequenzen zu aktivieren.

Im Mittelpunkt dieser Texte stehen Frauen, die es sich nicht leicht machen, ihr Leben zu meistern. Reisen, Beziehungen, verschiedene Formen der Arbeit, WGs, Augenblicke, Erinnerungen und Gedanken, modernes Leben zu Miniaturen verflochten, ineinanderrinnende Puzzlestücke und ins Leben ragende Unsicherheiten - viele Themen durchziehen Reitzers Texte. "So leben heißt: stückeln, die ganze Zeit, und vielleicht ist das eh das Einzige, das ich haben kann. Du musst weiter."

Da ist diese Reise in die fremde, marokkanische Stadt. Der Fischmarkt mit seinem "kratzigen, flüchtig versalzenen" Modergeruch, die "abgedunkelten Gänge der Medina", die Teehäuser und schließlich Gewürze, verkauft von Berberfrauen. Plötzlich stellt sich inmitten des Aromas der Fremdheit die Frage nach dem Grund dieser Reise: "Sehnsucht"? Geblieben ist ein "unauffälliges Unterwegssein", das man sich "glamouröser" vorgestellt hat. Oder ist das Ganze überhaupt eine Flucht?

Eine Transformation des Herumziehens und der Unbeständigkeit im Reisen spiegelt sich im Tableau der Beziehungen. Lose durchgespielte Muster mit austauschbaren Liebhabern werden als Beziehungslosigkeit transparent. Daneben durchleuchtet Reitzer Freundschaften oder das schwierige Verhältnis zu Eltern und Verwandten. Ausbrüchen aus konventionellen Schleifen steht die oft glücklose Suche nach lebbaren Varianten gegenüber. Ein Besuch bei den Eltern wird mit dem vexierbildhaften Gewahrwerden von Erinnerungen verwoben, unterfüttert mit den ungerechten Vorhaltungen des Vaters und der plötzlichen ersten Begegnung mit dem Halbbruder.

Immer wieder taucht die starke Persönlichkeit der Großmutter auf. Nach dem Tod ihres Mannes ist sie "nicht mehr Ehefrau", sondern "nur mehr Mutter, Herrscherin" über eigenes Land. In "Streuobst" wird der penibel gepflegte Obstgarten der Großmutter zentraler Fluchtpunkt für Feste, wo sich die Frauen der Familie regelmäßig einfinden. Präsent ist ein kritischer, distanzierter Blick, der ironisiert und sich in der Absage an herkömmliche Textstrukturen fortsetzt.

Reitzer gelingt es, in ihrer Prosa einer schwebenden Welt Ausdruck zu verleihen. Durchwegs spürbar ist ein reflexiver, feinsinnig grundierter Gedankenfluss, den sie in eine poetisch aufgeladene Sprache gießt. Diese Sprache trägt einen gewissen Anspruch in sich, denn nicht nur folgendem Zitat wohnt eine traumwandlerische Sicherheit inne: "Sitzen. Warten. Beckett kommt nie, wenn man ihn braucht."

FRAUEN IN VASEN

Von Angelika Reitzer

Haymon Verlag, Innsbruck 2008

140 Seiten, geb., € 17,90