Die Merowinger - © Peter Fasching
Theater

Unentschlossen ins Vergessen: müde Doderer-Adaptionen

1945 1960 1980 2000 2020
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Mit weit aufgerissenen Augen blicken Heimito von Doderers Protagonisten in die Vergangenheit. Melzer aus Doderers „Strudlhofstiege“ huscht über die Bühne der Josefstadt. Am Volkstheater tobt Childerich III. aus dem Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“. Was macht Doderers Prosa fürs Theater so interessant? Diese Frage beantwortet keine der beiden Inszenierungen, auch wenn die Bearbeitungen unterschiedlicher kaum ausfallen könnten.

Nicolaus Haggs Josefstadt-Fassung konzentriert sich auf die Ereignisse rund um die Großindustriellen-Familie von Stangeler. Melzer bleibt Zaungast der Geschichte und des eigenen Lebens. Ulrich Reinthaller spielt ihn, als sei er ein Gespenst, ein lebendig Begrabener. Das betont auch ein überdimensionaler Sargdeckel, der sich während des Abends einmal hebt und dann wieder senkt. Hier sind alle Doderer’schen Charaktere im Inneren dieses monströsen Sarges gefangen, aus den kollektiven Traumatisierungen durch den Ersten Weltkrieg gibt es kein Entkommen. Das ist jedoch mehr Zustand als dramatische Entwicklung und so funktioniert dieser außergewöhnliche Roman ebenso wenig auf der Bühne wie „Die Merowinger“.

Im Volkstheater hat Franzobel eine revueartige Form gefunden, die jeglicher Dramaturgie entbehrt. Peter Fasching ist trotz hysterischer Wutanfälle ein schwacher Childerich III. Wahrscheinlich deswegen ist ihm die ­(Omni-)­Potenz so wichtig. Dazu gehört die Allmachtsrolle über die „totale Familie“. Doderer, Absolvent des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, machte sich mit den genealogisch verworrenen Familienverhältnissen rund um Childerich über die Verwandtschaftsehen der dynastischen Häuser lustig. Was ihm erzählerisch hervorragend gelingt und von einer bizarren Komik ist, das lässt sich offensichtlich nicht auf die ­Bühne bringen. Franzobel nutzt das vorhandene skurrile Potential jedoch nur wenig und verschenkt viele Möglichkeiten.

Den Akteuren bleibt nur das Deklamieren an der Rampe. Auch Childerichs berühmte Wutausbrüche lassen sich in ihrer grotesken Vehemenz kaum sichtbar machen. Am Volkstheater wird sie entäußert: Eine Musikkapelle (unter Thomas Schrammel) bläst Childerich den Marsch. Eine Notlösung.

Die Idee der Intendantin und Regisseurin ­Anna Badora, mit den „Merowingern“ Energie der Zuseher freizusetzen, misslingt. Der Wutbürger wird damit nicht aktiviert. Vielmehr verlassen die Zuschauer erstarrt das Volkstheater. Auch in der Josefstadt waren die Reaktionen ­müde. Es ist zu hoffen, dass die Phase der umfassenden Roman-Dramatisierungen ein Ende ­findet, und man sich wieder auf szenische Vorgänge freuen darf, auf Theater, das atmet.

Mit weit aufgerissenen Augen blicken Heimito von Doderers Protagonisten in die Vergangenheit. Melzer aus Doderers „Strudlhofstiege“ huscht über die Bühne der Josefstadt. Am Volkstheater tobt Childerich III. aus dem Roman „Die Merowinger oder Die totale Familie“. Was macht Doderers Prosa fürs Theater so interessant? Diese Frage beantwortet keine der beiden Inszenierungen, auch wenn die Bearbeitungen unterschiedlicher kaum ausfallen könnten.

Nicolaus Haggs Josefstadt-Fassung konzentriert sich auf die Ereignisse rund um die Großindustriellen-Familie von Stangeler. Melzer bleibt Zaungast der Geschichte und des eigenen Lebens. Ulrich Reinthaller spielt ihn, als sei er ein Gespenst, ein lebendig Begrabener. Das betont auch ein überdimensionaler Sargdeckel, der sich während des Abends einmal hebt und dann wieder senkt. Hier sind alle Doderer’schen Charaktere im Inneren dieses monströsen Sarges gefangen, aus den kollektiven Traumatisierungen durch den Ersten Weltkrieg gibt es kein Entkommen. Das ist jedoch mehr Zustand als dramatische Entwicklung und so funktioniert dieser außergewöhnliche Roman ebenso wenig auf der Bühne wie „Die Merowinger“.

Im Volkstheater hat Franzobel eine revueartige Form gefunden, die jeglicher Dramaturgie entbehrt. Peter Fasching ist trotz hysterischer Wutanfälle ein schwacher Childerich III. Wahrscheinlich deswegen ist ihm die ­(Omni-)­Potenz so wichtig. Dazu gehört die Allmachtsrolle über die „totale Familie“. Doderer, Absolvent des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, machte sich mit den genealogisch verworrenen Familienverhältnissen rund um Childerich über die Verwandtschaftsehen der dynastischen Häuser lustig. Was ihm erzählerisch hervorragend gelingt und von einer bizarren Komik ist, das lässt sich offensichtlich nicht auf die ­Bühne bringen. Franzobel nutzt das vorhandene skurrile Potential jedoch nur wenig und verschenkt viele Möglichkeiten.

Den Akteuren bleibt nur das Deklamieren an der Rampe. Auch Childerichs berühmte Wutausbrüche lassen sich in ihrer grotesken Vehemenz kaum sichtbar machen. Am Volkstheater wird sie entäußert: Eine Musikkapelle (unter Thomas Schrammel) bläst Childerich den Marsch. Eine Notlösung.

Die Idee der Intendantin und Regisseurin ­Anna Badora, mit den „Merowingern“ Energie der Zuseher freizusetzen, misslingt. Der Wutbürger wird damit nicht aktiviert. Vielmehr verlassen die Zuschauer erstarrt das Volkstheater. Auch in der Josefstadt waren die Reaktionen ­müde. Es ist zu hoffen, dass die Phase der umfassenden Roman-Dramatisierungen ein Ende ­findet, und man sich wieder auf szenische Vorgänge freuen darf, auf Theater, das atmet.

Theater

Aktuelle Aufführungen

Die Strudlhofstiege
Theater in der Josefstadt, 19., 20. Sept., 1., 2. Okt.

Die Merowinger oder Die totale Familie
Volkstheater, 20., 24. Sept., 2., 5. Okt.